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Matthew B. Crawford
ich schraube, also bin ich
Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen

Ullstein
2010
Übersetzt von Stephan Gebauer
304 Seiten
ISBN-13: 978-3550088162
€ 16,95


Von Hans Durrer am 31.10.2010

  Weshalb soll man, wenn Titel (ich schraube, also bin ich) und Untertitel (Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen) bereits die Antwort darauf geben, worum es in diesem Werk geht, sich eigentlich noch die Mühe machen, das Buch zu lesen? Und wenn dann der Verlag auf der vierten Umschlagseite auch noch fragt: "Was ist erfüllender: weltfremde Bildschirmarbeiten oder mit ölverschmierten Händen eine Harley zu reparieren?" hat man schon fast mehr als eine gute Vorstellung, was einen da erwartet: "Handwerk macht glücklich - und klug!"
 
  Nun ja, lesen soll man diesen Band wegen Sätzen wie diesen:
 "Das Verschwinden von Werkzeugen aus unserem Schulunterricht ist der erste Schritt auf dem Weg zur Unkenntnis der gegenständlichen Welt, in der wir leben."
  "Da handwerkliches Können an objektiven Masstäben gemessen wird, die nicht von uns selbst und unseren Wünschen festgelegt werden, widersetzt es sich der Konsumethik ..."
  "Wer sich ein halbwegs zutreffendes Bild vom Produktionsablauf machen kann, glaubt das Märchen nicht mehr, das uns die Werbung erzählt."
 
  Dieses Buch klärt auf, nicht zuletzt, weil es die Entwertung des Handwerks in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang stellt. So zitiert Crawford unter anderen Barbara Garson, die in ihrem Buch 'Schöne neue Arbeitswelt. Wie Computer das Büro von morgen zur Fabrik von gestern machen' festhält, wie mit "ausserordentlichem menschlichem Einfallsreichtum die Notwendigkeit des menschlichen Einfallsreichtums beseitigt worden ist." Crawford folgert: "Die eigentliche Wissensarbeit wird einer stetig schrumpfenden Elite übertragen." Das beisst sich etwas mir der Wissensgesellschaft, von der die Politiker und Manager dauernd schwafeln, nicht wahr? Nicht wirklich, denn in Wahrheit ist wirkliches Wissen natürlich das allerletzte, was die Machthaber jedweden Systems fördern wollen.
 
  In diesem Buch geht es, so Crawford, "weniger um Ökonomie, sondern vielmehr um die Erfahrung, Dinge zu bauen und zu reparieren." Es wendet sich nicht so sehr an zukünftige Handwerker, sondern an die, welche "nach einem gewissen Mass an Eigenständigkeit streben - nach jener Art von Eigenständigkeit, die eine Auseinandersetzung mit den materiellen Dingen erfordert."
 
  Eigenständigkeit und Unabhängigkeit stehen jedoch in keinem System hoch im Kurs. Crawford zeigt das unter anderem daran auf, wie wir mit "Kreativität" umgehen. Darunter verstehen wir, so meint er, "eine geheimnisvolle Fähigkeit, die in jedem von uns schlummert und nur 'geweckt' werden muss (beispielsweise durch das Malen mit Fingerfarben). Kreativität ist das, was zutage tritt, wenn der Mensch von den Zwängen der Konvention befreit wird ... Die Wahrheit ist natürlich, dass Kreativität ein Nebenprodukt jener Art von meisterlichem Können ist, das durch langjährige Übung erworben wird. Anscheinend entwickelt sie sich durch Hingabe (man denke an einen Musiker, der Tonleitern übt, oder an Einstein, der Tensoralgebra lernt). Die Gleichsetzung von Kreativität und Freiheit passt schön in die Kultur des neuen Kapitalismus, in der das Diktat der Anpassungsfähigkeit verbietet, sich lange genug in eine Tätigkeit zu vertiefen, um sie wirklich beherrschen zu können. Doch meisterliches Können ist die Voraussetzung nicht nur für wahre Kreativität, sondern auch für jene Art von wirtschaftlicher Unabhängigkeit, wie sie der Handwerker geniesst."
 
  Ein Buch, das einem Mut macht, sein Leben selber in die Hand zu nehmen.

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