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Ralf-Peter Märtin
Varusschlacht
Rom und die Germanen

S. Fischer Verlag
2009
460 Seiten
ISBN-13: 978-3-10-050612-2
€ 22,90


Von Klaus Richter am 20.11.2009

  Bücher über die Varusschlacht gibt es zur Zeit „wie Sand am Meer“ – um einmal diesen Vergleich zu bemühen. Das ist kein Wunder, denn 2009 jährt sich die katastrophale Niederlage dreier römischer Legionen nach einem heimtückischen Hinterhalt durch den germanischen Auxiliaroffizier Arminius zum 2000sten male. Nicht nur Anlass, die Spätzeit augusteischer Herrschaft über das Imperium Romanum aus archäologischer und historischer Perspektive unter die Lupe zu nehmen, sondern sich auch Gedanken über das Verhältnis zwischen Römern und Germanen und der Bedeutung der Varusschlacht für die deutsche Geschichte zu machen. Eine ganze Reihe von Autoren hat diese Gelegenheit genutzt, und es gibt kaum einen größeren Verlag im deutschsprachigen Raum, der nicht ein Buch zur Niederlage des Varus im Programm hat. Hinzu kommen die prächtigen Tagungsbände der Ausstellung „Imperium – Konflikt – Mythos“ in Haltern, Kalkriese und Detmold. Bücher über die Varusschlacht sind im wesentlichen nach einem einheitlichen Muster aufgebaut:
 
 - Wie kamen Römer und Germanen in Kontakt? Hier insbesondere die Niederlage des germanischen Heerführers Ariovist gegen Julius Caesar.
 - Das Imperium Romanum zur Zeit des Augustus
 - Römischer Landgewinn in Süddeutschland
 - Der römische Versuch, das Gebiet zwischen Rhein und Elbe zur Provinz zu machen.
 - Die Varusschlacht als besonderes Ereignis: Ursachen, Verlauf, Lokalität.
 - Die Folgen der römischen Niederlage für das römische Weltreich.
 - Die Rezeption der Varusschlacht vom Mittelalter bis heute.
 
  Auch das Buch von Ralf-Peter Märtin orientiert sich an diesem Schema. Ein Buch zur Varusschlacht unter vielen also, möchte man meinen. Doch weit gefehlt: Märtins Buch hebt sich in vieler Hinsicht deutlich ab von anderen Büchern zum gleichen Thema, will insbesondere nicht belehren und ist so spannend geschrieben, dass man es gerne in einem Rutsch durchliest. Der Autor belegt viele seiner Angaben mit einem sehr ausführlichen Anmerkungsapparat, und der interessierte Leser findet umfangreiche Angaben zu weiterführender Literatur. Damit ist das Buch sicher nicht nur für den Laien, sondern auch für den Fachmann eine Bereicherung.
 
  Zur Schlacht selbst ist schon viel gesagt und geschrieben worden. Bei Märtin finden sich allerdings einige interessante neue Aspekte, von denen allerdings einige zugegebenermaßen auf Spekulation beruhen, aber die Ereignisse des Jahres 9 n. Chr. in einem neuen Licht erstehen lassen. Zugleich warnt der Autor davor, die Quellen – dies sind vor allem Tacitus und Velleius Paterculus – allzu wörtlich zu nehmen, vor allem wenn es um die Lokalisierung der Schlacht geht. Für Märtin spricht vieles dafür, dass Varus seine endgültige Niederlage am Kalkrieser Berg erlitten hatte, an einer engen Stelle zwischen Berg und Moor, wo die Germanen dem römischen Feldherren und seinen Legionen eine – heute teilweise rekonstruierte – Falle aufgestellt hatten. Wenn die römischen Quellen von tiefen Schluchten und dichten Wäldern sprechen, dann mag dies eher eine Umschreibung für die Verhältnisse in Germanien gewesen sein, die man in Rom zu kennen glaubte – etwa so, wie heute in Kinofilmen Szenen, die in Russland spielen, mit Winter assoziiert werden.
 
  Diejenigen, die gegen Kalkriese sprechen und sich mehr am Wortlaut der Quellen orientieren, mögen folgendes bedenken:
 
  Varus ist mit drei Legionen unterwegs gewesen – dazu der Tross und die Auxiliareinheiten (Hilfstruppen). Varus war kein Dummkopf – das zeigen bereits seine Erfolge als Statthalter in Palästina. Wohl kaum hätte sich Varus – geschweige denn einer seiner Offiziere – von Arminius mit seinem Heer (immerhin drei fünftel der Rheinlegionen) in die dichten Urwälder locken lassen – das wäre zu offensichtlich gewesen. Die drei Legionen werden einen für sie passierbaren Weg gewählt haben; hinzu kommt, dass die Römer, die die Gegend schon seit einigen Jahren kannten, auch mit der Umgebung vertraut gewesen sein dürften, sei es durch römische Patrouillen oder Kaufleute.
 
