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Ursula Sprecher / Julian Salinas
Heimatland

Truce Verlag
2009
168 Seiten
ISBN-13: 978-3-033-02150-1
45,-


Von Hans Durrer am 01.07.2010

  Drei Jahre lang, von 2006 bis 2009, erfährt man aus dem Vorwort, haben Ursula Sprecher und Julian Salinas sich mit dem Projekt "Heimatland" auseinandergesetzt. Herausgekommen ist ein aussergewöhnlicher und faszinierender Fotoband, in den jedoch - getreu dem Motto: die schlechte Nachricht zuerst - bedauerlicherweise Aussagen sogenannter Prominenter (nein, sie sollen hier nicht noch extra erwähnt werden) aufgenommen worden sind, die überhaupt keinen Zusammenhang zu den Bildern haben und an Banalität schwer zu überbieten sind. "Heimat ist, wo meine mir nächsten Menschen sind" liest man da etwa. Sicher, der Satz hat was für sich, doch wenn er so ganz für sich auf einer weissen Seite steht, denkt man automatisch: geht es eigentlich noch banaler? Fairerweise soll angefügt werden: es finden sich auch gute, nachdenkliche Sätze in dem Band, diese hier von Sibylle Berg, zum Beispiel: "Wenn man den Ort, an dem man geboren wurde, und grösser, verlässt, wird man vielleicht einen angenehmen Platz zum Leben finden. Neue Bekannte, schöne Bäume, hübsche Strassen. Alles kann man finden, vielleicht ist es besser, als das was man aufgab, meist ist es nur anders und das Recht auf Heimat hat man verwirkt." Nur eben, einen Bezug zu den Fotos haben auch sie nicht.
 
  Sich Fotos anschauen ist so subjektiv wie Fotos aufnehmen oder, wie in diesem Fall, inszenieren. Und so will ich gleich mit einem Geständnis beginnen: ich bin kein Fan inszenierter Bilder. Dies gesagt, will ich sogleich nachschicken, dass ich im Falle dieses Bandes die Inszenierung ganz klar als anregend und bereichernd erlebt habe.
 
  Sprecher und Salinas sind ihr Heimatland-Projekt mit einer Grossformatkamera angegangen. Sie wussten, was sie aufnehmen wollten und fragten Leute am Ort, wo sie die Kamera aufstellten (das dauerte), ob sie sich ins Bild setzen lassen würden - und viele machten mit. Das ist gut zu wissen, denn viele der Aufnahmen, obwohl gestellt, wirken nicht so. Dieses Wissen um die Inszenierung, die so recht eigentlich eine Re-Inszenierung ist (Sprecher und Salinas fanden die abgebildeten Menschen so vor, wie sie abgebildet sind, und fragten, ob sie bereit wären, sich bei ihrem Tun fotografieren zu lassen), verändert die Wahrnehmung, man sieht anders hin: genauer, analysierender, abwägender.
 
  Es ist die allererste Aufnahme, die mich sofort für dieses Buch eingenommen hat. Sie zeigt den Urnerboden, die grösste Alp der Schweiz, wo noch etwa 40 Einwohner hausen. Drei der Jüngeren sieht man im Vordergrund, den Rücken den Fotografen zugewandt. Ihre Konturen sind so scharf gezeichnet, dass man meinen könnte, sie seien aufs Bild geklebt worden. Überhaupt die Farben: satt und wunderbar und einem für einmal eindrücklich vor Augen führend, dass man sich nicht täuscht, wenn es einem in diesem Land vorkommt, als sei der Himmel meist grau: er ist es.
 
  Einige der Fotos konnte ich sofort, auch ohne Bildlegende, platzieren. Bellinzona, zum Beispiel, denn da habe ich einmal gewohnt. Andere hingegen nicht, den Ospizio Bernina etwa, obwohl ich da schon einige Male gewesen bin. Doch dankenswerterweise sind den Bildern Ortsangaben und Legenden beigegeben, und zwar in der jeweiligen Landessprache - im Falle von Sedrun also auf Romanisch - und das finde ich toll, auch wenn ich kein Romanisch verstehe. Vielleicht könnte Heimat ja auch bedeuten, sich einen Ruck zu geben und etwas Romanisch zu lernen.
 
  Die Schweiz, die man in diesem Buch vorfindet, ist eine Alltagsschweiz und das meint: nicht die immer gleichen Schlösser und Burgen, nicht die immer gleichen Politiker, kein Heidi, Wilhelm Tell und Geissenpeter, dafür, zum Beispiel, der futuristisch anmutende Autobahnlüftungsschacht im jurassischen Cornol, dem jedoch ein etwas irritierender Text beigegeben ist, der mich zuerst glauben liess, es handle sich dabei um eine Zivilschutzanlage, bei der sich die Leute gerne zum Grillieren einfinden. Nur eben: der Text hat mit dem Bild nicht direkt zu tun, sondern gibt einigermassen willkürliche Informationen über Cornol wieder. Der Grund? Text und Bilder sollen zum Sich-Wundern, zum Fragen und zum Sich-Freuen anregen, meinte Julian Salinas auf Anfrage. Und wie findet man raus, dass man da einen Autobahnlüftungsschacht vor Augen hat? Indem man mit mit Kontakt aufnimmt, erwiderte er.
 
  Übrigens: die Texte, die den Bildern mitgegeben sind, sind was für Freunde des Absurden: so lautet etwa derjenige zum Foto von Wattwil (drei graue Wohnblöcke unter grauem Himmel, davor eine grüne Wiese und eine Kiesstrasse, auf der ein junger Mann in Jeans und nacktem Oberkörper einen Spielzeugtraktor, glaube ich, in der Hand hält): "Eine intakte Landschaft lädt zu jeder Zeit zu Wanderungen in der näheren und weiteren Umgebung ein. Den Bedürfnissen entsprechend haben die Verantwortlichen der Schwimmbadkommission eine ansprechende Internetseite für die Badi Wattwil erstellen lassen." Und zu Sargans, meinem Wohnort, den ich ohne Legende vermutlich nicht erkannt hätte, der jedoch haargenau so ausschaut, wie Sargans aus diesem Winkel und wenn Schnee liegt eben ausschaut, steht zu lesen: "Nur wer die Vergangenheit kennt und die Gegenwart versteht, ist in der Lage, die Zukunft unserer Gemeinde so zu gestalten, dass der Respekt gegenüber dem Bestehenden und die Aufgeschlossenheit gegenüber dem Neuen in einem fruchtbaren Gleichgewicht stehen. Im Dorf und dessen Umgebung sind 55 Ruhebänke unterhaltsintensiv zu pflegen."
 
  Wo kommen diese Sätze her? Im Impressum finden sich "Gemeindetexte" ausgewiesen. Und das meint: Diese Sätze stammen von den Gemeinden selber, wurden von Sprecher und Salinas ausgewählt und zusammengestellt und dann den Gemeinden wieder vorgelegt, sind also von diesen abgesegnet worden. Offenbar hatten sie selber keine Mühe, sich darin zu erkennen!?!?
 
  Summa summarum: Das ist ein Buch, bei dem nicht nur ein cleverer Gedanke Pate gestanden hat, sondern auch überzeugend visuell umgesetzt worden ist. Herausgekommen ist dabei ein sehr anderes - schrägeres und wirklicheres - als die üblichen Heimatbilderbücher.

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