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Feuerpferde
Schatten vergessener Ahnen
(???? ??????? ???????, 1964)

RUSCICO


Von Sascha Todtner am 11.09.2009

 Regie: Sergey Paradzhanov
 Darsteller: Nikolay Grinko, Larisa Kadochnikova, Nina Alisova, Tatyana Bestaeva, Ivan Mikolaychuk
 Entstehungsjahr: 1964
 Spieldauer: ca. 92 Minuten
 FSK: ab 16 Jahren freigegeben
 
 
  Nachdem im deutschsprachigen Raum es lange unmöglich erschien einen Film des wohl originellsten und einflussreichsten sowjetischen Regisseurs Sergey Paradzhanov zu bekommen, liegt nun das 1964 erschienen Werk „Feuerpferde“ (???? ??????? ???????), der zu Deutsch übersetzt „Schatten vergessener Ahnen“ bedeutet mit Grinko, Larisa Kadochnikova, Nina Alisova, Tatyana Bestaeva und Ivan Mikolaychuk in den Hauptrollen im Label „Diamant“ vor, welches eine Zusammenarbeit zwischen RUSCICO und Petershop (www.petershop.com) darstellt. Der unter anderem mit dem Preis der britischen Filmakademie 1966 ausgezeichnete Film stellt ein Meisterwerk des sowjetischen poetischen Films, der zwar im Ausland enorm erfolgreich, innerhalb des kommunistischen Herrschaftsbereichs aber verpönt und zensuriert war.
 
 HANDLUNG:
 
  In einem kleinen Dorf des Hirtenstamms der Huzulen im Gebirge der ukrainischen Karpaten kommt es durch einen Streit zweier Familien, in dem Iwans Vater von Maritschkas Vater ermordet wird. Während Iwans Mutter Maritschkas Familie verflucht und zum Tode wünscht, entwickelt sich aus der kindlichen Freundschaft, die Iwan über den Verlust des Vaters hinwegtröstet, eine zarte Liebe. Doch um seine Geliebte heiraten zu können, verlässt Iwanko das Dorf um als Lohnarbeiter über den Sommer Geld für den gemeinsamen Haushalt zu verdienen. Bei dem Rettungsversuch eines Schafes, stürzt Maritschka in einen Fluss und wird abgetrieben vom zurückkehrenden Iwan ertrunken aufgefunden.
  Dieser, in seiner Trauer versunken, verwahrlost vollkommen und sieht den einzigen Sinn seines Lebens nur noch in der Arbeit, denkt an Selbstmord bis er während seiner Arbeit Palagna kennenlernt. Die beiden heiraten schnell, doch die Ehe ist vom Beginn an zum Scheitern verurteilt, da Iwan immer noch von der Erinnerung an Maritschka besessen ist. Langsam verfällt Palagnas Ehegatte in Halluzinationen, während Palagna, welche sich Kinder wünscht, durch Zauberei verzweifelt versucht Iwans Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. Als Iwan in einer Trinkhalle den Zauberer und seine Frau umschlungen sieht, greift er diesen mit seiner Axt an und wird im Kampf mit diesem verwundet, worauf hin er in den Wald flüchtet. Überwältigt von Erinnerungen und durch die Verletzung geschwächt, glaubt Iwan Maritschkas Geist zwischen den Bäumen und in den Wasserspiegelungen zu erkennen. Als der Geist der Geliebten ihm die Hand reicht, stößt Iwanko einen Schrei aus und stirbt. Während Iwan der Tradition entsprechend beerdigt wird, stehen am Fenster acht Kinder.
 