  Ein Marsch über den Hellweg von Minden (hier lag vermutlich das Sommerlager des Varus) in Richtung Kalkriese macht also deutlich mehr Sinn und hätte genug Gelegenheit gegeben für das Defileegefecht, von dem nicht nur in den Quellen die Rede ist, sondern das von Archäologen im Umfeld von Kalkriese auch nachgewiesen worden ist.
 
  Auch Märtin schickt „seinen“ Varus nicht mitten durch den Urwald, sondern entlang des Hellweges und lässt ihn dort in die Falle tappen, die Arminius ihm aufgestellt hat. Das Gelände dort war alles andere als ein undurchdringlicher Urwald. Und ob das Wetter wirklich so schlecht war, wie die Quellen beschreiben, darf auch bezweifelt werden: Das Wetter für eine Niederlage verantwortlich zu machen, ist eine übliche Vorgehensweise: Unsere Truppen haben eine Niederlage erlitten – daran waren nicht etwa die Offiziere oder gar schlechte Ausbildung schuld, sondern das Wetter. Aus dem Umstand, dass einige römische Soldaten die Leiche des Varus nach dessen Selbstmord verbrennen wollten, zieht Märtin den Schluss, dass das Wetter jedenfalls deutlich trockener gewesen sein muss als in den Quellen beschrieben, da Feuerholz erfahrungsgemäß besser brennt, je trockener es ist. Ob dieser Schluss zwingend ist, sei dahingestellt.
 
  Märtin fragt sich auch, warum Varus im Sommer 9 n. Chr. mit drei Legionen an die Weser zog und stellt eine Verbindung her zum gleichzeitigen Bemühen von Augustus und Tiberius, das germanische Königreich des Markomannen Marbod in Böhmen unter Kontrolle zu bekommen. Märtin nimmt an, dass Arminius – mit seinem heimtückischen Verrat im Hinterkopf – Varus gezielt mit dem Hinweis auf Marbod und einen möglichen Angriff der Markomannen im Wesergebiet gezielt in die Falle gelockt habe – dies, so vermutet Märtin weiter, könne durchaus auch von Augustus und Tiberius gebilligt worden sein (S. 160). In der Tat hatte Varus in den Jahren 7 und 8 n. Chr. nicht ein derart beeindruckendes Aufgebot zusammengezogen. Dass er dann 9 n. Chr. drei Legionen - die XVII., XVIII. und XIX. Legion mit ins Sommerlager nimmt, lässt vermuten, dass „etwas im Busch“ war. Was genau das war und ob es mit Marbod zu tun hatte, bleibt Spekulation. Doch wenn wir schon am Spekulieren sind, ist genauso gut denkbar, dass Varus in besagtem Jahr auf Befehl des Augustus zur Unterstützung der Aktionen seines Stiefsohns Tiberius gegen Marbod mit drei Legionen an die Weser zog, vielleicht um entweder von dort in die Kämpfe einzugreifen oder Marbod von einem Angriff abzuhalten. Erst aus dieser Situation heraus mag Arminius, Offizier einer aus Germanen bestehenden Auxiliareinheit, den Entschluss gefasst haben, Varus und seine drei Legionen in den Hinterhalt zu locken. Seine Motive liegen im Dunkeln, aber die Idee Märtins, dass dies etwas mit Marbod zu tun haben könnte, könnte der Wirklichkeit nahe kommen. Könnte – wir wissen es eben nicht.
  Nach der Vernichtung der Legionen hebt Märtin zwei römische Offiziere hervor, die in dieser für das Imperium gefährlichen Situation kühlen Kopf bewahrten und damit wohl die Situation retteten und Arminius einen Strich durch die Rechnung machten: Lucius Nonius Asprenas, ein Verwandter des Varus und Kommandeur der zwei noch übrigen Rheinlegionen und Lucius Caedicius, Kommandeur des von Germanen belagerten Römerlagers Aliso (möglicherweise Haltern).
 
  Die Rezeption der Varusniederlage beschreibt Märtin sehr ausführlich, dabei würdigt er auch Planung und Bau des Hermannsdenkmals auf der Grotenburg bei Detmold durch den sonst kaum bekannten Architekten Ernst Bandel, bis 1945 ein Symbol eines oftmals überzogenen Nationalstolzes, heute ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen. Aber auch das „Dritte Reich“ kommt nicht zu kurz – hier beschreibt Märtin sehr ausführlich das schon beinahe krankhafte und lächerliche Bemühen der Nationalsozialisten, der Hochkultur der Griechen und Römer eine germanische Hochkultur gegenüberzustellen. Auch dabei war Arminius („Hermann“) ein geeignetes Vehikel.
 
  Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch – sicher ein Glanzlicht unter den zahlreichen 2009 erschienenen Büchern zur Varusschlacht.

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