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Georg Groddeck
Der Seelensucher
Ein psychoanalytischer Roman Herausgegeben v. Otto Jägersberg

Stroemfeld
1998
291 Seiten
DM 58,-


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Von Volker Frick am 17.03.2000

 Ein alter Wilder
  Ja, schon Lichtenberg hat im 18. Jahrhundert dem etwas hypertrophen cartesianischen "cogito" ein schmunzelnd-hintersinniges "es denkt" entgegengesetzt, der vermeintlichen Konstitution des Menschen qua geordnetem Denken einen ungehörigen Tritt versetzt. Der angebliche Misanthrop Schopenhauer sah die "Vorstellung" des Menschen als Zwerg auf den Schultern des Riesen "Willen" dem Irrtum erlegen, sein kümmerliches Bewusstsein könne die geballte Vitalität des Unbewussten dirigieren. Und nachdem Gott schon lange tot ist, findet jeder sein Selbst resp. seinen Leib als die "ältere Ordnung", so Nietzsche. Kriecht man weiter in die Höhle, trifft man Platon, und das Es gekleidet in Symptome und Symbole.
  Also Groddeck - nun, bei diesem Namen muss ich unweigerlich an ein Reptil denken, aber wer war denn dieser Georg Groddeck nun? Gilt als Begründer der Psychosomatik, so also nicht der Kranke Hilfe begehrt, sondern der Mensch. Aber was ist nun das Mensch? Eine Maschine, diffuses Wollen, Triebkontrolle? Ätherisches Karmawesen, Geburtsschrei und Todesröcheln, Trittbrettfahrer? Alles Blödsinn. Und Groddeck, Georg? Ich würde am liebsten in weisser Kleidung gehen. Also Herr Groddeck hat mit Graphitstift "Das Buch vom Es" geschrieben. Was ihn mit Freud auf einen Nenner bringen lässt, ist, dass nur stirbt, wer sterben will. Verwunderlich finde ich diese Worte noch immer.
 
  Im Verlag Stroemfeld/Roter Stern ist im Rahmen der Werkausgabe von Georg Groddeck der Roman "Der Seelensucher" erneut erschienen. Auf die historisch-kritischen Werkausgaben von Kafka oder auch Kleist, die dieser Verlag ans Licht hebt, muss vielleicht nochmal gesondert hingewiesen werden. Sigmund schrieb Georg zu dessem 60sten Geburtstag als Obmann für die Wiener Psychoanalytische Vereinigung Dann danken wir alle für das köstliche Lachen, mit dem sie unser sonst so ernstes Untersuchen der Seele in Ihrem "Seelensucher" gestaltet haben. Gelacht habe ich viel da ich las.
  Natürlich kann dieses Buch gelesen werden als Parabel der Psychoanalyse, und natürlich hat Groddeck einen anderen Weg eingeschlagen, mit dem notwendigen Rüstzeug ist er über die Sprache gestolpert. Kann Mann/ Frau natürlich in den falschen Hals kriegen. Auf Seite 246 steht dann der Satz "Bis in die kleinsten Einzelheiten ist das Leben des Menschen vom Eros bestimmt", der aber so Neues nun nicht zu bieten hat.
  August Müller, modern vielleicht als Protagonist zwischen den Zeilen vermodernd, in einer Nacht - die keiner kennt - sich in einer Art Bluttaufe umbenennt, sich einen neuen Namen gibt: Thomas Weltlein, und als solcher hinein in die Welt und gesprochen, ein Narr, ohne Zweifel, nur hie und dann, und spricht doch wahr, und reizt zum Lachen, ohne Ende. Ein Narr, sich entgegenstemmend diesen Windmühlen des narrativen Offenbarem.
  Der Seelensucher Thomas Weltlein geht mit seinen Erkenntnissen allen auf den Wecker, ob im Eisenbahnabteil, im Krankenhaus, im Gefängnis, beim Prinz von Preußen, oder bei Frauenrechtlerinnen. Alles wird unter der Perspektive der Sexualität gesehen, so etwa der Kirchtum als Phallus im heiligen Schoß der Mutter Kirche. Ist nun Thomas Weltlein gar Sigmund Freud, der pausenlos von Sexualität redet? Freud als Narr? Seine Gegner könnten jubeln. Aber der Narr ist Nachäffer, und Groddeck hält der öffentlichen Meinung den Spiegel vor, zeigt, was sie darüber denkt, welche wilden Phantasien sie in die Psychoanalyse hineinprojiziert.
  Thomas Weltlein als Don Quichote gegen die Vorurteile der Welt kämpfend, stirbt am Ende, kaum erkannt, da arg zerfetzt. Zwei Züge rasen aufeinander.
  Groddeck hat sich selbst als 'wilden Analytiker' bezeichnet, wohingegen Sie, wenn Sie einen krass amüsanten Unterhaltungsroman lesen möchten, es auch tun sollten!

 

 

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