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Benedikt Taschen
Greatest of All Time
A Tribute to Muhammad Ali (Go)

Taschen
2010
652 Seiten
ISBN-13: 978-3836520676
€ 88,99


Von Alemanno Partenopeo am 28.11.2010

  Schon auf den ersten Seiten dieses Monumentalwerks wird man der wahren Größe Muhammad Alis gewahr: Ali`s Worte werden über Bilder im Cinemascope-Format verstreut und zeigen den Menschen Ali als das, als was er gerne in Erinnerung behalten werden würde. Der Text seines Vermächtnisses fließt über die Bilder und wird durch drei Punkte verbunden, die die Spannung beim Blättern noch steigern, die Bilder selbst zeigen einen Muhammad Ali in seiner besten Zeit, darunter auch in Gesellschaft eines Malcolm X, denn Ali war nicht nur ein Boxer, sondern zweifellos einer der politischsten Menschen des 20. Jahrhunderts und hat für die Befreiung des schwarzen Mannes wohl eben so viel getan, wie der jetzige Präsident Barack Obama, ohne jemals ein Buch gelesen zu haben. Nach den spannend gestalteten ersten Seiten, kommt der Titel der Publikation in großen Letter unter seiner aufgewirbelten Rechten und das Inhaltsverzeichnis und Muhammad Ali schlägt einem damit einen vollen Haken ins Gesicht: „Greatest of All Time. A Tribute to Muhammad Ali“. Das Buch, das spannend wie ein Film beginnt, ist durch das wahrlich großartige Format tatsächlich in Cinemascope Größe, die beiden aufgeklappten Seiten ergeben ein Format von 66 cm. Die Hommage an diesen Mann, die 2003 als das „schwerste Buch“ in der Geschichte des Buches erstmals erschien ist dieses Jahr in einer aktualisierten und überarbeiteten Auflage als Leichtgewicht von 6,8 kg im Format 33 x 33 cm (13 x 13 in.), 652 Seiten neu erschienen.
 
 „Du hast Glück, du siehst mich in Farbe“
  Neben fantastischen Bilder der Boxerlegende enthält es aber vor allem auch Essays und Interviews, die den mehrfachen Weltmeister im Schwergewicht im Großformat würdigen, darunter von und mit Andy Warhol, Frazier, Foreman, Tom Wolfe, Norman Mailer und viele, viele andere. „The Marvellous Mouth“, das erste Kapitel vorliegenden Ali-Tributes würdigt das „lose Mundwerk“ des Boxers, der vor allem auch für seine markanten und provokanten Sprüche bekannt wurde.: „I`m so great, I even impress myself…It`s hard to be modest when you`re as great as I am…They all must lose in the round I choose…I`m a perfect role model for children; I`m good-looking, clean-living, cultured and modest…“. Der „bescheidene“ Cassius Clay, wie er vor seiner Konversion zum Islam hieß, wusste natürlich genau, was er da sagte, denn eine seiner größten Stärken war wohl seine Ironie und Intelligenz (davon war Andy Warhol nicht überezgut), die man einem Boxer gemeinhin nicht zugetraut hätte. Wohltuend bei dieser TASCHEN Ausgabe sind übrigens auch die Zitate im Original, auf Englisch, so kann man die Sprachspiele und Witze von Ali noch besser nachvollziehen. „Du hast Glück, du siehst mich in Farbe“, soll er einmal zu Tom Wolfe gesagt haben, weil dieser eines der ersten Farb-TV-Geräte besaß. Muhammad Ali war eben wirklich „proud“ auf seine „Blackness“ und gab so einer ganzen Generation von Afroamerikanern ein neues Selbstbewußtsein: „I`m proud to be black!“
 
  „Every girl in town is after me“
  Cassius Clay schaffte es schon früh in seiner Karriere auf das Cover des TIME-Magazins, ein Auszug daraus beschreibt in vorliegender Publikation die vierte Runde gegen seinen Gegner Jones und liest sich so spannend, als wäre es erst gestern geschehen. Als eines seiner Erfolgsgeheimnisse bezeichnete derselbe Cassius es noch 1963, „den Versuchungen widerstehen zu können“. In all seiner Bescheidenheit sagt er, es gäbe einen Haufen anderer Jungs, die die größeren Champions werden könnten als er, aber sie könnten eben den Versuchungen nicht widerstehen. Schöne Frauen würden ihn oft ablenken, gibt er gerne zu, aber dennoch brachte gerade er es so weit, wie kein anderer. Sicherlich hätte er es ohne Selbstdisziplin und diese Ali-typische „Portion Selbstbewusstsein“ nicht so weit gebracht, mehr noch liegt aber seine Bedeutung darin, was er damit für andere Schwarze vollbracht hat, nämlich ein „role-model“, ein Vorbild zu sein und zu zeigen, dass man es auch in einer rassistischen Gesellschaft wie den damaligen USA zu etwas bringen kann. Mit einem eisernen Willen und bleiernen Fäusten.
 
