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Stalker
(???????, 1979)

RUSCICO


Von Sascha Todtner am 11.09.2009

 Regie: Andrei Tarkovsky
 Darsteller: Alexander Kajdanowski, Alissa Frejndlich, Natasha Abramowa, Anatoli Solonizyn, Nikolai Grinko
 Entstehungsjahr: 1979
 Spieldauer: 163 min
 FSK: ab 12 Jahren freigegeben
 
  Andrei Tarkovskys fünfter Film „Stalker“, im russischen Original „???????“, gilt unter Cineasten als Meisterwerk der Filmgeschichte, als ästhetisches Meisterwerk, als visuelle Schönheit in Perfektion. Der 1979 entstandene Film mit Alexander Kajdanowski, Alissa Frejndlich, Natasha Abramowa, Anatoli Solonizyn und Nikolai Grinko gehört zugleich zu den bekanntesten Filmen des Russen und bedient sich dem Science-Fiction-Genres um eine tiefgreifende Studie über den Menschen und sein Innerstes begreiflich zu machen. Trotz der sowjetischen Zensurprobleme gelang es dem avantgardistisch-experimentellen Werk an Wettbewerben der Filmfestivals teilzunehmen und dort den Sonderpreis des Preisgerichtes (Interfilm und OSIC)1980 sowie zwei Jahre später den ökumenischen Preis für einen Film außerhalb des Wettbewerbs bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes zu gewinnen. In einer bildgewaltigen Sprache erzählt Tarkovski von der Suche nach sich selbst, nach dem Ursprung, nach dem „Mensch-Sein“ – eine Kritik am technischen Fortschritt und zugleich eine Hommage an die Natur. Das russische Label RUSCICO, welches für die hochwertige Restaurierung russischer Filme bekannt ist und unter Cineasten den Ruf als Produzent qualitativ hochwertiger DVD-Ausgaben genießt, legt eine dementsprechenden „Stalker“-Edition vor, welche in Deutschland, Österreich und der Schweiz durch Petershop (www.petershop.com) vertrieben wird.
 
 HANDLUNG:
 
  In einer ungenannten Zukunft liegt eine unbekannte Stadt am Rande eines hermetisch abgeriegelten, militärisch bewachten Gebiets, welches als „ZONE“ bekannt ist und in dem sich allem Anschein nach merkwürdige und rätselhafte Phänomene zugetragen haben, die durch die Gerüchte der Bevölkerung über die ZONE nur gemehrt werden.
  Erneut ein Mann, „STALKER“ genannt, seine Familie um seinem gesetzlich verbotenen Beruf nachzugehen und Menschen gegen Bezahlung in die ZONE zu schmuggeln und diese innerhalb des Gebiets zu führen. Seine Frau versucht verzweifelt ihn davon abzuhalten, erinnert an die durch den Beruf des Vaters behinderte Tochter, doch der STALKER folgt seiner Berufung Menschen durch die ZONE zu führen, denn er hat ein Gespür für die ZONE, die sich im ständigen Wandel befindet und jedem Lebewesen tödliche Fallen zu stellen vermag, welchen der STALKER durch die Ehrfurcht vor der ZONE ausweichen kann.
  Die zwei Kunden, ein SCHRIFTSTELLER und ein PROFESSOR, die beide unterschiedliche Ziele verfolgen, wollen mit Hilfe des STALKERS an den Ort geführt werden, welcher als der Raum bekannt ist und dem einer Legende nach der Raum seine innersten Wünsche erfüllt. Während der SCHRIFTSTELLER auf der Suche nach seiner verlorenen gegangenen Inspiration ist, verfolgt der PROFESSOR ein ganz anderes Ziel: er will den Raum zerstören, damit dieser nicht missbraucht werden kann. Der STALKER seinerseits hat auch seine Gründe den Raum aufzusuchen, auch wenn ein Stalker den Raum nicht betreten darf.
  Die Reise bleibt für keinen der drei Gefährten ohne Nachwirkungen – ihre Ansicht und Weltbilder werden zerstört. Die Reise hat zu sich selbst geführt. Am Ende kann keinem der Raum helfen.
 
