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Zeit der trunkenen Pferde
(Zamani barayé masti asbha)

Indigo
2009
€ 22,99


Von Sascha Todtner am 16.08.2009

 Regie: Bahman Ghobadi
 Darsteller: Rojin Younessi, Mehdi Ekhtiar-Dini, Ayub Ahmadi
 Studio: Indigo
 Spieldauer: 75 Minuten
 FSK: ab 6 Jahren freigegeben
 
  Der iranische Film „Zeit der trunkenen Pferde“ (Zamani barayé masti asbha) des kurdischen Regisseurs Bahman Ghobadi, der unter anderem mit der Auszeichnung „Camera d’Or“ bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes und auch die Offizielle Iranische Oscar-Nomination 2000 bekam, erzählt voller Melancholie und Liebe das Leben von fünf Waisen und zeigt realistisch das Leben an iranisch-irakischen Grenze. Ein brisantes Thema, welches eines großes Einfühlungsvermögens und mutigen Feingefühls bedarf.
 
 Inhalt:
 
  Unruhig, auf Augenhöhe der Kinder, folgt die Kamera diesen durch das bunte Treiben des Bazars. Eine Stimme aus dem Off-Set erzählt von Madi, dem behinderten Bruder, der um zu Überleben eine Operation dringend benötigt, und seinen Geschwistern – vier an der Zahl. Ihre Mutter starb bei der Geburt der jüngsten Schwester, währender der Vater im verminten iranisch-irakischen Grenzgebiet als Schmugglern die Familie ernährt. Eines Tages wird dieser auf seinem Arbeitsweg durch das gefährliche Gelände von einer Mine tödlich verletzt. An die Stelle des Vaters tritt von der älteste Sohn Ayub, der nun die Familie versorgen muss.
  Ein Onkel kann ihm Arbeit als Schmuggler verschaffen, die für Madi die rettende Operation verheißen würde, doch Ayub gibt sein verdientes Geld für Kleinigkeiten aus um seinen Geschwistern eine Freude zu machen.
  Als der Arzt nun die Diagnose vom baldigen Tod des Bruders stellt und sich die älteste Schwester auf eine Heirat einlässt in der Hoffnung die Familie des Bräutigams würde sich um Madi kümmern, diese aber dies nicht tut, sieht Ayub nur eine Chance. Er schließt sich einer Truppe von Schmugglern an um im Irak seinem Bruder der lebensrettenden Operation zu unterziehen.
 
  „Zeit der trunkenen Pferde“ gleicht einer berührenden Dokumentation. Der Film erklärt nichts außer sich selbst – er wirft den Zuseher ins Geschehen um ihn nach 70 Minuten wieder zurückzuholen in einer Stimmung voller Traurigkeit und Melancholie, aber trotzdem voller Hoffnung.
  Bahman Ghobadis Film wurde in einem kleinen Dorf gedreht, in dem der Regisseur selbst 3 Jahre seiner Kindheit verbracht hat und mit Hauptdarstellern gearbeitet hat, die in gewisser Weise nur sich selbst spielen, schafft es nicht nur durch den dokumentarischen Eindruck der Kamera, sondern auch durch die hohe Authentizität der Darstellung des iranisch-irakischen Grenzgebiets und des kargen Lebens.
  Die tief Hoffnungslosigkeit, die sich durch die wunderbar gewählten Bilder von verlorenen Menschen in den Weiten der erbarmungslosen Schneelandschaft ausgedrückt, man möchte schon beinahe fühlbar sagen, ist, spiegelt sich in den Augen der Kinder wieder und macht den Film noch bedrückender und melancholischer.
 
