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Claudio Magris
Ein Nilpferd in Lund
Reisebilder

Hanser
2009
221 Seiten
ISBN-13: 978-3-446-23086-6
€ 17,90


Von Alemanno Partenopeo am 03.04.2010

  „Die Agonie und der Tod der Dinge gehen Hand in Hand mit dem Vergessen des Wortes, das sie bezeichnet“, soll einst Gian Luigi Beccaria in seinem Buch „Nomi del Mondo“ geschrieben haben und vielleicht hat es sich Claudio Magris deswegen zur Aufgabe gemacht, alles das aufzuschreiben, was niemals vergessen werden sollte. Auf seinen Reisen durch das Europa der 80er und 90er Jahre beweist er sich erneut als genauer Beobachter mitteleuropäischer Besonderheiten oder auch transeuropäischer Absonderheiten. Wie kein anderer vermag Magris es, sein Augenmerk auf die Dinge zu richten, die es verdienen, auch in unserem kleinkarierten Alltag erhalten zu bleiben. „Die Geschichte ist wie ein schäumendes Aufbrodeln , in dem die aufsteigenden Bläschen sich gegenseitig zerstören und eines nach dem anderen zerplatzt.“ Dem Zerplatzen Einhalt zu gebieten, die Geschichte für einen Augenblick durch eine kleine Erzählung oder eben selbst „Geschichte“ anzuhalten, das ist das Vermächtnis dieses kleinen Erzählbandes, der mit klassischer mitteleuropäischer Melancholie, dieser chassidischen „schwärzesten Sünde“ wie der Rabbi in Magris` Buch sie nennt, den Leser an dem Erbe unserer Kultur teilhaben lässt, von der es eben nicht nur eine gibt.
  Denn Mitteleuropa gestatte es am wenigsten, präzise Identitäten zu bestimmen und klare Grenzen zu ziehen, auch das Habsburgerreich hätte Mühe gehabt, sich einen unmissverständlichen Namen zu geben, es schlug sich mit Bezeichnungen herum und gerade das, sei der Grund für seinen Untergang gewesen, zitiert Magris Robert Musil. „Zurückhaltung und Unausdrückbarkeit“ passten gut zu diesem Mitteleuropa mit seiner „labyrinthischen und verknäuelten Geschichte“ und gerade deswegen, fragt Magris sich, ob nicht Tschechien, nachdem es sich von der Slowakei 1991 getrennt hatte, „Land ohne Namen“ genannt werden könnte, so wie der Mann ohne Eigenschaften eben Mann ohne Eigenschaften. Prag beschreibt Magris zwar als „okkupiert von McDonald`s Läden und Nudelsnackbuden“ und „übersät von Wechselstuben“, doch dennoch sei es immer noch eine wunderbare „slawisch-deutsch-jüdische“ Stadt, die sich nicht eindeutig auf eine Definition reduzieren lasse. Hoffnung sieht er in den tschechischen Schriftstellern und Literaten, die mit ihrer „glorreichen anarchistischen und pikaresken (sic) Kneipen- und Kaffeehaustradition“ zwar kaum der Versuchung sich in hehre Propheten zu verwandeln erliegen würden, aber sich vielleicht dennoch noch als „Täufer“ (und nicht Säufer, JW) ihres Landes entpuppen könnten...
  „Ein Schriftsteller kann nichts verkörpern“, schreibt Magris in einem anderen Essay aus den 80ern über die Raskolnikows in der Literatur, „auch keine Tendenz und keine poetische Welt, die nur so lange authentisch ist, wie er sie schildert, wie er sie erlebt, ohne sich darum zu kümmern, was ihnen widerfährt oder welche Wirkung sie in der Realität haben werden.“ Claudio Magris wendet sich damit gegen die Institutionalisierung der Dichter, die durch die Übernahme von ehrenvollen Positionen in Staat und Gesellschaft, einen zu hohen Preis zahlen müssten. Goethe sei vielleicht der letzte Dichter gewesen, dem es gelungen sei, die Poesie und ein repräsentatives Amt miteinander vereinen zu können, aber selbst dieser habe einen hohen Preis dafür zahlen müssen.
  In einem alten Palast in Zagreb entdeckt Magris „Musikautomaten“ und er beschreibt das Leben des dort lebenden Grafen als „Strategie des Rückzugs“. Seinen Palast hätte der Adelige Stück für Stück neuen Mietern, etwa einem Kindergarten, überlassen und sich selbst in die höheren Etagen zurückgezogen, wo er seine Sammlungen an Instrumenten horte. „An den Wänden Seidentapeten, die hier und da mit Spinnwegen bedeckt sind, auf einem Bild sieht man einen toten Hirsch, dazu eine Uhr ohne Zeiger, die man auch aus vielen Erzählungen und Filmen kennt, ein leeres Auge der Zeit.“
  Claudio Magris weiß auch über die stillsten Momente der Geschichte, eine schöne Anekdote zu erzählen und verführt den Leser, in eine längst untergegangene Welt einzutauchen und das „leere Auge der Zeit“ anzufüllen mit viel Licht, Sternen und anderen Helden. Eine dieser stillen Heldenerzählungen verkündet Magris auch über einen gewissen Stajner, gebürtiger Österreicher der erst von der Kommunistischen Partei Jugoslawiens nach Moskau flüchtete, um dort dann von den Stalinisten in den Gulag geschickt zu werden. Von Chrustschow rehabilitiert, konnte er aber weder nach Italien noch nach Jugoslawien zurückkehren, da er sein Buch „Siebentausend Tage in Sibirien“ nicht veröffentlichen wollte. „Schaut man diesen Mann an, begreift man, dass der Glaube wirklich Berge versetzen kann; in Sibirien zu überleben, war nicht weniger schwer, als Berge zu versetzen.“ Aber den Helden sieht Magris nicht in Stajner, sondern in seiner Frau, die zwanzig Jahre auf ihn wartete und auch dann nicht verzweifelte, als es hieß, ihr Mann sei ein Verräter gewesen.
  Diese Geschichten von einfachen oder auch schwierigen Menschen dem Vergessen zu entreißen ist Claudio Magris durch seine Aufzeichnungen kreuz und quer durch die Welt gelungen und jede kleine Episode liest sich wie eine Reise durch die Zeit, erinnern, ohne zu vergeben. Vergeben, ohne zu vergessen.

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