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Carolyn Jess-Cooke
The Guardian Angel’s Journal

Little, Brown Book Group
2011
384 Seiten
ISBN-13: 978-0749953232
€ 7,99


Von Christel Schweitzer am 11.09.2011

  Eines vorweg, wer nicht an die Existenz von Engeln glaubt, der sollte weder diese Buchkritik lesen, noch den, der Rezension zugrundeliegenden, Roman.
  Ja, ich glaube an Engel, ich bin sogar davon überzeugt, daß meine Großmutter ihre schützenden Flügel über mich breitet und seit dem Tod meiner Tante auch von dieser ein wenig Unterstützung erhält. Kitschig, kindisch…sich geborgen und beschützt zu fühlen, ist ja an sich kein wirklich verrückter Gedanke, oder?!
  Der Roman von Jess-Cooke handelt von dem „weiblichen“ Schutzengel Ruth. Kurz nach Ruths Tod (alias Margot Delacroix) wird sie als ihr eigener Schutzengel abkommandiert: „Some guardian angels are sent back to watch over siblings, children, people they cared about. I returned to Margot. I returned to myself. I am now my own guardian angel, a monastic scribe of the biography of regret, stumbling over my memories, carried away in the tornado of a history that I cannot change“ (Seite 2)
  Der Himmel – repräsentiert durch Nan, einen älteren Engel - läßt Ruth keine Verschnaufpause. Sie, die kaum gestorben und der Welt des irdischen entrissen, in ein ätherisches Wesen verwandelt, wieder auf der Erde landet. Ruth ist maßlos verwirrt, noch dazu erklärt ihr Nan die nun für sie als Schutzengel geltenden Spielregeln: 1) Ruth wird Zeuge ihres eigenen (= Margots) Fühlens, Denkens und Handelns auf der Erde, 2) Ruth hat sich selbst (= Margot) vor den Mächten des Bösen zu schützen, ins Schicksal eingreifen kann sie zwar bedingt, erlaubt ist ihr dies aber nicht. Weiters, 3) Ruth muß einen Bericht über ihre Rolle als Schutzengel anfertigen (eigentlich übernehmen diese Aufgabe ihre eigenen Flügel, wird sie von Nan belehrt) und 4) Ruth soll sich selbst (= Margot) lieben.
  Als Ruth ängstliche Fragen an Nan richtet, wiegelt diese ab und beruhigt Ruth, daß sie immer wieder zu ihr kommen werde. Und außerdem sei Ruth ja nun ein Engel und es bestünde überhaupt kein Grund zur Furcht.
  Nan entschwindet in einer Wolke aus Licht und läßt Ruth im Stiegenhaus eines schmutzigen Mietshauses in Belfast zurück. Dort hört sie schmerzvolles Stöhnen. Ihr erster Instinkt rät ihr zur Flucht, doch sie folgt dem Geräusch. Sie wird nun nicht nur ihr eigener (d.h. Margots) Geburtshelfer, sie muß auch mit ansehen, wie ihre Mutter (eine junge, drogenabhängige Frau) bei der Geburt stirbt. Ruth ist zwar ein Engel, aber nicht der Schutzengel ihrer Mutter, sie kann demnach auch rein gar nichts für diese tun. Dem neugeborenen Mädchen geht es nicht viel besser als der Mutter, es ist schwach und unterernährt und scheint an den Folgen der schweren Geburt zu sterben. Zum ersten Mal erprobt Ruth, rein instinktiv, ihre Engelskräfte und reanimiert damit die kleine Margot. Der Vater des Kindes, er ist zum Zeitpunkt von Margots Geburt betrunken, kommt zwar ins Zimmer seiner Freundin, findet diese aber nur mehr leblos vor und ein leise wimmerndes Kind neben ihr. Er ist mit der Situation restlos überfordert. Letztlich wird die Polizei gerufen und Margots Vater zum Verhör abgeführt. Dies wird das letzte Mal sein, daß er Margot sieht.
  Margot wird am schnellsten Wege ins Spital gebracht, denn, daß ihr Leben am seidenen Faden hängt, erkennen die Polizisten sofort.
  Im Spital kümmert sich Dr. Edwards um Margots leibliches Wohl, Ruth hat sich um Margots kleine verwundete Seele zu kümmern: „Watching, protecting, recording and loving Margot meant barely leaving her side…I was bound to her, and not just because she was me...” (Seite 24).
