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Michel Houellebecq
Elementarteilchen

DuMont
1999
356 Seiten


Von Volker Frick am 14.03.2000

  Ein Buch zum Frühstück. Plötzlich stehen da zwei Jungs, und du sagst: "Ich möchte lieber einfach nur genagelt werden." Kant hat verloren, de Sade gewonnen.
  Zwei Brüder, zwei Väter, aber eine Mutter, die ihren Weg geht, freie Sexualität und psychedelische Drogen. Der eine wird im Internat vergewaltigt, swingt durch die Alterungsprozesse von hängenden Schamlippen in den Dünen und lässt sich in die Psychiatrie einweisen - konsequent, der andere zieht sich zurück, molkularbiologisch in die Genforschung, "sein Schwanz dient ihm nur zum pissen", und bringt sich um, auch konsequent.
  "Seien Sie richtig gemein, dann sind sie wahr..." äusserte Michel Houellebecq im Figaro Littéraire.
  Lacan formulierte: "Je niederträchtiger ihr seid, desto besser geht es."
  Sexuelle Freiheit, soziale Gleichheit und ökonomische Freiheit sind die Elemente, die die Gemeinschaft zerstören. Der Untergang des Abendlandes.
  Seite 165: "Die Sache mit den Mantras und Tarots ist zwar bescheuert, aber wenigstens ist das nicht so teuer wie eine Analyse."
  Seite 328: "Es gibt immer mehr Diskotheken und Antidepressiva."
  Nun könnte ich mit Demokrit respondieren: "Das Zarte und das Bittere, das Warme und das Kalte sind nur Meinungen; es gibt an Wahrem nur die Atome und die Leere."
  Oder ich könnte den Nobelpreisträger der Physik des Jahres 1922, denn er kommt auch drin vor, Niels Bohr, bemühen: "Zur vollständigen Beschreibung der atomaren Erscheinungen sind zwei verschiedene Bilder, das Teilchenbild und das Wellenbild, die sich zwar gegenseitig ausschliessen, aber trotzdem ergänzen, notwendig."
  Darob dann Michel Houellebecq: "Die Liebe verbindet, und sie verbindet für immer. Die gute Tat ist eine Bindung, die böse Tat eine Lösung dieser Bindung. Trennung ist ein anderer Name für das Böse; sie ist auch ein anderer Name für die Lüge."
  Das Christentum sagt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
  Das Judentum sagt: Tut den anderen nichts an, was man euch nicht antun soll.
  Und was ist mit den Presseorganen mit libertärem Gedankengut? "Wenn sie im Prinzip die Opposition zum Kapitalismus als politische Perspektive hatten, so waren sie doch mit der Vergnügungsindustrie über das Wesentliche einig: die Zerstörung der moralischen Werte des Juden- und Christentums, Verherrlichung der Jugend und der individuellen Freiheit."
 
  Es ist schön einen Roman zu lesen, der den Verfall illustriert. Houellebecq favorisiert keine Lösung. Und wo gibt es einen echten Willen mit dem 20. Jahrhundert zu brechen, mit seiner Unmoral, seinem Individualismus, seinen libertären und antisozialen Zügen? Und dann auch noch ein anderes male-couple als Folie: Julian (Biologe) und Aldous (eher schlechter Literat) Huxley.
  Wackere neue Welt. Der ganze Kuchen ist eine Rosine. Delektieren Sie sich daran.

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