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Paul Auster
Moon Palace

Faber and Faber
1997
320 Seiten


Von Anja Beuter am 03.03.2000

  "Moon Palace" ist meines Erachtens ein ebenso beeindruckender Roman wie "Leviathan" (wenngleich ich allein schon den Titel des Zweiteren wesentlich knackiger finde). Auf der übergreifenden thematischen Ebene ähneln sich die beiden Texte sehr stark, auf der Ebene des Plots hingegen sind sie eher gegensätzlich. Hier wie dort geht es - wie könnte es anders sein - um Fragen der Erkenntnis, Sinnsuche im allgemeinen (wer bin ich, wo gehöre ich hin, woher komme ich, wohin gehe ich, wat soll dat alles?) sowie die Bedeutung des Zufalls und schicksalhafter Fügungen für den individuellen Lebensweg. Aber die Ebene der konkreten Handlung, auf der sich diese Themen durch Figurenkonstellation und die Verflechtung von Handlungssträngen manifestieren, ist in "Moon Palace" eine gänzlich andere.
  Während "Leviathan" neben den beiden Hauptfiguren mit einem äußerst illustren Kreis interessanter Nebenfiguren aufwartet und neben der Haupthandlungslinie auch mehrere Nebenstränge zu ihrem Recht kommen läßt, konzentriert sich in "Moon Palace" alles auf die beiden Hauptfiguren. Die Nebenfiguren kommen über die Bedeutung bloßer Statisten kaum hinaus. Dies ist aber keineswegs ein Makel des Textes, sondern erscheint mir im Hinblick auf die stark monologisch gehaltene Erzählstruktur und die Wichtigkeit psychologischer Prozesse der beiden Protagonisten für den Fortgang des Geschehens vollkommen probat.
  Der Klappentext würdigt den Roman mit folgendem, dem Daily Telegraph entnommenen Zitat:
  "[...] and in its Melvillian manner it will confirm Auster's status as a most compelling writer."
  Ach herrje, "Melvillian manner", please say it ain't so! Gilt doch "Moby Dick" auch unter Anglisten und Amerikanisten als der unlesbarste Roman der englischsprachigen Welt! (Henry James' - ein Schriftsteller übrigens, den ich sehr schätze - "Ambassadors" dürfte dagegen ein Ausbund an spritziger Action und spannender Plotline sein.) Naja, nach dem Genuß von "Leviathan" konnte mich dieser Vergleich nicht wirklich schrecken, und man weiß ja auch, was man von der mehr verkaufstechnisch orientierten Zusammenstellung von Lobhudeleien auf dem Umschlag eines Buches zu halten hat.
 
  Aber nun zum Buch selbst (back to the books, so to speak)! Wieder wählt Auster einen Erzähler, der gleichzeitig Protagonist ist. Sein Name ist Marco Stanley Fogg, der dem Leser von seinem Werdegang erzählt: wie er - Vater nie vorhanden und Mutter früh gestorben - bei seinem Onkel aufgewachsen ist, wie ihn der Tod dieses geliebten Onkels gänzlich aus der Bahn geworfen hat, so daß er daraufhin völlig abzudriften droht (sehr eindrücklich geschilderte Episode mit fast schon psychedelischem Effekt), wie er mehr zufällig von einem Freund und einer Freundin im Central Park aufgegabelt und vor dem endgültigen Absturz gerettet wird, wie er sein Leben wieder halbwegs in den Griff bekommt und zum Bestreiten seines Lebensunterhaltes schließlich eine Stelle als Gesellschafter bei einem zynischen alten New Yorker namens Thomas Effing annimmt.
  Dieser Effing ist - so scheint es zunächst - ein richtiggehendes Ekel, ein gnadenloser, gefühlloser, unsympathischer alter Sack, dem es Freude zu bereiten scheint, seine Umgebung zu tyrannisieren. Aber Fogg hält durch, er und Effing bauen sogar so etwas wie eine Opa-Enkel-Beziehung auf (ein langwieriger und mühsamer Prozeß), so daß der aus tiefstem Herzen misanthropisch veranlagte Effing dem jugendlichen Freund schließlich seine äußerst bizarre Lebensgeschichte anvertraut.
  Von da an verlassen wir den Schauplatz Manhattan und wenden uns dem kargen Westen zu, wo es Effing etliche Jahre zuvor aufgrund reichlich ungewöhnlicher Umstände hinverschlagen hatte. Fogg zieht sich als Erzählinstanz zurück und läßt Effing sprechen. Hier, in der wilden Ödnis (oder der öden Wildnis...) der Canyons ist das Individuum, so erfahren wir von Effing, vollständig auf sich selbst zurückgeworfen: Nichts zählt als die unmittelbare Gegenwart und der Wille zu überleben. (Austers Vorliebe für symbolträchtige Leitmotive entsprechend steht diese Episode in engem Zusammenhang zu den Erfahrungen, die Fogg selbst während seines Absturzes gemacht hatte und die er in einem banalen Glückskeksspruch, den er in dem titelgebenden Chinarestaurant "Moon Palace" einst erhalten hatte, gebündelt wiedergegeben zu sehen glaubt...). Effings Lebensweg ist so unwirklich wie unwahrscheinlich, das Zusammentreffen merkwürdiger Zufälle ist auch hier wieder handlungsbestimmend.
 
