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35 Rhums/35 Rum

Realfiction
2010


Von Alemanno Partenopeo am 01.02.2011

  „On ne revolte pas pour une certaine culture, mais parce-que on ne peux plus respirer“. Man revoltiere nicht aufgrund einer bestimmten Kultur, sondern weil man nicht mehr genug Luft bekäme, zitiert ein Student auf einer Vorlesung Frantz Fanon („Die Verdammten dieser Erde“) und es ist wohl eine der politischsten Stellen dieses einfühlsamen Films von Claire Denis über zwei Einwanderergenerationen in Frankreich. Der mehrfach preisgekrönte Film erzählt in ruhigen Bildern die Geschichte des jungen Paares Josephine, der Studentin, und Noe, dem Auslandsreisenden und von dem etwas älteren Paar Gabrielle und Lionel. Die meisten Darsteller des Films - außer Noe – sind schwarz und suchen oder suchten ihr Glück in Paris, während der einzige Weiße, eben Noe, nach Gabun in Afrika auswandern möchte, um dort sein Schicksal zu erfüllen. Doch dann kommt ihm doch noch etwas dazwischen. Eine Hochzeit nämlich. Seine eigene, also hoch die 35 Rum!
  Lionel, der Vater von Josephine, arbeitet bei den Pariser Verkehrsbetrieben und fährt jeden Tag einen RER (die Vorortelinie) bis er eines Abends seinen ehemaligen Kollegen Rene tot auf den Geleisen findet. Dieser wurde kurz zuvor pensioniert, er war für das Leben alleine einfach nicht gemacht. Aber auch Lionel lebt getrennt von seiner Frau, seine erste, die Mutter Josephines, starb in Deutschland, seine zweite, Gabrielle, die im selben Haus wohnt, liebt ihn, aber er sie nicht (mehr). Eigentlich erfährt man gar nicht warum es zwischen den beiden nicht klappt, obwohl die besitzergreifende Gabrielle Grund genug sein dürfte. Bei einem gemeinsamen Familienausflug zu einem Konzert im Taxi von Gabrielle, der im Regen und einem Bistro endet, weil der Wagen abgeschleppt werden muss, hat Lionel nichts Besseres zu tun als die Wirtin des Restaurants anzumachen. Das junge Paar, Noe und Josephine, macht auch nicht gerade Fortschritte und so endet der „Familienausflug“ in einem Fiasko. Als dann der alte, 17-jährige Kater von Noe stirbt, wirft er diesen mit den Worten „Aus und vorbei!“ in einen Plastiksack und beschließt die Wohnung seiner bereits verstorbenen Eltern zu verkaufen und auszuwandern. Doch am Ende wird dann doch geheiratet oder zumindest die im Titel angesprochenen 35 Rums getrunken: die trinkt man nämlich nur, wenn etwas ganz einzigartiges passiert.
  In den ersten zehn Minuten des Films wird gar nicht gesprochen, dann sieht man den Papa, wie er sein Mofa besteigt, seine Tochter Josephine kauft einen Reiskocher und zu Hause bringt sie ihm seine Pantoffeln. Seine Wäsche wirft er immerhin selbst in die Waschmaschine. Wenn Lionel betrunken nach Hause kommt, sitzt Josephine noch beim Lernen und leistet ihm in der Küche Gesellschaft. „Ich kuriere ein Übel mit dem anderen“, sagt Papa, als er sich den letzten Rum eingießt und ins Bett flüchtet. Er will ja gar nicht, dass sie sich um ihn kümmert, sie soll frei sein. Das Meer ist so groß und macht Angst, sagt die deutsche Verwandte, die Vater und Tochter in Lübeck besuchen, „wenn du schreist, hört dich niemand“. In etwa so wirkt auch dieser nachdenkliche Film, der in seiner Revolte schweigt und fast stumm wirkt. Die Personen werden so lebensnah und authentisch verkörpert, dass man sie am Ende fast zu kennen glaubt, berührend und einfühlsam, fast poetisch sind auch die Bilder, die die Protagonisten in ihrem eigenen Umfeld, etwa bei der Arbeit, zeigen. Am Ende kocht wieder der Reiskocher und nun gibt es sogar gleich zwei davon: Eine neue Familie mit einem neuen Schicksal beginnt seine Geschichte…

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