  Man könnte die Verfilmung des Romans „Picknick am Wegesrand“ der Brüder Strugazki durch Andrei Trakowski als eine moderne Variante des „Pandora-Mythos“ bezeichnen – ja, vielleicht sogar als die Fortsetzung desselben. Denn wie im griechischen Vorbild entweicht der Büchse, die im Film möglicherweise durch einen Meteor dargestellt wird, nur Unheil – man denke an die in schwarz-weiß gehaltenen Szenen und Bilder der faschistoiden Stadt, die leicht von Braun durchtränkt sind und ein düsteres, fremdbestimmtes, kafkaeskes Bild zeigen. Doch in der Büchse, der ZONE, bleibt nur eines zurück: die Hoffnung.
  Tarkowksi bedient sich hier eines sehr rätselhaften Bildes – eines Raums, der die innersten Wünsche des Menschen erfüllt. Dieser Raum in einem Gebiet, das für die Protagonisten das Paradies in seiner natürlichen Schönheit darstellen muss, welches im die extreme Antipode zum tristen Stadtbild zeigt, welches im Gegensatz den farbigen Aufnahmen der ZONE in schwarz-weiß gefilmt wurde, personifiziert die Hoffnung in diesem Raum, der irgendwo in dieser schönen und doch gleichzeitig grausamen Welt existiert.
 Gleich wie in der antiken Legende wird diese Gebiet, dieses Gefühl der Hoffnung von einem grausamen Wesen, der Pandora (= die alles Schenkende) im Auftrag der Götter bewacht – was sind die Militär anderes als Marionetten von Regierungs- und Staatschefs.
 
  Noch stärker als in seinem vorherigen Film „Der Spiegel“ zeigt sich im filmischen Werk Tarkowskis Haltung gegenüber dem Kommunismus. Entgegen dem gesetzlich vorgeschriebenen Fortschrittsglauben verfolgt der Regisseur in diesem Film ganz und gar sein eigenes Ideal, welches vielmehr ablehnend, vielleicht sogar verdammend dem von der Partei propagandiertem „Soll“ gegenübersteht: der reinen unberührten Natur – nein, noch viel schlimmer – der Natur, die dem Menschen einen gewissen Lebensraum wieder abgerungen hat und diesen für sich beansprucht.
 
  Der russische Symbolist erschließt aber viel mehr als dies. „Stalker“ ist die Reise dreier Menschen zum Mittelpunkt ihres Lebens – der Hoffnung. Auch wenn alle anderen Motiven und Intentionen folgen, so führt die Reise doch schlussendlich nur zu sich selbst.
  Doch zugleich stehen die Protagonisten für mehr als nur für ihre Berufe, sie sind die Personifikationen von Religion, Kunst und Wissenschaft. Wenn STALKER ehrfürchtig die Zone betritt, diese liebevolle behandelt und dadurch den Weg findet – er ist die letzte Hoffnung, indem er Menschen durch ein lebensbedrohliches Gebiet führt und sich den Glauben an das Gute im Menschen bewahrt, ja sogar gegen den Egoismus der Zeit ankämpft und deshalb als Symbol für Altruismus doch zugleich aufgrund seiner Haltung für einen selten Individualismus steht.
  Der SCHRIFTSTELLER im Gegenzug folgt seinen egoistischen Motiven der Selbstverwirklichung. Er steht für die Kunst, die nach seiner Auffassung der Welt im Widerstreit mit den Naturwissenschaften liegt. Kultur beschreibt sein Weltbild und ironischer Nihilismus lässt ihn den Verlust derselben ertragen.
  Ihm gegenüber steht der PROFESSOR, welcher der Aufklärung und dem Prinzip der Vernunft folgt. In seiner wissenschaftsgläubigen Rationalität verfällt er dem Wahn ein Mensch könnte den Raum benützen um Böses zu tun. Zu sehr ist er schon von der Logik einer Welt vereinnahmt, die kein Chaos mehr zulässt, deren Vorgänge alle einer mathematischen Formel, einer Gesetzmäßigkeit folgen.
 
