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Jack Kerouac
Lebendiger Buddha

Insel
2011
Übersetzt von Ursula Gräfe
176 Seiten
ISBN-13: 978-3458357063
€ 8,95


Von Volker Frick am 14.04.2011

  Unterwegs, das Leben eine einzige Bewegung. Jack Kerouac, dessen gemeinsamer Roman mit William S. Burroughs „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“, ein wahrlich wundersames Werk, erst jüngst erschien (2010, im Original 2008), und dessen gen Sommer immer wieder gepriesener Roman „Unterwegs“ („On the road“ 1957) bereits 1959 in Deutschland erschien und 2010 (im Original 2007) in der Urfassung veröffentlicht wurde, dieser Jack Kerouac, der am Alkohol zugrunde ging, hat tatsächlich eine Nacherzählung des Lebens von Buddha geschrieben.
  Die Übersetzerin Ursula Gräfe, Übersetzerin von z.B. Inoue, Kawakami, Murakami, Oe oder Ogawa und selbst Autorin einer Buddha-Biographie, stellt in ihrer kompetenten Einführung die Lesart des beat als beatitude heraus: Glückseligkeit, und verweist zugleich auf die Seligpreisungen, mit denen die Bergpredigt des Matthäus-Evangelium beginnt. Konkret erwähnt sie in diesem Kontext den Roman „Dharma Bums“ von 1958 („Gammler, Zen und Hohe Berge“ 1963) als auch „The Scripture of the Golden Eternity“ von 1960, nicht aber dessen Übertragung 20 Jahre später: „Die Schrift der goldenen Ewigkeit“. Gänzlich unerwähnt bleibt Kerouacs bis heute nicht übersetztes Buch „Mexico City Blues“ von 1959, ein elegisches Langgedicht, dessen Stimme auf einem Schiff sich lokalisiert, welches dann (auch) benannt wird als 'The Supreme Vehicle', was nichts anderes ist als eine Übersetzung des Sanskrit-Wortes 'mahayana'. Unterwegs, und Kerouac schreibt „What the Tathagata of Buddhism / preaches, / The Prophet of Buddhahood / is that / nothing / is really / born nor dies“. Beenden wir die Einführung mit einem Zitat aus selbiger über Kerouac: „So schreibt er in seinem Vorwort zu 'Lebendiger Buddha' (S.15), daß es durchaus in seiner Absicht liege zu bekehren.“ Seite 15? Die lese ich doch gerade. Das einseitige (sic) Vorwort von Jack Kerouac findet sich auf Seite 17.
  Zum Buch. Um es radikal zu verkürzen: von Verlagsseite wird dieses Buch als die amerikanische Version von Hermann Hesses „Siddharta“ annotiert. Das trifft's schon sehr, allerdings ist „Siddharta“ nicht mehr (und nicht weniger) als ein Jugendbuch. Kerouac beschreibt ein Leben, das Leben, das Leben des Buddha. Das ist profund, hat einen kaskadischen Rhythmus, der locker die Lektüre vorantreibt und dabei erzählerisch ganz beiläufig tiefe Teilhabe gewährt, was der deutsche Titel des Buches (im Original „Wake up. A Life of the Buddha“ 2008, geschrieben 1955) auch sehr präzise benennt. Kerouac erzählt nicht nur das Leben des Siddhartha Gautama, sondern zugleich eine Einführung in die Lehre des Buddha.
  Weitestgehend unreflektiert hingegen schimmert Kerouacs eigene katholische Prädestination durch. In einem Interview mit ihm, welches 1968 in der Paris Review und 1985 in Übersetzung von Reinhard Harbaum unter dem Titel „Der Marktplatz der Worte“ als Einzelveröffentlichung erschien, antwortet er auf die Frage 'Was ist der Unterschied zwischen Jesus und Buddha?' kaum überraschend 'Eine sehr gute Frage. Es gibt keinen Unterschied.' Allein diese implementierte Verbindung des Buddhismus mit der religiösen Kultur des Westens gibt dem Buch einen interessanten Klang, einen spezifischen Unterton. Der Beat des Buddha ist der Beat. Als literarische Biografie von Bedeutung ist dieses Buch als Lektüre sehr zu empfehlen, und hat hernach seinen Platz im Bücherregal mehr als verdient. Oder wie es in „Unterwegs“ heisst: „Ich verliess sie alle und ging nach Hause, um mich auszuruhen.“
  Addendum: 'On the Road', verfilmt von Walter Salles, produziert von Francis Ford Coppola, wird während der 64. Filmfestspiele in Cannes (11. bis 22. Mai) gezeigt werden.

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