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Der Spiegel
(???????, 1975)

RUSCICO


Von Sascha Todtner am 11.09.2009

 Regie: Andrej Tarkovskij
 Darsteller: Oleg Yankovskiy, Nikolay Grinko, Innokentij Smoktunovskij, Anatolij Solonicyn, Margarita Terehova
 Entstehungsjahr: 1975
 Spieldauer: 108 min.
 FSK: ab 12 Jahren freigegeben
 
  Der vierte Film des russischen Regisseurs der experimentellen Avantgarde Andrej Tarkovskij „Der Spiegel“, im russischen Original ??????? (Zerkalo), ist ein Mysterium, ein Enigma, eine Hommage an den Bewusstseinsstrom. Intim, verstörend, rätselhaft erscheint der 1975 veröffentlichte Film mit Oleg Yankovskiy, Nikolay Grinko, Innokentij Smoktunovskij, Anatolij Solonicyn und Margarita Terehova, der heute als Meisterwerk des Russen gilt und mit jeder erdenklichen Regel des sozialistischen Realismus bricht. Ein schwerzugängliches Meisterwerk, welches zu den ästhetischsten Arbeiten der Filmgeschichte gehört. Die vorliegende Ausgabe von RUSCICO, welche in Deutschland, Österreich und der Schweiz durch Petershop (www.petershop.com) vertrieben wird und durch restaurierte und qualitativ hochwertige DVD-Editionen russischer Filme bekannt ist, stammt aus der Reihe „Directed by Andrej Tarkovsky“ (zu Deutsch: unter der Regie von Andrej Tarkovsky), welche sich dem Mythos des Regisseurs widmet und die kostbaren Werke auch der deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich macht.
 
 HANDLUNG:
 
  „Der Spiegel“ entzieht sich in seiner dramaturgischen Form und aufgrund einer episodenhaften Handlung einer kontinuierlichen chronischen Struktur, die vor allem durch die Gefühls- und Gedankenwelt des Protagonisten Alexei und die Mutter des Mannes zusammengehalten wird und sich auf Erinnerungen konzentriert. Erinnerungen aus der Kinderzeit eines Sommeraufenthalts am Land, in dem sich der Vater von der Familie trennt und am Ende dessen die Heuscheune abbrennt, aber auch die Arbeit der Mutter in einer Druckerei wird gezeigt, wie sie wegen eines eingebildeten Rechtschreibfehlers panisch wird, die vormilitärische Ausbildung von Schulkindern und dem Ungehorsam eines dieser Kinder sowie die Evakuierung Alexeis und seiner Mutter, die bei reichen Bekannten Unterschlupf suchen. Dabei vergisst Alexei ganz auf seinen eigenen Sohn Ignatz, von dessen Mutter Natalja er sich getrennt hat.
  Diese Episoden sind immer wieder durch Träume beeinflusst und werden durch zeitgeschichtliche Originalaufnahmen des spanischen Bürgerkriegs, des zweiten Weltkriegs und der Kulturrevolution in China durch Mao unterbrochen.
 
  „Regeln sind um gebrochen zu werden“ – nach diesem Motto arbeit der russische Regisseur Tarkovski in seinem vierten Film, der von vielen als schwerstzugänglichstes und unverständlichstes Werk des Autorenfilmers gilt, aber gehört dennoch zu den bahnbrechenden Filmen der Filmgeschichte. Nicht zuletzt die erstmals filmische Umsetzung des literarischen Bewusstseinsstroms in der Manier von James Joyce oder Marcel Proust bis zu Alfred Döblin und Knut Hamsun macht diesen Film zu einem Meisterwerk. Auch wenn der Betrachter unwillkürlich versucht die Ereignisse chronologisch zu ordnen, eine Struktur zu schaffen, so ist dieses Unternehmen schon von Beginn an dazu verdammt zu scheitern und trotz allem macht gerade dieses verzweifelte und sinnlose Verlangen nach dem Lösen des Geheimnisses den Reiz des Filmes aus, dem sich schwerlich ein Betrachter entziehen kann.
 
