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Im Glaskäfig
(Tras el cristal, 1985)

Bildstörung
2008
€ 21,95


Von Sascha Todtner am 11.09.2009

 Regie: Agustí Villaronga
 Darsteller: Günter Meisner, David Sust, Marisa Paredes
 Entstehungsjahr: 1985
 Studio: Bildstörung
 Spieldauer: 108 Min.
 FSK: keine Jugendfreigabe
 
 
  „Im Glaskäfig“ („Tras el Cristal“) des spanischen Regisseurs Agustí Villaronga ist eine unbekannte Perle des Kinos. Obwohl auf der Berlinale 1986 gezeigt und gelobt sowie gefeiert, rief es beim Publikum eher Missmut hervor und wurde bald darauf vergessen. Nun veröffentlich das junge Label für exklusive Filme abseits des Mainstreams „Bildstörung“ den spanischen Skandal mit Günter Meisner, David Sust und Marisa Paredes auf DVD und eröffnet damit dem deutschsprachigen Publikum ein Juwel voller Grauen, Angst und Hoffnungslosigkeit in einer zerbrochenen Glaswelt, deren Scherben sich in die Haut des Zusehers schneiden.
 
 HANDLUNG:
 
  „Tras el cristal“ handelt vom ehemaligen KZ-Arzt Klaus, der im Auftrag der nationalsozialistischen Regierung „medizinische“ Versuche an kleinen Jungen durchführte sowie sich seiner sexuell-sadistischen Pädophilie hingeben konnte. Vor dem Zusammenbruch des Dritten Reichs flieht er ins spanische Exil und wird dort von seinen Trieben eingeholt. Vor Scham und Verzweiflung aufgelöst, beschließt er seinem Leben durch den Sprung von einem Hausdach ein Ende zu setzen. Der Suizidversuch misslingt – nur durch eine eiserne Lunge am Leben erhalten wird er von seiner Frau Griselda und der gemeinsamen Tochter Rena in einer abgeschiedenen Villa auf dem spanischen Land gepflegt. Doch eines Tages taucht ein junger Mann auf, der sich Zutritt zur Villa beschafft und sich immer des Kranken einschließt. Als sich die Türen wieder öffnen, besteht Klaus auf die Einstellung des jungen Manns, der den Namen Angelo trägt, als Pfleger. Trotz der Tatsache, dass Griselda schon bald die medizinische Unkenntnis herausfindet, beharrt Klaus weiterhin auf Anstellung des jungen Manns, die eine gemeinsame Vergangenheit verbindet. Als Druckmittel Angelos stellt sich ein Tagebuch Klaus’ heraus, indem er detailliert die Folterung und Ermordung der Jungen schildert und welches Angelos beim Selbstmordversuch des Arztes entwenden konnte. Fasziniert und zugleich abgestoßen von diesen Schilderungen kontrolliert er bald das Haus, die Grenzen zur Realität verschwimmen und durch den Mord an Griselda angetrieben, verliert Angelo die Kontrolle und zwingt Klaus, seinem finsteren Idol, den Opfern beizuwohnen, die er nach dem Vorbild des Tagebuchs inszeniert. Die Tochter Rena ist dem Eindringling bedingungslos ergeben. Der Sog der Gewalt zieht seine Kreise weiter und am Ende nimmt Angelo die Position in der eisernen Lunge ein, die Klaus innegehabt hat und in Rena findet sich eine weitere Generation traumatisierter Opfer.
 
  Agustí Villarongas Werk „Tras el Cristal“, zu Deutsch: „Im Glaskäfig“, ist eines der Filme, die in einem Zug mit Pasolinis „Saló oder die 120 Tage von Sodom“ genannt wird und steht diesem in seiner aufklärerischen Tendenz um nichts nach. Als Kind zweier Generationen, einerseits des Franco-Regiems, andererseits der demokratischen parlamentarischen Monarchie, benützt der Regisseur gleich seinem italienischen Kollegen ein literarisches Werk, nämlich das Buch „Gilles de Rais. Leben und Prozess eines Kindermörders“ des französischen Philosophen Georges Batailles als Grundlage und versetzt die Thematik desselben in die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft bzw. der Nachwirkungen derselben.
 Dennoch stellt der grausame Hintergrund des zweiten Weltkriegs für Villaronga zugleich eine Kritik am Regime der Franco-Zeit dar und zeigt 1985 zugleich die Akzeptanz bei der Aufnahme von Nationalsozialisten seitens der Mächtigen in Spanien.
 
  Trotzdem unterscheidet sich das Werk des Spaniers vom Skandalfilm Pasolinis in wesentlichen Punkten: während „Saló“ detailliert und ohne Scheu Grausamkeit darstellt und unverhüllt zeigt, wählt Villaronga den Weg der menschlichen Phantasie, die sehr viel grausamer sein kann als die Realität, indem er gewisse Szenen, wie die Tötung der Jungen nur andeutet und dem Zuseher selbst überlässt sich die Qualen des Opfers vorzustellen.
 
