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Nick Cave
Der Tod des Bunny Munro

Kiepenheuer & Witsch
Übersetzt von Stefanie Jacobs
320 Seiten
ISBN-13: 978-3-462041293
€ 19,95


Von Alemanno Partenopeo am 03.04.2010

  Das Teatro dal Verme in Milano ist von außen ein beeindruckender wie aus der Gründerzeit wirkender Palast. Im Oktober hatte es Nick Cave zu einer Präsentation seines neuen Buches eingeladen und als wir verspätet eintreffen, hören wir die Intonation von „into my arms“ durch Nick Cave himself. Erstaunt stürmen wir in den Zuschauerraum hinein und, tatsächlich, da steht der „blauäugige, gut aussehende Mann Anfang fünfzig” und bringt einen Song aus seiner wohl sanftesten Periode zum Besten. Warren Ellis begleitet ihn und auch ein Dritter noch ist im Bunde, der Bassist, Nick Cave selbst spielt Gitarre. Nachdem wir das steile Auditorium des Teatro dal Verme hinaufgeklettert waren, liest Stefano Benni einen Auszug aus der italienischen Übersetzung von Caves Buch. Die Zuschauer sind andächtig und lauschen verliebt einigen weiteren Songs von den Bad Seeds, die auch ohne sie in einer nie gekannten Authentizität und Intensität von den drei „alten Männern“ dargebracht werden. Zwischendurch darf das Publikum Fragen stellen und eine junge Frau erhebt zaghaft ihre Stimme. „Can you hug me?“ Ein anderer Mann aus dem Publikum, ein mittelalterlicher Italiener, will Nick Cave gar seiner „Mama“ „präsentieren“ und vergisst dabei, dass das englische „present“ rein gar nichts mit dem italienischen „presentare“ für „jemanden vorstellen“ zu tun hat. „Can I present you to my Mama?“ Kann ich Sie meiner Mama schenken? Am Ende signiert Nick Cave geduldig mehrere Hundert (!) Ausgaben seines neuen, in 31 Sprachen erschienen Romans und wirkt höflich und elegant wie ein wirklicher Gentleman.
  Diese kleine Episode als Einleitung zu einer Buchrezension soll nur illustrieren, wie salonfähig Nick Cave in den letzten Jahren geworden ist und das nicht nur durch seine Alben wie „boatman`s call“ und ähnliche. Nick Cave hatte sich schon 1989 als Schriftsteller versucht, damals mit biblischer Schwere und Tiefe, heute, 20 Jahre später stellt er auch sein zweites Buch in den Kontext mit der Bibel, diesmal mit dem Markusevangelium, aber dem Leser wird das nur dann auffallen, wenn er sich mit der Sekundärliteratur zu „Bunny Munro“ beschäftigt. Nick Cave hat in seinem Zweitling nämlich ein wahres Monstrum biblischen Ausmaßes erschaffen, einen australischen Raskolnikow und man könnte es fast als einen Abgesang auf den weißen Mann bezeichnen. Die Blaupause für diesen Charakter lieferte übrigens – nach Caves eigenen Aussagen – Valerie SolanasXXX, die mit ihrem SCUM Manifest Männer so porträtierte, wie es sie wohl überflüssigerweise auch immer noch zu viele gibt. Mir fällt dabei auch „SNUFF“ von Chuck Palahniuk ein, auch dieses Buch lässt einen durch die Abwesenheit von Liebe in seiner männlichen Existenz verzweifeln und man braucht kein „sissy“ zu sein, um sein eigenes Geschlecht nach der Lektüre von Bunny Munro in Grund und Boden zu verdammen. Nick Cave hat ein männliches Exemplar der Schöpfung geschaffen, dem selbst das Hilfsmittel Vertreterbesuche für Hautcremen nicht zu dumm ist, um an seine eigentliche „Ware“ heranzukommen: die Frauen. Und Bunny Munro spricht dies auch in seiner eigenen gänzlich vulgären und obszönen Klarheit aus, dass er vor allen Dingen an ihren fleischigen Körperöffnungen interessiert ist und viel weniger an ihrem Zaster. Dabei, bei der Eroberung des weiblichen Geschlechts, stellt sich Bunny Munro aber keineswegs geschickt an, obwohl er sich gerne als „Auserwählten, der das gewisse Etwas hat“, stilisiert. Gerne greift der vermeintliche „Verführer“ nämlich zu Betäubungstropfen, um seine Liste an missbrauchten Hausfrauen um ein weiteres Opfer zu erweitern. Bunny Munro, dessen streichelfähiger Vorname ganz im Kontrast zu seiner stacheligen Seele steht, ist alles andere als eine Identifikationsfigur und Nick Cave versteht es, ein solches Exemplar der männlichen Gattung in all seinen Details geradezu furchterregend authentisch zu beschreiben, dass man sich fast seines eigenen Geschlechts zu schämen beginnt. Der sexsüchtige Psychopath erhält allein durch die Gegenwart seines neunjährigen Sohnes, dem er sich aufgrund des Selbstmords seiner Ehefrau verpflichtet fühlt, gewisse positive Züge, seine ganz eigene Chance auf Erlösung liegt in seinem Sohn. Bunny Munro junior ist nämlich der einzige Lichtblick in Nick Caves düsterem Roman, der einem die Welt im düsteren Lichte eines unausweichlichen Armageddons erscheinen lässt. Dabei wäre sie doch so schön, wenn es nur keine Bunny Munros mehr gäbe. Und doch: „Denn wir alle wollen so gern verzeihen und wünschen uns, dass auch uns verziehen wird.“ Ein Plädoyer übrigens, das auch Nick Cave für sich selbst am Ende seines Romans bei den Danksagungen in Anspruch nimmt, wenn er Kylie Minogue und Avril Lavigne, denen seine Verehrung und sein Respekt gelte, um Verzeihung bittet.
  Nick Cave verwendet immer wieder schöne sprachliche Mittel, wenn er versucht, Dinge zu vergleichen oder den ganz persönlichen, wohl selbst erlebten, Wahnsinn zu beschreiben: „Er kommt sich vor, als wäre er auf den Grund eines dunklen Ozeans gesunken, und der hydrostatische Druck ist so immens, dass es sich anfühlt, als würden sich Stricknadeln in seine Trommelfelle bohren.“ Ein Bild, das bei dem unvermeidlichen Treffen zwischen Bunny Senior und Bunny Munro mit Bunny junior verwendet wird und mit derselben Gewalttätigkeit gleich wieder zerstört wird, mit der es erst aufgebaut wurde: „Plötzlich kommen alle Geräusche wieder zurück, der alte Mann knallt seine Zigarette auf eine Untertasse, die auf einem georgischen Tabletttisch neben ihm steht, und brüllt: `Was hast du gesagt?´“ Das erkenntnisleitende Interesse dieses Romans dürfte für Nick Cave aber nicht sein wohl noch aufzuarbeitendes Verhältnis gegenüber dem anderen Geschlecht gewesen sein, sondern die Beziehung zu seinem Vater oder auch von ihm als Vater zu seinen inzwischen vier (?) Kindern. Das Vater-Sohn-Thema zieht sich durch Caves biblische Elegie des männlichen Weltuntergangs und man möchte meinen, dass der Meister der Provokation, sich mit seinem neuen Roman wohl besonders gegen die spießige und wohl auch allzu aufdringliche Nachbarschaft des kleinen südenglischen Brighton wehren wollte. Ein Nachbar, der solche Romane schreibt, um den wird man beim nächsten Mal wohl lieber einen Bogen herum machen, auch wenn man einen großen Hund zum äußerln dabei hat.

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