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Steffen Radlmaier
Beckett in Bayern
Ich bin froh, wenn ich hier weg bin

Kleebaum Verlag
2011
88 Seiten
978-3930498314


Von Volker Frick am 09.10.2011

  Zugegeben, mit der ersten Wahrnehmung dieses Buches stöhnte ich, 'Beckett in Bayern', ich glaub' es hackt. Nun gut, der Untertitel sei nicht unterschlagen: „Ich bin froh, wenn ich hier weg bin“. So Beckett himself. Das angenehm kurze Vorwort des Autors fängt das eigene Werk angemessen ein: „Dass Beckett seine lange Deutschlandreise ausgerechnet in Bayern beendete und dort seltsame Dinge erlebte, mag aber als kuriose Fußnote der Literaturgeschichte gelten.“
  Im Vorwort benennt Steffen Radlmaier Beckett als Klassiker des Absurden – eine Darstellung der literaturhistorischen Genese dieser Fehleinschätzung ist dringend geboten, zumal da bereits Adorno andeutete: „Das angeblich absurde Theater ist realistisch.“ Aber warum nach Erika Tophoeven, 'Becketts Berlin' (2005), Lutz Dittrich et al, 'Obergeschoss still closed. Samuel Beckett in Berlin 1936/1937' (2006), Roswitha Quadflieg, 'Beckett was here. Hamburg im Tagebuch Samuel Becketts von 1936' (2006), Matthias Mühling, 'Mit Samuel Beckett in der Hamburger Kunsthalle' (2003) und 'Samuel Beckett in Kassel. 1928 - 1932' (2006), herausgegeben von der deutschen Samuel Beckett-Gesellschaft, warum jetzt also nicht 'Beckett in Bayern'?
  Während dieser halbjährigen so benannten 'Bildungsreise' hielt sich Beckett mit Abstand am längsten in Hamburg, wo er am 2. Oktober 1936 mit der SS Washington ankommt und zwei Monate bleibt, auf. Aus Berlin, wo er sechs Wochen bleibt, schreibt er an eine alte Schulfreundin: „Es hat sich tatsächlich erwiesen, daß diese Reise von etwas weg und nicht zu etwas hin führt“. Er besucht Dresden („Allerliebster erster Eindruck von Dresden, Gefühl von Freiheit und Raum nach dem Dickicht von Leipzig“). Und er besucht er viele weitere Städte. Herr Radlmaier verhandelt die Aufenthalte Becketts in Bamberg, Staffelstein, Würzburg, Nürnberg, Regensburg, München. Leider zitiert er den Baedeker 'Das deutsche Reich und einige Grenzgebiete' des Jahres 1936 zu extensiv. Der Hinweis, dass Beckett diesen zur Erkundung nutzte, hätte genügt, sind doch die Zitate aus besagtem Baedeker in diesem Buch die einzigen, die nicht bibliografisch nachgewiesen werden.
  Herr Radlmaier – Feuilleton-Chef der Nürnberger Nachrichten – schreibt: „Über die politische Lage im nationalsozialistischen Deutschland, schwieg sich Beckett weitgehend aus.“ Das Kommata ist überflüssig, und die Aussage per se eine steile Hypothese. Beckett war erschrocken, und Sam hat sich lustig gemacht. Um die Subversivität des Lachens wußte niemand besser als Samuel Beckett. Allseits bekannt ist sein öffentlicher Protest im Herbst 1968 gegen die Inhaftierung Fernando Arrabals im faschistischen Spanien unter Franco, ebenso, dass er sein Stück 'Catastrophe' von 1982 Václav Havel, dem 1979 zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilten Wortführer der Charta 77 widmete. Zumindest die Romane 'Watt' und 'Mercier und Camier'als auch der Zweiakter 'Warten auf Godot' sind ohne die Folie des deutschen Faschismus kaum zu verstehen. Beckett wurde mit dem Croix de Guerre und der Médaille de la Résistance ausgezeichnet.
  Radlmaier ist kompetent in der Rekonstruktion des bayrischen Zeitfensters am Ende der Deutschlandreise 1936/37 von Beckett, wobei er meist indirekt auf die so benannten 'German Diaries', den Tagebüchern, die Beckett während dieser Reise schrieb, rekurriert - in Auszügen darf zitiert werden. Mittlerweile ist die Publikation derselbigen für 2015 avisiert. Die Biografie von James Knowlson, als in der Überzahl Veröffentlichungen jüngeren Datums zu oder von Beckett, wie den ersten Band der 2009 erschienenen Briefe (1929-1940), sind weitere Quellen. Und wenn Herr Radlmaier zitiert, so meist nicht das Original, sondern in adäquater eigener Übersetzung.
  Angenehm das Nachwort von Bernhard Windisch: „Die Welt aber verstellt (…) das Nichts und der vormals darauf reagierende, sich vor ihm windende und gegen es behauptende Mind beschäftigt sich jetzt mit dem Gerümpel, das die Welt ausmacht und mit Fülle verwechselt wird.“ Dieser Tonfall fehlt dem Buch, und eingedenk der Tatsache, dass „Samuel Becketts Werk (...) in weitaus stärkerem Maß, als dies lange vermutet wurde, mit Details aus dem Leben des Autors unterfüttert“ ist, wie Friedhelm Rathjen trefflich formulierte, bleibt zu konstatieren, diese Rückbindung an das Werk des Literaturnobelpreisträgers des Jahres 1969 findet nicht statt.
  Dieses Buch bietet nichts, was nicht schon andernorts beschrieben ward. Und der Preis ist ziemlich gesalzen.

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