  Sergey Paradzhanov (in anderen Schreibweisen: Sergej Paradschanow) gilt obwohl seines verhältnismäßig überschaubaren Schaffens, welches vor allem durch das sowjetische Arbeitsverbot und die Inhaftierung begründet sind, als einer der einflussreichsten und originellsten Filmregisseure der Sowjetunion neben Andrei Tarkowski, dessen Erstlingswerk „Iwans Kindheit“ einen maßgeblichen Einfluss auf das Werk des Georgiers hatte, der 1924 in Tifilis (Georgien) geboren wurde. Nach dem Abschluss der Moskauer Filmschule WGIK schuf der Regisseur politisch korrekte, d.h. dem sozialistischen Realismus verpflichtete Filme, die aber seinen Drang nicht befriedigten etwas Neues zu schaffen, was Sergey Paradzhanov zu „Feuerpferde – Schatten vergessener Ahnen“ anregte.
 
  Der Film basiert auf der 1912 veröffentlichten gleichnamigen Novelle des ukrainischen Schriftstellers Michail Kociubinski und sollte den Ruf Sergey Paradzhanovs als „Kinorebell“ gegen den sozialistischen Realismus begründen.
  „Feuerpferde – Schatten vergessener Ahnen“ erzählt deine Legende der Huzulen die von der Liebe zweier Karpatenkinder erzählt, welche an der Feindschaft der Familien zerbricht. Umgeben von einer für westliche Zuseher befremdlich wirkenden Kultur voller Mystik und Religion erzählt Paradzhanov von Tod und Opferbringung, Verrat und Glaubensverlust, Liebe und Vergessen und befindet sich damit immer auf der Schwelle zum Tod.
 
  Die über den Tod hinausgehende Liebe, die schon fast an Obsession grenzt Iwans gegenüber Maritschka wird bildlich immer wieder durch das Kreuz über dem Grab ins Gedächtnis gerufen und lässt sowohl Iwanko als auch den Zuseher nicht mehr los und wird erst ihre Befriedigung in der Szene finden als Maritschkas Geist Iwan die Hand reicht und somit die Liebenden, wenn nicht in dieser, dann in jener anderen vereint werden.
 
  Reichhaltige Landschafts- und Folklorebeschreibungen, die in einer enormen Bildgewalt präsentiert werden, zeigen das reale Leben der Huzulen, dokumentieren ihre Bräuche und Riten, wie zum Beispiel die Hochzeit, die indem vollzogen wird, dass Bräutigam und Braut unter ein gemeinsames Joch gespannt werden und somit symbolhaft gemeinsam das Joch des Lebens zu tragen haben. Verständlich, dass die sowjetische Regierung diesen poetischen die Vielfalt verklärenden Film nicht gutheißen wollte und den Regisseur mit einem Arbeitsverbot belegte und ihn schlussendlich wegen nichtiger Vorwürfe inhaftierte.
 Paradzhanov war ein Fabulierer, ein Legendensammler und dieser Leidenschaft ging er in seinem Film nach, über den er volle Kontrolle besaß und deswegen entgegen des gesetzlich vorgeschriebenen sozialistischen Realismus ein poetisches Meisterwerk ohne Gleichen schaffen konnte.
 
  Doch vor allem stilistisch zählt dieser Film zu den Meisterwerken der Filmgeschichte, indem der Regisseur bewusst höchst symbolische Zeichen verwendet, die die Verankerung der Religion und des Aberglaubens in der Kultur des Volks unterstreichen und begreifbar machen und fernab des von Moskau propagandierten Kommunismus vom tiefwurzelnden Glauben erzählen. Diese Symbole bestehen aus Kreuzen, Lämmern, Grabhügeln und Gräbern sowie Geistern, die im gesamten Film präsent sind und immer wieder die Erinnerung an Maritschka in Erinnerung rufen.
  Zugleich zeugt der subtile Umgang des Farbenspiels von einem enormen Feingefühl, indem der Paradzhanov zum Beispiel in der Zeit der Trauer Iwans Schwarz-Weiß-Film benützt. In anderen Szenen sind die Farben absichtlich gedämpft um einen starken Kontrast zwischen den Farben Rot und Gelb zu erzeugen. Dieser Einsatz von Farben als Sinn für die grundlegende Leidenschaft zeigt zugleich vom Kampf gegen das unausweichliche Schicksal, welchen die unglückliche Liebe von Anfang an geweiht war.
  Orientalische Motive, tableauhafte Arrangements und mystische Rituale in einer stilistisch-verfremdeten, teilweise sogar surrealistischen Landschaft, die von Folklore und feierlichen Ritualen geprägt ist und durch phantastische Bildkompositionen und raffinierte Tonmontagen visualisiert wird, prägen den ausdrucksstarken sowie intensiven Film und lassen den Atmen anhalten als Silhouetten von in rot getränkten Pferden über den Leichnam des Vaters springen.
 