  Nun fragt sich der geneigte Leser natürlich, wie hängen Foggs und Effings Biographien bloß zusammen? Was haben die beiden ungleichen Figuren - über das bloße Arbeitgeber/Arbeitnehmer-Verhältnis hinausgehend - eigentlich miteinander am Hut? Auster wäre nicht Auster, wenn sich gegen Ende des Romans nicht alle bits and pieces völlig harmonisch zusammenfügten: everything falls into place.
  Und wie auch schon bei "Leviathan" hat man das Gefühl, daß es so und nicht anders sein muß, daß alles in sich völlig logisch und stimmig ist - auch wenn die einzelnen Begebenheiten noch so wundersam und bizarr, noch so unglaublich und mithin abgedreht sind.
  Für meine Begriffe hat Auster wieder einmal seine Fähigkeit als brillanter Storyteller unter Beweis gestellt: Es gelingt ihm abermals, seine Leser in diese fast schon phantastisch anmutende Erzählung hineinzuziehen und sie mit bravourösem Geschick bis zur letzten Zeile fest umklammert zu halten. "Compelling" eben!
  Wie auch schon der "Leviathan" enthält auch "Moon Palace" einige wirklich anrührend und originelle Episoden, beispielsweise diejenige, in der Fogg schildert, wie er sämtliche Bücher seines Onkels erbt und - völlig überfordert, wie er in seinem kleinen Apartment eine ganz Bibliothek unterbringen soll - sich schließlich aus Mangel an Geld und Möbeln für die pragmatischste Lösung entscheidet: Er benutzt die Bücherkisten als Möbel (es sei ein erhabendes Gefühl, auf Shakespeare und Hume zu schlafen ;-) und arbeitet sich schließlich peu a peu in einer gänzlich willkürlichen Reihenfolge - eben so, wie ihm die Bücher in die Hände fallen - durch den umfangreichen und reichlich vielfältigen Lesestoff hindurch (die Lektüre einer Schachanleitung wird gefolgt von der eines Reisetagebuchs, diverse Kochbücher liest Fogg zwischen großen Werken der Weltliteratur und so fort). Dies, davon ist Fogg überzeugt, ist er seinem Onkel als "letzte Ehrbezeugung" schuldig.
  Auf einer ganz anderen Ebene vermag Effings autobiographischer Ausflug in den Westen der USA zu fesseln: Von einem Abenteuer ins nächste stolpernd, sieht sich Effing und mit ihm der Leser einer spannenden Cowboy-Story gegenüber, die trotz ihres Surrealismus' niemals ins Absurde abdriftet.
 
  Mystifikation oder Tiefe? Keine Ahnung, in jedem Fall aber der Himalaja eines guten Buches!

Von Petra Exner-Tekampe am 29.12.2000

  Ich habe gerade "Moon Palace" fertig gelesen und mit einem Gefühl der Einsamkeit, die in diesem Buch so oft und so oft verschieden geschildert, niedergelegt.
  Es ist Roman, in der jede/r etwas finden kann, das sie/er schon erlebt habt oder erlebt zu haben glaubt. Ich genoß besonders die detaillierten Schilderungen Austers wie er zum Beispiel den seine Suppe löffelnden sabberndenden Effing beschreibt oder die stumme Fahrt des Hauptprotagonisten mit geschlossenen Augen nach Brooklyn in die Gemäldegalerie. Letztes fand ich so interessant, spannend und sensibel erzählt, das ich das Gefühl etwas neues zu erfahren.
  Gelangweilt hat mich die Geschichte von Barber, obwohl sie selbstvertändlich
 ihre Bestimmung im Roman hat.
 
  All in all a very recommendable book..ich werde es gleich nochmal verschenken.

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