 Der Boxer als Intellektueller
  Muhammad Alis Bewusstwerdungsprozess begann mit seiner Abwendung vom Christentum und der Ablehnung seines „Sklavennamens“ Cassius Clay. Er engagierte sich in der Nation of Islam ebenso wie für Black Power. David Remnick sieht in ihm vor allem ein „Symbol für Stärke und Macht“, der lieber seinen Titel als Schwergewichtsweltmeister aufgab und sein Einkommen einbüßte, als in Vietnam zu kämpfen. Die Vietcong hätten ihn niemals „Nigger“ genannt, war damals eine seiner Begründungen und so wie er, fragten sich bald viele, warum sie Bomben auf ein fremdes Bauernvolk weit weg in Südostasien werfen sollten. Ali war einer der ersten Wehrdienstverweigerer und prägte damit das Bewusstsein einer ganzen Generation für die Ungerechtigkeit des Krieges. David Remnick findet in seinem Beitrag aber auch kritische Worte für den umgedrehten Rassismus Alis in den Siebzigern. Keiner wolle sich heute mehr an seine Nation of Islam Aussagen erinnern, denn er sei zu „everybody`s teddybear“ geworden, mit dem man aufgrund seiner Parkinson nur mehr Mitleid haben könne. Auch dass er Malxolm X auf Befehl Elija Muhammads fallen ließ, kreidet Remnick Ali an, aber gibt auch zu, dass er dies später bereut habe. Aber da war Malcolm schon längst tot. Nicht so, Muhammad Ali, der in diesem Monumentalwerk in seiner ganzen Größe und Bandbreite gezeigt wird, eine Huldigung all seiner Facetten und Wirkungen, Schattierungen und Reflektionen.
 
 „Jeder materielle Verlust ist ein spiritueller Gewinn“
  Louisville, Kentucky kann sich glücklich schätzen, einen der größten Boxer der Weltgeschichte hervorgebracht zu haben: 1942 wurde Cassius Clay in jener Kleinstadt geboren, die ihm nicht einmal als er den ersten Titel nach Hause gebracht hatte, etwas ordentliches zu Essen servierte. In den Restaurants von Louisville herrschte nämlich so wie in vielen anderen Staaten der USA strikte Rassentrennung und den schwarzen Mitbürgern von Louisville war der Zutritt zu vielen öffentlichen Einrichtungen der Stadt verboten. Allein diese eine Geschichte würde manchen schon ausreichen um genügend Hass zu entfachen, das ganze Land in Brand zu stecken. Aber das ist die Geschichte nicht, von Cassius Clay. Er predigt Liebe statt Hass und Vergebung statt Vorhaltungen. Wie kein anderer Staatsbürger der USA hat er für sein Gewissen bezahlt und wäre dafür beinahe sogar ins Gefängnis gekommen. Vielmehr noch hatte ihn die Sperrung fürs Boxen wegen seiner Wehrdienstverweigerung seine Karriere gekostet. Und so musste er den Weltmeistertitel eben noch zweimal zurück erobern. Denkt man dabei an seine Gegner, Joe Frazier oder George Foreman, würde jeder andere daran denken, davonzurennen, nicht so aber Ali: er gab nie auf. Und es ist wirklich erstaunlich mit welcher Energie und Ausdauer er sich den Titel zurückholte, obwohl er eigentlich schon viel zu alt für den Boxsport war. Schade eigentlich, dass man immer an das „Großmaul Ali“ denken wird und kaum an den feinfühligen Menschen, der er heute geworden ist. Seine Lebensphilosophie ist so sanft wie der Schlag eines Schmetterlings, aber trifft genauso ins Schwarze wie seine einst so gefürchteten Schläge, oder eben der Stich einer Biene: „Jeder materielle Verlust ist ein spiritueller Gewinn“, sagte er selbst in Anlehnung an einen Sufi einmal und auch sonst sind seine Ansichten ganz vom Frieden gesegnet und Gott zugeeignet. „Ich möchte, dass man mich als dreifachen Weltmeister im Schwergewicht in Erinnerung behält, als humorvollen Mann, der alle gut behandelt hat. Als Mann der nie auf die hinabsah, die zu ihm aufblickten, und der so vielen Menschen wie möglich half. Als Mann, der für seine Überzeugungen eintrat.“ „Ich habe die Welt erobert, und es hat mir nicht das wahre Glück gebracht. Wahres Glück erfahren wir dann, wenn wir Gott ehren und unsere Mitmenschen gut behandeln.“ Alis Worte in Gottes Ohr!
 
 TASCHEN monumental
  In der Mitte der vorliegenden monumentalen Publikation befinden sich auch zwei ausklappbare Bilder vom Größten Boxer aller Zeiten in ganzer Montur, andere Bilder zeigen ihn als Heiligen Sebastian mit Pfeilen in der Brust (das Esquire Cover von 1968) oder im Ring in Action. Tausende von Abbildungen – Fotos, Kunstwerke und Memorabilien – von mehr als 100 Fotografen und Künstlern, 2 Ausklapp-Tafeln, eigens verfasste Beiträge und den besten Interviews und Artikeln der letzten fünf Jahrzehnte vermitteln in vorliegender Publikation ein sehr lebendiges Bild des Champions. Ein unglaubliches Buch über einen unglaublichen Mann.

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