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Helge Lehmann
Die Todesnacht in Stammheim
Eine Untersuchung: Indizienprozess gegen die staatsoffizielle Darstellung und das Todesermittlungsverfahren

Pahl-Rugenstein
2011
237 Seiten
ISBN-13: 978-3891444375


Von Volker Frick am 09.11.2011

  Ein forensischer Thriller möchte man meinen, sagte einem das ikonoklastische 'Stammheim' nicht doch etwas. Das Stammhirn springt an auf die Gewalt gegen die Gewalt des Staates. Im Namen des Volkes geht alle Gewalt vom Staat aus.
  Kommen wir nun zu einem anderen Thema: Der Kabarettist Wolfgang Neuss schrieb 1983: „Ich würde der notleidenden bundesrepublikanischen Stahlindustrie empfehlen, ein paar viele Denkmäler mit den westdeutschen Patrioten Ensslin, Baader, Meinhof, Mahler, Dutschke aufzustellen: von Menschen, die durch ihren Lebenswandel ein allgemeingültiges BRD-Bewußtsein schufen.“ Und auf die Frage 'Ihre Heldinnen in der Geschichte?' des FAZ-Fragebogens antwortete er am 22.06.1984: „Brigitte Mohnhaupt“. Wegen des Nachnamens, ist doch klar.
  Kommen wir zurück zum Thema: Freimut Duve schrieb in einem Brief an Mario Krebs (zu finden in dessen Buch über Ulrike Meinhof): „Der 'Baader-Meinhof-Gruppe', wie sie anfangs in den Presseberichten hieß, ist es gelungen, die Republik zu verändern, den Begriff der Inneren Sicherheit zum neuen und dringlichsten Staatsziel aufsteigen zu lassen: der Ausbau des Bundeskriminalamtes, die Anti-Terror-Gesetze, die neu eingeführte Definition einer 'terroristischen Vereinigung'. Der Staat hat reagiert, als Rächerstaat.“ Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt wurden 1985 beide zu jeweils fünfmal lebenslänglich plus 15 Jahre verurteilt. Der letzte Satz in dem Buch von Mario Krebs über Ulrike Meinhof: „Es gibt keinen Freitod hinter Gittern.“
  Und nun ein neues Buch. Und es stellt Fragen. Gut so. Es fasst bekannte Fakten argumentativ schön kurz knapp aufgereiht zusammen, ergänzt, präzisiert, grenzt ab und macht dadurch klar. Es stellt Fragen, sagen wir mal so: Was wollt ihr mir denn erzählen?
  Andreas Baader und Gudrun Ensslin verstarben am 18. Oktober 1977 im Gefängnis, Jan-Carl Raspe im Krankenhaus. „Ich glaube, die RAF wird uns noch viele, viele Jahre begleiten.“ So der Jurist und vermeintliche RAF-Experte Butz Peters am 07.05.2007 auf den Seiten von tagesschau.de zu lesen. Aber was ist das nun wieder, RAF-Experte?
  Helge Lehmann nun als RAF-Experten zu bezeichnen möchte ich mir verkneifen. Andererseits: das Buch ist schon der Hammer. 237 Seiten, 834 Fußnoten. Und eine beiliegende CD mit Dokumenten der unterschiedlichsten Art. In den wesentlichsten Passagen arbeitet der Autor stringent. Man schnappt nach Luft, obwohl die wesentlichen Fakten doch bekannt sind, auch wenn sie diametral der sonstigen veröffentlichten Meinung gegenüber stehen. Nehmen wir nur mal Willi Winkler, Journalist, Übersetzer (Updike, Burgess, Bellow), der mit dem Titel seines Buches festschreibt 'Die Geschichte der RAF', ergo dann auch eine Kapitelüberschrift: 'Die Selbstmordnacht von Stammheim'.
  Die Todesnacht in Stammheim, tote Gefangene im Hochsicherheitstrakt, wir erinnern uns, Jean Baudrillard schrieb Anfang November 1977, also zwei Wochen nach der Stürmung der von drei Mitgliedern der PFLP entführten Lufthansamaschine 'Landshut' in Mogadischu durch die GSG 9 (2 Tote, eine Überlebende) und den Toten der selben Nacht in Stammheim (3 Tote, eine Überlebende), Jean Baudrillard schrieb in der 'Libération': „Wenn man sich also vorstellen kann, die Luftpiraten hätten ihren Tod absichtlich herbeigeführt, jene Art von paradoxem Tod, der einen Augenblick lang in höchstem Glanz glitzert, ehe er zurückgleitet ins Reale, dann kann man sich umgekehrt genauso gut vorstellen, dass auch die deutsche Regierung nur zu einem wohldefinierten Zweck so viele Fehler gemacht hat (selbst wenn das nicht ihre Absicht war). Sie hätte Baaders Tod sauber inszenieren können – sie hat es nicht getan. Das ist keineswegs eine Randepisode – darin hat man den Schlüssel der Situation zu sehen. Indem sie über die Tatsachen Zweifel und bewusste Zweideutigkeiten aussäte, hat sie dafür gesorgt, dass nun die Wahrheit über diesen Tod die Gemüter erregt – und nicht dieser Tod selbst.“
  Das Buch empfiehlt sich, allein schon durch die vielen offenen Fragen, die es einem mit auf den Weg gibt. Ein wenig fühlt der Leser resp. die Leserin sich erinnert an die abschließenden Worte im „Bericht der Internationalen Untersuchungskommissionnnn: Der Tod Ulrike Meinhofs“: „Die Ergebnisse der Untersuchungen legen den Schluß nahe, daß Ulrike Meinhof tot war, als man sie aufhängte, und daß es beunruhigende Indizien gibt, die auf das Eingreifen eines Dritten im Zusammenhang mit diesem Tod hinweisen.“
  Informationen zum Autor als auch Präsenz des Buches: im Internet.

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