  Die Natur der ZONE steht im krassen Gegensatz zum menschlichen Wunsch nach Kontinuität, da sie sich verändert, wandelt, keiner Gesetzmäßigkeit Folge leisten muss. Möglicherweise ist auch dies der Grund für die Abschirmung der ZONE und zugleich die Angst vor derselben, die die Soldaten die Protagonisten nicht verfolgen lässt.
  Ironisch ist dennoch die Tatsache, dass nur mithilfe einer Errungenschaft der Moderne – des Zuges, der futuristische Ware geladen hat, der Zugang zu Zone den Menschen ermöglicht wird. Sozusagen stellt die vernichtend kritisierte Technik den Schlüssel zur Natur dar. Womit Tarkowski dem Seher wieder eine Reihe an Interpretationsmöglichkeiten gibt und sich zugleich jeder Interpretation entzieht. Viel zu vielschichtig ist das Werk dafür.
 
  Und dennoch gibt der Regisseur Ratschläge zu Dechiffrierung des Werks, indem er bewusst christliche Symbolik, wie die Dornenkrone, welche der SCHRIFTSTELLER in einer Szene trägt, oder den Fisch als Zeichen Christi, sowie ein Mosaik des Heiligen Johannes des Täufer im Wasser zeigt und damit auch eine christlich-religiöse Interpretation möglich macht, welche im STALKER den Erlöser sieht, welcher die Menschen befreien möchte und Ihnen somit den Weg zur Hoffnung eröffnet. Doch unter diesen Menschen befindet sich auch, gleich Judas, ein Verräter, der die Hoffnung nicht missbraucht sehen möchte, der anderen Zielen folgt und deshalb sich vom Erlöser abkehrt.
 
  Doch „Stalker“ ist nicht nur inhaltlich ein Meisterwerk des sowjetischen Kinos, gerade weil es mit den Grundsätzen desselben bricht, sondern auch in formaler Weise, in der der Regisseur die Bilder einfängt und zugleich ohne jede Art von Spezialeffekten einen Film komponiert, der den Seher durch die Ästhetik der visuellen Schönheit und die Brillanz der Kameraführung fesselt.
  In minutenlangen Kameraschwenks und Plansequenzen entwickelt Tarkowski eine Welt, die in tiefer Melancholie versunken den Weg beschreitet aus dieser auszubrechen. Der perfekt eingesetzte Wechsel von Farb- und Schwarz-Weiß-Aufnahmen erzeugt eine Dichte, die im Autorenkino vielleicht noch bei Bergman oder Antonioni zu finden ist, obgleich die beiden niemals mit diesem dem Russen typischen Wechsel zwischen den Techniken gearbeitet haben.
 
  Auch die harmonisch und zugleich düster anmutende ZONE, die eher verwilderten Industrielandschaft gleicht, zeigt die Intention des Regisseurs einen Film zu schaffen, der höchst symbolisch und doch zugleich verschlüsselt das Publikum in den Bann zieht und dies bis heute schafft.
 
  Einzigartig ist auch der Einsatz der Musik, wie zum Beispiel in der Anfangssequenz als STALKER seine Frau und seine Tochter verlässt. In dieser Szene erklingt Wagners „Tannhäuser-Ouvertüre“ zu hören ist – muss nicht auch der Opernheld am Anfang die Hölle der verführerischen Venus verlassen um nach dem wahren leben zu suchen.
  Selten ist Musik bewusster eingesetzt worden und zugleich vervollkommnt dieser Aspekt den Film, der in jeglicher Hinsicht, sowohl formal als auch inhaltlich, ein komponiertes Meisterwerk darstellt, welches durchzogen und Hoffnung und Melancholie am Ende die Frage offen lässt, ob Beethovens neunte Symphonie von den Geräuschen eines Zugs übertönt wird oder ob selbst die Geräusche eines Zuges Beethovens Neunte nicht übertönen können?
 
  Andrei Tarkowski hat mit „Stalker“ einen Film geschaffen, der die gängigen Klischees über das Science-Fiction-Genre Lügen straft. In eindruckvollen und gewaltigen Bilder, die vor Schönheit den Seher nur sagen lassen: „Staunen nur kann ich, Staunen nur will ich…“ erzählt trotz der Anlehnung an den Roman eine ganz andere Geschichte, die Geschichte dreier Menschen, die drei unterschiedliche Weltsichten vertreten auf der vergeblichen zum Scheitern bestimmten Suche nach der Hoffnung zu sich selbst, welche die Frage nach der Versöhnung mit der natur stellt und diese im letzten Bild beantwortet: „Die Hoffnung liegt in den Kindern.“
  Und doch ist Tarkowskis Film alles andere als leicht verdaulich. Vielmehr ist berührt es den Seher an den existenziellen Punkten des Menschseins und verführt ihn die verborgene Symbolik der apokalyptischen Welt, die der Regisseur zeichnet, zu entschlüsseln. Doch zugleich entzieht sich das Werk jeglicher Interpretation und erkennt dadurch die Schwäche des menschlichen Denkens in richtig oder falsch.
  „Stalker“ ist ein philosophisch-psychologisches Meisterwerk über die düsteren menschlichen Grenzen. Ein Jahrhundertfilm, der seinesgleichen in der Filmgeschichte sucht.
 