  Die Grausamkeit der menschlichen Rasse nimmt nicht nur in „Im Glaskäfig“ eine zentrale Stellung ein, sondern im gesamten Werk des Spaniers, aber auch die Idee des Martyriums und des aktiven sowie passiven Opfers, welches das Leben der Protagonisten bestimmt dominieren im Werk. Zugleich nimmt sich der Regisseur auch der Thematik der sexuellen Identität, grandios in der Schlussszene am Beispiel der Tochter Rena dargestellt, an, die sich aber auch in der homosexuellen Neigung Klaus’ sowie Angelos zeigen. Sexualität als Spiel von Macht und als Akt der Gewalt – in diesem Sinne sieht der Zuseher die Darstellung des Libido, des Sinnlichen.
 
  Gewalt und Macht – ein wechselndes Verhältnis, welches exemplarisch für diesen Film steht. Dreimal wechseln die Machtverhältnisse, die immer mit Gewalt einhergehen, dreimal müssen unschuldige Opfer leiden und schlussendlich zum Vergnügen einer weniger sterben. Beginnend bei Klaus über Angelo bis zu Rena für die tragische Verkettung der Macht und Gewalt, die der Film perfekt visualisiert. Aus der Macht wieder Abhängigkeit, aus Opfer wird Täter, aus Neutralität wird Aggression. Gewalt ist geschlechterübergreifend.
  Am Ende steht wie am Beginn die Erschaffung eines Monsters – der Gedanke von der „Wiederkehr des ewig Gleichen“ nach Friedrich Nietzsche.
 
  Die fehlende Distanz macht den Film beinahe unerträglich. Von Beginn an befinden sich die Protagonisten in einem Käfig, am dominantesten fällt hier sicher die eiserne Lunge auf, aber auch die anderen Charaktere befinden sich in einem Gefängnis aus dem sie nicht entkommen können, wie sich am Ende in Form einer Schneekugel offenbart.
 
  Technisch gesehen überzeugt der Film ebenso wie inhaltlich auf voller Linie. Das omni-präsente Symbol des gesplitterten Glases kann als Metapher für die krankhaften Persönlichkeiten der Protagonisten. Auch die Farbe Blau, die von Villaronga gezielt eingesetzt wird und in der christlichen Symbolik für Gott, Glauben und Offenbarung sowie für Gnade steht, aber diese Eigenschaften im Film vollkommen verliert und zu einem Symbol reinster Grausamkeit und Gewalt wird, zeichnen die künstlerische Inszenierung und technische Ausführung des Films aus. Dazu trägt auch der exzellente Umgang mit der Filmmusik bei, die die düstere, ja sogar schon finstere Stimmung sanft untermalt und wie Dornen immer tiefer und blutiger ins Ohr vordringt.
 
  Die Geschichte des Films wird von der Ablehnung des Publikum, trotz der hervorragenden Kritiken dominiert und lies aufgrund dessen den Film so lange in Vergessenheit geraten bzw. nicht auf VHS oder DVD veröffentlichen. Dem kleine deutsche Label Bildstörung Bildstörung ist es zu verdanken, dass dem deutschsprachigen Raum dieser Film wieder zugänglich gemacht wurde.
 
  Auch wenn die Handlung an Stephen Kings „Der Musterschüler“ erinnert, erweist sich Agustí Villarongas „Im Glaskäfig“ als ein spannendes finsteres Werk, das in die Tiefen der menschlichen Psyche blickt, welche für die Logik unergründbar sind. Die wechselnden Machtverhältnisse und die grandiose Ausführung des Films sowie der schonungslose Umgang mit dem Publikum machen diesen Film zu einem Meisterwerk des Films, der trotz kleinerer Schwächen in der Charakterzeichnung restlos überzeugt und durch seine psychische Brutalität fasziniert und abstößt. „Im Glaskäfig“ ist eine gnadenlose Abrechnung mit Sexualität und weist die auf Machtverhältnisse hin, denen zwangsläufig immer Gewalt zugrunde liegt.
  Agustí Villarongas „Tras es Cristal“ („Im Glaskäfig“) ist die Verschmelzung von Horror mit dem künstlerisch-philosophischen Aspekt des Arthouse-Films.
 Ein Meisterwerk.
 
 Disk:
 
  Die Ausgabe des Labels Bildstörung überzeugt auf ganzer Linie. Die Bilder sind kraftvoll und im Gegensatz zu den gängigen Kopien hochwertig. Die Farben sind voneinander isoliert und kontrastreich. Geliefert wird der Film in der spanischen Originalfassung mit gut lesbaren deutschen Untertiteln.
  Die enge Zusammenarbeit mit dem Regisseur lässt sich vor allem beim Bonusmaterial finden, das neben einem Interview mit Villaronga noch einen Audiokommentar beinhaltet, welcher dazu anregt den Film ein zweites Mal anzusehen und damit von einer anderen Standwarte aus zu betrachten. Die kommentierte Bildergalerie und ein Vergleich zwischen Storyboards und den entsprechenden Szenen werden von einem alternativen Filmanfang - liegt nur als Storyboard vor - begleitet. Daneben sind noch Informationen über das Label auf der DVD zu finden.
 
  Die Aufmachung der Verpackung ist mehr als gelungen und zeugt von der liebevollen Gestaltung der DVD, welche sich einem Single-Jewel-Case, die von einem Schuber aus Karton geschützt wird, befindet; dieser wiederum ist von einem Schutzmantel umgeben. Diese Gestaltung und das umfassende Booklet, welches neben der Sicht eines Experten auch die Reaktionen bei der Veröffentlichung des Films auf der Berlinale schildert, machen die Edition mit dieser Prachtausstattung zu einem Pflichtkauf.

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