  Die surrealistischen Szenen, wie die zuvor erwähnte Pferdeszenen werden in einem Rot, welches die pure Gewalt an sich verkörpert und einen sowohl fasziniert als auch ängstigt, verfremdet und zeigen die künstlerische und zugleich psychologische Wirkung der Montage, die bis heute nicht von ihrer schockierenden und gleichzeitig ästhetischen Wirkung verloren hat. Zusätzlich verwendet Sergej Paradzhanov die Farbe als Hintergrund zur Einblendung der neun Zwischentitel und erinnert sowohl in Farbwahl als auch Gebrauch dieser an den 8 Jahre später entstandenen Ingmar Bergman-Film „Schreie und Flüstern“, der in ähnlicher Manier arbeitet.
 
 Fazit:
 
  „Feuerpferde – Schatten vergessener Ahnen“ von Paradzhanov ist ein archaisches Meisterwerk – ein uralter, heidnische Albtraum, der die Kamera durch die Landschaft hetzt, von Wald zu Schlucht, von Fluss zu Tal, von Berg zu Ebene. Immer halluzinierend, mysteriös, irritierend farbenprächtig und einfach nur wunderschön.
 Ein Meilenstein der Filmgeschichte, der zutiefst berührt und fasziniert; eine Wiederentdeckung von Rang; intensiv und wunderschön.
 
 
 DISK:
 
  Die DVD des Labels „DIAMANT“ liegt in einer Singel-Disk-Edition vor, welche in Jewel-Case vertrieben wird und vom DVD-Cover der russischen Originalversion geziert wird. Das Menü, welches sowohl in Russisch als auch in Deutsch aufrufbar ist, ist im präsenten Rot gehalten und von der Titelmelodie untermalt, dadurch ansprechend gestaltet und bietet neben der Kapitelanwahl auch die Möglichkeit der Sprachumstellung.
  Die DVD „Feuerpferde – Schatten vergessener Ahnen“ bietet nur die russische Tonspur mit einblendbaren deutschen Untertiteln, die die Authentizität des Films unterstreichen. Negativ zu erwähnen ist die Doppelsynchronisation, die gerade am Anfang den Filmgenuss stört und wahrscheinlich auf die ursprünglich ukrainische Tonspur zurückzuführen ist. Dafür ist die Musikspur einwandfrei sowie exzellent restauriert und lässt beim Klang den Hörer erschaudern.
  Die Bildqualität ist sehr gut und RUSCICO hat wieder einmal seine Fähigkeiten als exzellenter Filmrestaurator auf dem Gebiet der russischen Filmklassiker bewiesen. Als Bonus bietet die DVD drei Trailer zu weiteren DVDs der DIAMANT-Serie.
 
 Fazit:
  Trotz der ärgerlichen Doppelsynchronisation stellt die DIAMANT-Ausgabe, die eine Kooperation von RUSCICO dem deutschen Direkt-Vertrieb Petershop (die DVDs der DIAMANT-Reihe sowie RUSCICOs sind unter www.petershop.com erhältlich) darstellt, des Filmklassikers „Feuerpferde – Schatten vergessener Ahnen“ von Sergej Paradzhanov eine einmalige Chance da das Meisterwerk problemlos käuflich zu einem günstigen Preis von ca. 10€ mit deutschen Untertitel zu erwerben. Die vollständig digital restaurierte Fassung überzeugt bild- sowie tontechnisch auf voller Linie und ist jedem Filmliebhaber bedingungslos zu empfehlen.

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