  Dadurch kann der Film keiner chronologischen kontinuierlichen Struktur folgen – vielmehr ist eine Folge von Erinnerungen, die durch Impulse und Assoziationen hervorgerufen werden und Alexei, der als Erwachsener niemals vor die Kamera tritt, sondern immer hinter der Kamera steht, als ob die Kamera uns seine Gedanken, sein Bewusstsein zur Sprachen bringen will. Diese Erinnerungen, die in der Vergangenheit wurzeln und dem Protagonisten ein Leben unmöglich machen, da ihm ein wichtiger Grundstein, Identität genannt, fehlt – da er diesen Grundstein nicht gefunden hat.
 
  Alexei vermischt in seiner „Realität“ die subjektiven Erinnerungen mit dem gegenwärtigen Leben. Immer wieder ist von der Mutter des Protagonisten die Rede, die Alexei sich als junge Frau nur mit Gesicht seiner Ex-Frau Natalja vorstellen kann – entgegen der landläufigen Meinung, ein Mann würde seine Frau nach dem Bild seiner Mutter suchen, zeigt der Regisseur hier nach einer freudschen Interpretation (was dem Film von der sowjetischen Zensur vorgeworfen wurde), dass ein verdrängtes nicht aufgearbeitetes Erlebnis wie die Vernachlässigung der Mutter als Kind dieses Bild der Mutter durch ein anderes Idealisiertes verdrängt wird – im Falle Alexeis durch seine Ex-Frau. Doch trotz seiner eigenen Erfahrungen bemerkt der Vater nicht den eigenen Fehler, welchen er im Begriff ist zu tun – die Vernachlässigung des Sohns, welcher bei der Mutter wohnt. Viel zu sehr verliert er sich in der Vergangenheit, in den Erinnerungen, die von ihm nicht gesteuert werden – zuviel Vergangenheit hat macht blind für die Gegenwart. Die Wiederkehr des Ewig Gleichen nach Nietzsche manifestiert sich in dieser Sequenz.
 
  Gleichzeitig versucht Tarkowski in diesem Film seine Theorie der individuellen Erinnerung mit der der kollektiven Geschichte nach Carl Gustav Jung zu beweisen, was sich in der Miteinbeziehung von Archiv-Aufnahmen historischer Ereignisse zeigt. Im Kontext dieser Paraphrasen wird aus der Erinnerung Gegenwart und Gegenwärtiges wird Vergangenes.
 
  Tarkowskis Werk ist ein Werk über die Zeit – es ist die Zeit. In einer Sequenz am Anfang als ein Arzt des Weges kommt und Alexeis Mutter nach Weg fragt, erörtert dieser Mensch über die ständige Hast, der der Mensch unterläge und die ihm jede Zeit zum Nachdenken nehme. Alexei steht genau vor dieser Problematik: historische Ereignisse und „die Hast“ nehmen ihm die Möglichkeit sich selbst zu finden – sich selbst eine Identität zu geben. Als zeitlichen Gegenspieler zeigt der Regisseur die Natur – Aufnahmen von Feuer, Wasser und Wind werden in die Szenen eingewoben um gegen die von Menschen geschaffene Hast der Ökonomie zu wirken.
  Exzellent wird dies in der traumartigen Sequenz dargestellt, in der sich die Mutter die Haare in einer Schüssel mit Wasser wäscht und dabei mit dem Kopf in diese Schüssel eintaucht um dann langsam die Haare aus der Schüssel zu ziehen. Plötzlich fließt überall her Wasser, von der Decke und der Putz löst sich – alles scheint sich aufzulösen.
 