  Zusätzlich zu ihrer Rolle als unsichtbare Gouvernante stellt Ruth fest, daß sie als Engel eine andere Art der Wahrnehmung beherrscht: sie kann Dinge zwar nicht angreifen, aber sie kann sie spüren. Sie kann die irdische Welt zwar sehen, aber Ruth kann auch gleichzeitig in die Menschen hinein und durch Dinge hindurch sehen. Zeit stellt für sie als Engel keine meßbare Einheit mehr dar, da Ruth mehrere und verschiedene Zeitebenen gleichzeitig visualisieren kann.
  Die ersten Adoptiveltern, die sich um Margot annehmen, obwohl Dr. Edwards warnt, daß das kleine Mädchen eine Herzkrankheit hat und möglicherweise bald sterben könnte, sind Una und Ben. Ben ist Anwalt, verdient gut, Una führt den Haushalt und kümmert sich rührend um Margot. Unas Liebe wird Margot noch lange in ihrem späteren Leben begleiten, darauf achtet Ruth. Diese ist überglücklich über das Schicksal, das Margot widerfährt, denn das Leben hat es wahrlich nicht gut mit Ruth als lebenden Menschen gemeint. Schon glaubt Ruth, daß sich das Blatt des Schicksals positiv gewendet hat, als sie zu spät die Anzeichen der bösen Mächte erkennt. Diese sprengen das Auto, in dem Una und Ben zu ihrem Hochzeitstagsessen fahren wollen (Margot ist inzwischen bei einer netten alten Nachbarin) und beide sind auf der Stelle tot.
  Margot bekommt bald darauf neue Adoptiveltern. An diese, bzw. die schauderhafte Umgebung kann sich Ruth noch schemenhaft erinnern. Sie ist verzweifelt, als sie sieht, wie Padraig und Sally Teague mit Margot umgehen. Sie haben das Kind nur des Pflegegeldes wegen zu sich genommen, gefüttert wird das Mädchen kaum, gepflegt noch viel weniger. Daß Margot nicht schon als Kleinkind stirbt, hat sie Dobrogost, einem der vielen, bei den Teagues illegalerweise untergebrachten Immigranten, zu verdanken. Doch als dieser auf mysteriöse Weise verschwindet, scheint es auch um Margots Schicksal schlecht gestellt zu sein.
  Ruth schafft es in letzter Minute Margot vor zwei betrunkenen Männern zu retten, indem sie Dr. Edwards, der zufälligerweise an dem Haus der Teagues vorbeijoggt, auf Margots jämmerliche Schreie aufmerksam macht. Nicht nur Dr. Edwards klopft nun an die Haustür der Teagues und befreit das gefesselte Kleinkind von seinem Peiniger, auch zwei Polizisten werden auf den Lärm aufmerksam. Dies ist nicht nur Margots Rettung, sondern auch das Ende der illegalen Geschäfte der Teagues.
  Dr. Edwards nimmt Margot nun zu sich und pflegt das Kind gesund, doch seine Frau Lou und eine seiner beiden Töchter, Kate begegnen dem neuen Gast feindseelig. Nur Karina, die ältere Tochter findet Gefallen an Margot und beschäftigt sich mit ihr. Es vergehen ein paar ruhige und in Karinas Gesellschaft lustige Monate, in denen Margot Dr. Edwards wie einen Vater zu lieben beginnt. Doch die Ehe von Dr. Edwards und seiner Frau bricht auseinander und Margot bleibt bei Lou, Karina und Kate zurück. Lou, die einen neuen Mann an ihrer Seite und keine Lust auf Kinder hat, setzt Karina in Edinburgh ab, wo diese studieren möchte und Margot, das Findelkind, vor die Türe des Waisenhaus St Anthony.
  Ruth versucht zwar verzweifelt Margot von der Idee an diese Türe zu klopfen und um Einlaß zu bitten, abzubringen, da Ruth nur allzu genau weiß, welche Gräuel hinter dieser Türe lauern, doch sie schafft es nicht sich bei Margot Gehör zu verschaffen: „Once we stepped inside, my feelings of revulsion at returning to the site of my greatest childhood terror …“ (Seite 72)
  Fast scheint es so, als sei Ruths alias Margots Leidensweg irreversibel vorprogrammiert…doch: „Destiny? Forget it. It’s all a decision. Margot had made it without realising or understanding it“ (Seite 71).
  Ob Ruth ihrer Rolle als Schutzengel gerecht werden kann?!
