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Benedict Wells
Spinner

Diogenes
2009
309 Seiten
ISBN-13: 978-3257067170
€ 19,90


Von Alemanno Partenopeo am 03.04.2010

  „Aber es ist doch Weihnachten“, schreibt Benedict Wells und meint damit die Ausrede, die jeder gerne benutzt, wenn er beim Schwarzfahren erwischt wird und am Ende ist das Herz des Kontrolleurs dann so erweicht, dass man noch einmal davon kommt. Ein moderner Simplicissimus ist sein Protagonist „Jesper Lier“, der im zarten Alter von 20 Jahren nach Berlin („Berlin ist eine fiese Sau, wenn du das erste Mal da bist, spielt es dir immer schön was vor“) in eine „Streichholzschachtel“ (seine Kellerwohnung) zieht und eine harte Woche erleben muss. Und fast bekommt man etwas Mitgefühl mit ihm, so wie der eingangs erwähnte Kontrolleur mit dem Schwarzfahrer. Die Kapitel sind demnach auch mit den jeweiligen Wochentagen überschrieben und am Ende, am Sonntag, weiß Jasper ebenso wenig wie der Leser, ob er jetzt die richtige Entscheidung treffen wird oder nicht. Aber was ist schon die „richtige“ Entscheidung? Gibt es denn überhaupt eine „Falsche“? Führen einen nicht alle Entscheidungen unweigerlich immer wieder an den Ausgangspunkt zurück? „Erst bist du jung und machst dir tolle Pläne, und alles scheint möglich, und dreißig Jahre später wachst du auf und stellst fest, dass alles falsch ist. Und du kannst nichts mehr ändern, dabei hast du noch nicht mal große Fehler gemacht.“ Fürwahr!
  Trotz der Ausweglosigkeit seiner Situation („Keine Weiber, kein Kohle, kein Essen.“) entbehrt der Protagonist keineswegs der notwendigen Portion Selbstironie, um dennoch munter durch das Leben zu kommen. Das liegt vor allem auch an seinen beiden Freunden Gustav und Frank, die vom Autor so authentisch gezeichnet sind, dass sie wirklich existieren könnten. „Bei der Frage, was davon wirklich und was nur in meiner Phantasie passiert war, scheiterte ich. Die Übergänge waren im Moment fließend.“ Zudem verschachtelt Wells seine Geschichte mit der Geschichte des Jesper, der selbst ja auch gerne Schriftsteller werden möchte und dadurch ergibt sich zusätzlich eine lustige Verschiebung der Erzählebenen, besonders dann, wenn zwei Charaktere aus „Leidensgenossen“, dem Roman von Jesper Lier, in Wells` Roman plötzlich real werden und den Protagonisten auch noch mit einem Schießeisen bedrohen. Alles klar?
  „Das Schreiben war mein Joker gewesen, jetzt würde ich mich dem wirklichen Leben stellen müssen, und das wirkliche Leben war eine Nummer zu groß für mich.“ Aber was, wenn das wirkliche Leben und der Roman sich überkreuzen und dadurch eine wilde Geschichte über Liebe, Erwachsenwerden, Träume und Freundschaft herauskommt? „Man wurde bloß verletzlich, wenn man die Dinge ernst nahm.“ Vielleicht zieht es der Protagonist deswegen vor, sich über sich selbst lustig zu machen? Benedict Wells versteht es, eine wunderbare, humorvolle und amüsante Geschichte zu erzählen, mit der sich wohl nicht nur junge angehende Schriftsteller identifizieren werden können. „Spinner“ ist das sympathische Versprechen eines Romans, das auch gehalten wird und sich liest, wie ein Schnellzug. „Manchmal muss man ein kleines bisschen sterben, um wieder ein wenig mehr zu leben.“, sprach`s und verschwand am Bahnsteig des Lebens, um „Berlin zu entrinnen“.
  Der immer noch junge Autor von „Becks letzter Sommer“ legt mit seinem zweiten Roman ein weiteres Bekenntnis zur ganz großen Liebe ab, die man ihm nicht nur abnehmen möchte, sondern auch kann. Wells begann vorliegenden Roman mit 19 Jahren zu schreiben und ist dieses Jahr, mit gerade mal 25, schon mit seiner Herausgabe und Promotion beschäftigt, nachdem auch schon sein Erstling ein so großer Erfolg war. Die Liebe von der hier die Rede ist, bezieht sich aber nicht etwa auf eine Frau, sondern auf das Schreiben, und das beherrscht Wells wohl wie kein anderer seiner Generation.

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