  Dieses Auflösen beschreibt sehr gut den Zustand des Protagonisten, der in seiner subjektiven Zeit und der Erinnerung gefangen ist. Er versucht in einer Einheit mit der Natur zu leben, woran er aber scheitern muss. Vielmehr ist er fremdbestimmt von der Gesellschaft, was vor allem durch die Archiv-Szenen deutlich gemacht wird, aber zugleich Hoffnung enthält.
  Auch wenn die Menschen mit Bildern des „Großen Vorsitzenden“ Maos Parolen rufen und ihre Zeit, ihre Subjektivität, ja sogar ihr Bewusstsein fremdbestimmt ist, sie getrieben werden und keinen Widerstand leisten, so sehr auch Alexeis Erinnerungen davon nicht frei sind, so gibt es doch Hoffnung, dadurch dass durch persönliche, individuelle Erinnerungen ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein vorhanden ist und damit ihn gegen die Fremdbestimmung ankämpfen lässt – zumindest im Inneren.
 
  Diese These könnte man als Tarkowskis eigene Kritik an den Kommunismus der Sowjetunion betrachten, der sich auch in der Szenen zeigt, als die Mutter verzweifelt durch den Regen läuft um zur Druckerei zu gelangen um einen vermeintlichen Fehler auszubessern. Diese Angst etwas geschrieben zu haben, was dem Regime – die Szene spielt 1953 – widerspricht, dieses kritisiert, ist dermaßen groß, dass die Mutter in Panik gerät. Kritik am stalinistischen Terror?
 
  Vielleicht ist es gerade dies, was Tarkowskis Film „Der Spiegel“ so besonders macht: die vielfältige Interpretation, die jede Richtung zulässt, nichts für richtig, nichts für falsch anerkennt, sondern vielmehr einzig und allein der Meinung des Arztes Folgt, die Menschen zum Denken anzuregen.
  Selbst die unzähligen Symbole, wie der des Spiegels oder des Wassers, welche vom Regisseur in einem Interview für nichtig erklärt wurden, haben für jeden ihre individuelle Bedeutung und passen sich dementsprechend an – aus dem Gegenwärtigen wird Erinnerung, persönliche Erinnerung der kollektiven Geschichte.
 
  In erster Linie ist dieser Film ein bildgewaltiges visuelles Epos der Schönheit, die ihresgleichen in der Filmgeschichte suchen und vielleicht noch bei Kieslowski, Bergman und Antonioni zu finden sind. Werke, die in ihrer Dichte einzigartig sind. Aufnahmen, die einfach nur staunen lassen.
  Gerade die Szene, in der Alexei aus einem Buch vorlesen muss, erinnert in ihrer Atmosphäre und Dichte an Bergmans später Entstandenes Meisterwerk „Fanny und Alexander“, in welchem der junge Alexander auch im Haus der Juden eine ähnliche Situation erlebt und Bergman gesteht Tarkowski als wichtigen Zeitgenossen zu verehren.
 
  Gewaltige Schönheit, Tarkowskis Kunstsinn, der Szenen Gemälde wie „Das Mädchen mit dem Perlohrring“ imitieren lies und damit ihre ganz persönliche Ästhetik schaffen konnte, Reminiszenzen an Künstler wie Leonardo da Vinci und Pieter Brueghel d. Älteren, die Liebe zum Detail, der gekonnte Wechsel zwischen Schwarz-Weiß und Farbe, Endzeitstimmung – dies alles ist das Filmgedicht „Der Spiegel“ und noch vielmehr. Doch wie der österreichische Philosophie Ludwig Wittgenstein manifestierte: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ In diesem Sinne kann man bei Tarkowskis Aufnahmen dieses Zitat nur in abgewandelter Form wiedergeben:
  „Was man mit Worten nicht ausreichend loben kann, darüber muss man schweigen.“
 
  Auch die Wahl der Musik ist hervorragend und überaus passend: Choräle von Johann Sebastian Bach, Musik von Henry Purcell und Giovanni Batista Pergolesis untermalen die Zitate von Dante, Dostojewski und Puschkin.
 
