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Don DeLillo
Bluthunde

Kiepenheuer & Witsch
1999
335 Seiten


Von Volker Frick am 24.03.2000

  Romanerzähler, Terroristen und dann die Nachrichten. Gewalt, Wiederholung und Geschichte. Kobaltblau. Schwarze Komödie, weisses Rauschen und Schemen des Grauen. Am Ende der einsamen Perzeption nervenlose Ballette der Plünderung. Sprache als Spiegel der Welt und die Urszene der Postmoderne: JFK. Ästhetik und Politik ... und profane Illuminierungen. Filmritus - ohne Bewegung ist alles nichts. Am Horizont des Ozeans ein Flugzeugträger, ruhig und langsam verschwindend hinter der untergehenden Sonne.
  "Cleo Birdwell", stellte er sich vor. "Wußten Sie, daß Lee Harvey Oswald im wirklichen Leben Schauspieler war?" Humor ist nicht Gegenpol, sondern Teil der Angst, Candy antwortete "Es gibt eine Ordnung in der Mitte aller Zufälligkeiten."
  Die Gewalt des heutigen Lebens. Ein Spezialist für Populärkultur oder ein Soziologe der Krise.
  "Mordanschläge, Nuklearkatastrophen, Hitler-Studien, Vulkanausbrüche. Mich interessiert der Mechanismus und die Logistik des Desasters."
  Eher ein seriöser Apokalyptiker im Zeitalter der Verschwörung. Industriespionage, Infiltration, Intrige. Korrelationen der Chiffren des Chaos.
  "Die amerikanischen Städte sind Angstterminals. Motels, wispernde Ventilatoren, Bars, Highways und Supermärkte. Reisen und Sex. Amerika."
  Die Fakten einer finalen Fiktion, um die Überlebenden wissen zu lassen, was sie überlebt haben. Kein Adept der Gewalt, kein Halbmystiker. Die Landschaft ist still, ob Wüste oder kleiner Raum, ein Loch in der Erde. Die Stimme, der du antworten wirst, ist deine eigene Stimme.
  "Leere Landschaften inspirieren Spiele. Regeln und Grenzen, perfekte Strukturen, perfekte Momente. Eine Welt in der Welt. Abenteuer, Reflektionen. Diskret, kontinuierlich. Linkes Gehirn, rechtes Gehirn."
  "Die Intimität von Sprache. Unvollendete Sätze und Kindergebrabbel, Akzente, Dialekte und Tiergeräusche. Mimikry."
  Was du schreibst, was du darüber sagst. Das Vokabular ist unwichtig. So als ob der Schmerz ein Teil der Harmonie des Nervensystems ist. Defensives Leben.
  "Film war eine populäre Kunst und wurde mit Antonioni, Fellini und Godard zur seriösen Kunst. Godard hat einen größeren Einfluß auf mein Frühwerk als irgendetwas, was ich gelesen habe."
  Die Sprache der Wahnsinnigen ist stärker als jede andere. Es ist die Sprache des Selbst, der Schmerzen des Selbst.
 
  Cleo Birdwell ist gewesen ein Pseudonym des am 20. November '36 geborenen amerikanischen Schriftstellers Don DeLillo. In seinem bislang unübersetzten Roman Great Jones Street der Satz "Every pornographic work brings us closer to Facism." Mit dem schon vor Erscheinen einsetzenden hype seines Romans Underworld, eine mimetisch orientierte Darstellung von Amerika und seiner americana, hat in Folge Don DeLillo eine kapitale Reputation erfahren, auch in Deutschland. Sie kennen diese Fotografien, Hitler vor dem Spiegel, einübend prüfen den Blick der Anderen, le signe du mirroir, gestengleich Handlungen vorzeichnend suggerieren.
  In seinem Roman Mao II spricht Don DeLillo: Beckett ist der letzte Schriftsteller, der unsere Art zu denken und zu sehen dargestellt hat. Die bedeutenderen Werke nach ihm befassen sich mit der Sprengung von Flugzeugen und Gebäuden. Das ist die neue tragische Erzählkunst. Entropie findet in geschlossenen Systemen statt, findet sich jedoch ein Element außerhalb des Systems, so ist dies Infragestellung und Formierung eines neuen Systems.
  In Zusammenhang mit den Romanen von Don DeLillo macht es Sinn auf den Unvollständigkeitssatz von Gödel zu verweisen. In seinem bislang unübersetzten Roman Ratner's Star ist das System die Mathematik, in dem nun vorliegenden Roman Bluthunde ist das System der Geheimdienst, in Die Namen ist es die Sprache, in Sieben Sekunden ist es die Verschwörung und in Mao II ist das System der Terrorismus.
  Die Charaktere in DeLillos Romanen können als solche nicht bezeichnet werden, gewinnen sie ihr schattenhaftes Dasein doch allein durch ihr Tun, ihr Handeln. Bauchredner - die Fiktion aller Fakten. Dem letztjährig erschienenen Roman Unterwelt hat nun niemand angemerkt die Implementierung dreier Kurzgeschichten, die zwischen 1992 und 1994 in Zeitschriften erschienen sind, als da wären Pafko at the Wall (Harper's), The Angel Esmeralda (Esquire) und Videotape (Antaeus).
  Die neueste Disziplin für Fiktion-Schreiber nennt sich "kontrafaktische Mutmaßungen", was wäre passiert, wenn? Eingangssequenz. Rotes Kleid - ermordet - Blut - des Kaisers neue Kleider. Sie ist ein Mann. Crossdressing, Hobby-TV, Filmrolle.
  Der Roman kreist um ein Zentrum, ein Vakuum. Ein Senator, der erotische Kunst sammelt, beziehungsweise sammeln läßt. Eine Journalistin eines ehedem radikalen Magazins, Bluthunde.
  "Bringen Sie Nackedeis?"
  "Hin und wieder."
  "Männliche und weibliche?"
  "Weibliche."
  "Schamhaare?"
  "Retuschiert."
  Winselnd eine Spur aufnehmen, sie wieder verlieren. Geheime Gebeine, Gerüche und Gerüchte, öffentlich unter der Hand, Verbindungen. Ein Film aus den letzten Tagen im Führerbunker in Berlin. Pornographie, wer weiß?
  Am Ende dieses frühen Thrillers von DeLillo bekommen wir den Film sogar zu sehen. David Ferries sagt in dem Roman Sieben Sekunden:
  "Geschichte ist die Summe aller Dinge, die sie uns nicht erzählen."
  Und DeLillo selbst sagt:
  "Sprache ist der einzige Fluchtweg."
  Ein weiterer exquisiter Fluchtweg in Form des Romans vom "Oberschamanen der paranoiden amerikanischen Literatur"(New York Review of Books) lege ich Ihnen dringlichst an Herz und Hirn.

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