  Trotz der vorsichtigen Haltung des Filmschaffenden im Bezug auf Gesellschaftskritik schafft der Film es ein kleines aber gezieltes Statement abzugeben, indem er eine Straßensperre kurdische Schuldbücher und Hefte beschlagnahmen lässt und somit auf die staatliche Repression nicht nur auf iranischer Seite, sondern auch auf türkischer und irakischer Seite gegen die Volksgruppe der Kurden ganz subtil aufmerksam macht.
  Gleichzeitig stellt „Zeit der trunkenen Pferde“ die erste iranische Produktion dar, in der ausschließlich kurdisch gesprochen wird und konnte dadurch in der Türkei nur aufgrund der Behauptung der Verleihfirma gegenüber der Kontrollkommission in die Kinos kommen, dass der Film eine französische Produktion sei.
 Auch die Tatsache des Schmuggels als Arbeit zum Lebensunterhalt weist auf die katastrophalen Lebensumstände des iranischen Grenzgebiets und kritisiert durch die wertneutrale Darstellung dieses durch Minen und Natur gefährlichen illegalen Handels.
 
  Trotz des direkten Einstiegs findet sich der Zuseher gut zurecht und die Charaktere, die tief menschlich gezeichnet werden erregen Sympathie, die durch das Faktum, dass die Hauptdarsteller Kinder sind noch mal verstärkt wird und dem Film eine bedrückende Emotionalität der Traurigkeit und Melancholie verleiht. Die einmaligen Bilder wechseln zwischen kargen Landschaftsaufnahmen und dem Leben der Menschen in dieser menschenfeindlichen Umgebung.
 
  Erwähnenswert sind die wunderschönen poetischen Großaufnahmen von Gesichtern, die dem Publikum das Gefühl geben, die Seele des Gefilmten widerzuspiegeln und dadurch im heutigen Kino durch ihre Authentizität eine Seltenheit darstellen.
 
  Grandios ist auch die Leistung der Hauptdarsteller (Rojin Younessi, Mehdi Ekhtiar-Dini, Ayub Ahmadi), welche mit einer Leichtigkeit die Grenzen zwischen Fiktion und Realität übertreten und dadurch unter anderem zum durchwegs positiven dokumentarischen Charakter des Films beitragen, sowie durch die enorme Emotionalität ihrer Darstellung dem Film seine Wirkung ermöglichen.
 
  „Zeit der trunkenen Pferde“ ist ein einmaliger Film über 5 Waise, die in einer gottverlassenen Welt ihren Weg gehen. Ein hochemotionaler Film über die Geschwisterliebe und Würde selbst in größter Armut. Ein Meisterwerk der Humanität, welches poetische zwischen Aufnahmen von schneeverwehten Landschaften und Schmugglerzügen, die ihre Waren mit Pferden in den Irak bringen, sowie Totalen der kindlichen Gesichter wechseln und eine ergreifend schöne Geschichte erzählen, die am Schluss gleich dem durchwegs bewölkten Himmel von einem Sonnenstrahl durchbrochen wird.
 
 Disk:
 
  Bahman Ghobadis „Zeit der trunkenen Pferde“ wird von kool Film unter dem Independent-Label für anspruchsvolle Filme „good!movies“ als Single-Disk-Edition vertrieben.
  Das Menü, welches die letzte Szene des Films zeigt, wird von der Titelmusik des Films untermalt und gibt die Möglichkeit zwischen Filmstart, Kapitelauswahl und Trailer. Der Film kann ausschließlich in kurdischer & persischer Originalfassung mit nicht ausblendbaren deutschen Untertiteln angesehen werden und verstärkt durch diese Maßnahme nochmals die Authentizität des Films.
  Die Extras der DVD sind leider sehr sparsam und enthalten nur den Kinotrailer zum Film.
 
 Fazit:
 
  Ein einmaliger Film, der sich durch seine hohe Emotionalität und die perfekte Kameraführung sowie die grandiose Darstellung der Schauspieler auszeichnet und eine tragische Geschichte vor dem Hintergrund der Kurdenproblematik erzählt.
  Auch wenn die DVD bzgl. der Extras sehr sparsam ausgestattet ist, stellt die DVD „Zeit der Trunkenen Pferde“ ein uneingeschränktes Muss dar.

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