  Der Filmschaffende selbst, sagt über dieses Werk: „Im «Spiegel» wollte ich nicht von mir, sondern von meinen Gefühlen zu meinen Nächsten, von unserem gegenseitigen Verhältnis, von dem ewigen Pflichtgefühl erzählen.“ Vielleicht nimmt deshalb das Bild der Mutter so eine bedeutende Rolle ein, möglicherweise auch deshalb die vier Gedichte des Vaters, welche auch von ihm vorgetragen werden – doch jede Information baut nur noch weiter das Geheimnis des Films auf und zwingt in seiner Enigmahaftigkeit zur Beschäftigung.
 
 DISK:
 
  Die Export-DVD von RUSCICO, welche in Deutschland, Österreich und der Schweiz von Petershop (www.petershop.com) vertrieben wird, glänzt in allen Belangen. Das Menü ist zwar leider nur in Russisch, Englisch und Französisch aufrufbar, dürfte aber selbst für Personen ohne Englisch-Kenntnisse leicht zu bedienen sein.
  Die Single-Disk-Edition des Films enthält ausschließlich die russische Originaltonspur und bewahrt dadurch die Eigentümlichkeit des Films, welche häufig durch die Synchronisation verloren geht. Die gutlesbaren Untertitel sind in Russisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Arabisch, Japanisch und vielen anderen Sprachen, für den deutschsprachigen Raum aber am wichtigsten in Deutsch, vorhanden und mindern das Vergnügen nur in der Weise, dass die Untertitel seltene aber doch vorhandene Rechtschreibfehler wie „kanst“ anstelle von „kannst“ oder „nich“ anstelle von „nicht“ oder „Kalsse“ anstelle von „Klasse“ sowie „trozdem“ anstelle von „trotzdem“ beinhaltet, welche sich aber in Maßen halten – Grammatikfehler treten nie auf.
  Die RUSCICO-Edition kann durch eine exzellente Bild- und Tonqualität restlos überzeugen und steht mit ihrem Namen für qualitätsvolle Restaurierung und Aufbereitung russischer Filme für den DVD-Markt, der sich anderen anerkannten Labeln leicht messen kann.
  Die DVD wird in einer Amaray-Plastikhülle geliefert, dessen Cover Margarita Terechowa und der titelgebende Spiegel sowie ein Gemälde geziert wird. Die Kurzbeschreibung ist in Englisch gehalten und sehr prägnant.
 
 BONUS:
 
  Interviews mit dem Komponisten Eduard Artemyev, dem Drehbuchautor Alexander Misharin, Grigory Yavlinsky, dem Schauspieler Innokenty Smoktunovsky, Kameramann Georgy Rerberg sowie eine Biographie sowie Filmographie des Regisseurs, eine Trailershow, der Kinotrailer, eine Bildergalerie und der Soundtrack bilden die umfangreichen Extras der DVD, welche den Kauf noch empfehlenswerter machen.
 
 FAZIT:
 
  Trotz des Mysteriums oder gerade deshalb ist Tarkowskis Film „Der Spiegel“ ein Meisterwerk der Filmgeschichte, den jeder Filmliebhaber gesehen haben muss, wenn nicht zu Hause stehen haben sollte. Die filmische Aufarbeitung des literarischen Bewusstseinsstroms, die visuelle Ästhetik der Aufnahmen, die grandiose schauspielerische Leistung und nachdenklich stimmende Handlung erfordern Aufmerksamkeit, aber intensivieren das Filmerlebnis höchster Stufe nur noch mehr.
  Die RUSCICO-Ausgabe, die über den Vertrieb Petershop (www.petershop.com) zu beziehen ist, überzeugt trotz kleiner Mängel bei den deutschen Untertitel, die aber nicht stören, auf voller Linie und sorgt mit seiner hervorragenden Bild- und Tonqualität für ein einmaliges Filmvergnügen, welches man noch lange in Erinnerung behält und immer wieder ansehen wird.

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