  Margots Schicksal nimmt ab diesem Zeitpunkt noch viele Wendungen. Ihr Leben ist, wie das Leben von vielen Menschen, mit einer Fahrt in der Hochschaubahn vergleichbar. Ruth begleitet Margot auf ihrem Weg, freundet sich mit den Schutzengeln der Menschen an, die Margot (bzw. sie selbst) in ihrem Leben geliebt hat, aber auch jenen, die von ihr gedemütigt wurden. Es ist für Ruth nicht nur „nicht leicht“ Margot in all ihren Handlungen zu schützen, wie schwer ist es, Margot bei allem was sie tut und unterläßt zu tun, zu lieben! Ruth erweist sich, trotz Nans gestrenger, aber gerechter Kritik als ehrwürdiger Schutzengel. Doch diese Parallelgeschichte muss man ebenso wie Margots Lebensgeschichte selbst nachlesen.
  Die Struktur des Romans entspricht zwar jener der klassischen Rahmengeschichte, aber sie wird um ein zusätzliches Erzählelement angereichert:
  Ruth erzählt erstens ihr eigenes Leben in Retrospektive, zweitens beobachtet sie Margot, wie diese ihr (Ruths) ehemaliges Leben (erneut) führt. Und drittens kommentiert Ruth Margots Entscheidungen.
  Um keine allzu große Verwirrung entstehen zu lassen, bedient sich die Autorin, Jess-Cooke folgender zweierlei Erzählperspektiven: die Ich-Erzählform ist vorherrschend für den ersten Erzählstrang. Dies deshalb, weil das Buch „The Guardian Angel’s Journal“ heißt und den Bericht Ruths - über ihre Rolle als Schutzengel - an Gott darstellt. Es ist somit die dominantere der beiden Erzählungen.
  Um die Dynamik des Erzählflusses jedoch nicht unnötig zu verlangsamen, was bei Einblendungen diverser Rückblicke des Protagonisten nur allzu leicht geschehen kann, übernimmt scheinbar ein epischer Erzähler. Dieser Effekt ist dann gewünscht, wenn Margots Lebensgeschichte über eine längere Zeitspanne, unbeeinflußt von Ruths unsichtbarer Anwesenheit, wiedergegeben werden soll.
  Wir haben hier ein Buch vor uns liegen, in dem es zwar nur eine Protagonistin, nämlich Ruth, gibt, dieser aber zwei „Formen“ annimmt, jene von Margot und jene als Engel.
  Die Charaktere, die Jess-Cooke präsentiert, sind bis auf wenige Randfiguren, komplex und vielschichtig. Kaum erkennt man eine Person als gut, lauern nicht unweit auch die dunklen Charakterseiten. Genau das ist der Grund, weswegen eine Identifikation mit der Protagonistin leicht fällt.
  Margot ist - wegen ihres harten Schicksalsweges - ambivalent in ihrer Denk- und Handlungsweise.
  Ruth hingegen, ihr Alter Ego, ist als Engel nicht nur liebevoll und zartfühlend, auch sie kennt Wut und Angst, Enttäuschung, Trauer und Freude.
  Ruths wichtigste Erkenntnis als Engel ist, daß jeder Gefühlsregung sowie jeder Handlungen eines Menschen immer ein der Situation angemessener Grund vorausgeht. Vorherbestimmung, so sagt Ruth, gibt es während des menschlichen Lebens nicht. Sie sagt, daß das Leben, welches uns Gott geschenkt hat, eine einzige Frage der richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit darstellt; einzig der Zeitpunkt der Geburt und des Todes ist fix.
  Jess-Cooke hat zwei interessante Themen aufgegriffen und ineinander verwoben: zuerst die religiös philosophische Frage der Selbstbestimmung des Menschen und zweitens die Frage, was die Aufgabe der Engel ist, wenn es sie denn gibt.
  Die im Roman verwendete Sprache ist leicht verständlich, der Sprachcode ist eher restringiert und mit umgangssprachlichen Idiomen durchwirkt. Dazu paßt auch die einfache Syntax. Kunstvoll drapierte Hochsprache hätte in diesem Buch rein garnichts verloren, da dies ein Bericht über eine Frau der unteren Mittelschicht ist, die sich wohl kaum eines intellektuell geschliffenen Englisches bedient hätte. Und wozu sollte dies Ruth, ihr eigener Schutzengel tun?
  Der Roman liest sich schnell, die Geschichte ist spannend, der Plot nachvollziehbar (wirkt nicht konstruiert) und die Protagonistin überaus sympathisch (geläuterte Ruth oder „Rohdiamant“ Margot?).
  Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der vorliegende Roman leichte und bekömmliche Lesekost darstellt!
  Männer und sonstige von purer Ratio durchdrungene Wesen sollten sich – anders als empfindsame Frauen - mit derlei „Drugstore Trash“ allerdings nicht die spärliche Freizeit verkürzen.

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