 DISK:
  Die Export-DVD von RUSCICO, welche in Deutschland, Österreich und der Schweiz von Petershop (www.petershop.com) vertrieben wird, glänzt in allen Belangen. Das Menü ist zwar leider nur in Russisch, Englisch und Französisch aufrufbar, dürfte aber selbst für Personen ohne Englisch-Kenntnisse leicht zu bedienen sein.
  Die Zwei-Disk-Edition des Films enthält neben der restaurierten russischen Tonfassung in Dolby 5.1 die Original-Mono-Tonspur, welche dem Film in seiner Authentizität bewahrt und deshalb die beste erhältliche Ausgabe des Films am Markt darstellt. Die gutlesbaren Untertitel sind in Russisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Arabisch, Japanisch und vielen anderen Sprachen, für den deutschsprachigen Raum aber am wichtigsten in Deutsch, vorhanden und mindern das Vergnügen nur in der Weise, dass die Untertitel sehr seltene aber doch vorhandene Rechtschreibfehler wie „sonnst“ anstelle von „sonst“ oder „mann“ anstelle von „man“ beinhalten, aber dies sich im Gegensatz zur Edition des Films „Der Spiegel“ noch mehr vermindert haben.
  Einziger Kritikpunkt der Ausgabe offenbart sich in der Tatsache, dass nach der Hälfte des Films die DVD gewechselt werden muss um den Film in weiterer Folge genießen zu können. Dennoch tut die dem Filmvergnügen keinen Abbruch, da im Gegenzug für diese Unannehmlichkeit die RUSCICO-Edition wie gewohnt kann durch eine exzellente Bild- und Tonqualität restlos überzeugen kann und mit ihrem Namen für qualitätsvolle Restaurierung und Aufbereitung russischer Filme für den DVD-Markt steht.
  Die DVD wird in einer Amaray-Plastikhülle geliefert, dessen Cover das russische Filmplakat zu „Stalker“ zu sehen ist. Auf der Rückseite befindet sich eine kurze prägnante Beschreibung des Films des Films bzw. die Kennzeichnung der DVD zur Reihe „Directed by Andrej Tarkovsky“ (zu Deutsch: unter der Regie von Andrej Tarkovsky).
 
 BONUS:
 
  Zusätzlich machen Interviews mit dem Komponisten Eduard Artemyev, dem Operateur Alexander Knyazhinsky, dem Production Designer R. Safiullin sowie die Dokumentation „Erinnerung“ über den Regisseur und Ausschnitten aus der Diplomarbeit von Andrei Tarkovsky „The Streamroller and the Violin“ neben einer Bildergalerie, Biographien und Filmographien zu einer Sammler-Edition, die sowohl in Ausführung als auch Inhalt komplett überzeugt.
 
 FAZIT:
 
  Auch wenn oder gerade weil sich „Stalker“ schlüssigen Deutungen entzieht, fasziniert der Film immer wieder erneut bis heute und zeichnet sich als ein Enigma aus, welches tief im Menschseins verwurzelt ist. Tarkovskys Film ist nur ein Meilenstein der Science-Fiction, sondern auch ein Meisterwerk des Films, welcher durch die visuelle Ästhetik der Aufnahmen, den perfekten Einsatz der Musik, die tief philosophischen Dialoge und einer spannenden Handlung das Publikum in seinen Bann zieht, wie wenige Filme.
 Die RUSCICO-Ausgabe, die über den Vertrieb Petershop (www.petershop.com) zu beziehen ist, überzeugt auf ganzer Linie und sorgt mit seiner hervorragenden Bild- und Tonqualität für ein Filmvergnügen, welches einem einzigartigen Film wie „Stalker“ Rechnung trägt.

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