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Hideo Yamamoto
Homunculus 1

Ehapa
2006
256 Seiten
ISBN-13: 978-3770465514
€ 6,50


Von Sascha Todtner am 16.08.2009

  Eigentlich stellt der alchemistische Begriff „Homunculus“ einen künstlich geschaffenen Menschen dar, wie zum Beispiel in „Faust – der Tragödie zweiter Teil“ dargestellt, die zugleich die letzte große Bearbeitung des Begriffs darstellt. Der Mangaka Hideo Yamamoto legt mit seiner bisher 9 bändigen Manga-Serie, die in Deutsch bei Egmont Manga&Anime eine gelungene Variation der Thematik dar.
 
  Susumu Nakoshi, 34 Jahre, lebt seit ca. 2 Wochen in seinem Auto – er ist wie zahlreiche andere ein Obdachloser, der sich damit nicht abfinden will und deswegen in seinem Anzug durch die Stadt streift und in seinem Auto schläft, zu dem er eine ganz besondere Beziehung zu haben scheint. Eine Spazierfahrt zum Hafen jeden Abend ist der letzte Luxus, den er sich gönnt, wenn da eines Tages ihm die Finanzen für Sprit ausgehen würden. Genau in diesem Moment erscheint ein exzentrisch gekleideter Mann, der sich als Medizinstudent Manabu Ito, 22 Jahre, ausgibt und Nakoshi ein Angebot macht: er solle an sich einer Trepanation-Operation unterziehen und dafür 700.000 Yen als Lohn bekommen.
  Als er am nächsten Tag sein geliebtes Auto abgeschleppt wird, bleibt Nakoshi nur die Möglichkeit einzuwilligen um sein geliebtes Auto wiederzubekommen. Ito will durch das Bohren eines Loches in die Schädeldecke – die sogenannte Trepanation – die esoterisch-spirituelle Wirkung dieser Öffnung, welche sich anscheinend in Telepathie oder Prophezeiungen äußert. 700.000 Yen für die Operation und die anschließenden Test, die für Nakoshi eher okkult klingen als wissenschaftliche, wie Ito behauptet.
  Doch als er auf dem Heimweg durch ein Stadtviertel geht und der Wind ihm etwas ins linke Augen bläst, bemerkt er dass sich die Menschen verändern: Dem an ihm vorübergehenden Mann fehlt ein Teil seines Kopfes. Ohne die Hand vor dem linken Auge verschwindet besagte Erscheinung wieder. Ein andere, fetter Mann wird plötzlich dünn wie ein Blatt Papier.
 
  „Homunculus“ besticht durch eine spannende Handlung, die vor allem durch den direkten Einstieg, der das Vorleben der beiden Protagonisten im Verborgenen lässt, und die detaillierte Charakterisierung hervorgehoben wird. So zeigt sich eine Lüge Nakoshis daran, dass er den Mundwinkel nach oben zieht oder Ito seine angeblich wissenschaftlichen Behauptungen mit dem Schnippen seiner Finger zu verifizieren versucht. Genau diese Eigenschaft des Mangas macht „Homunculus“ zu einer Charakterstudie, die sehr selten im Genre Comic zu finden ist.
  Doch Yamamoto zeigt dies eben nicht plakativ und spart deshalb enorm an Text und widmet sich eher den graphischen Elementen, die sehr großflächig und sehr häufig als Großaufnahmen von Augen oder Ohren dargestellt werden – teilweise ziemlich verzerrt, teilweise sehr proportioniert gezeichnet. Generell sind die Zeichnungen sehr realistisch und zeigen deshalb genauso Durchschnittsmenschen sowie Obdachlose.
  Gerade in der Thematik der Obdachlosen zeigt sich der Autor gesellschaftskritisch und greift diese zumeist in der japanischen, aber auch der westlichen Gesellschaft verschwiegene und vergessene Randgruppe auf um zugleich, wenn auch nur unterbewusst den Umgang mit diesen Menschen und ihren „Wert“ darzustellen.
  Der Erforschung des Unterbewussten – diesem Forschungsgebiet der Tiefenpsychologie eines Sigmund Freud oder Alfred Adler widmet sich der Mangaka und wird zugleich zu einem Verhaltensforscher in der Manier Irenäus Eibl-Eibesfeldt, der die Tiefen der menschlichen Psyche auslotet, das Spiel der Masken als die Person, die hinter diesen Masken den verletzlichen, zumeist kindlich-ängstlichen Menschen sehen können, entlarvt und damit den Menschen an seinem verletzlichsten Punkt – der Angst trifft und verwundet, wie exemplarisch am Ende des ersten Bands an einem Yakuza-Boss gezeigt wird.
  Hideo Yamamotos „Homunculus – Band 1“ präsentiert eine spannende düstere Welt voller Elend, in der Menschen ihre Würde verloren haben und käuflichen Wesen im freudschen Sinne triebgesteuerter Alphatiere werden. Die Zeichnungen sind dabei die tragenden Elemente der Handlung, welche der Text begleitend unterstreicht.
 
  Die Aufmachung der Egmont Manga&Anime Ausgabe ist hochwertig und besticht durch den Relief/Lackdruck auf dem in weiß gehaltenen Cover, sowie des Fehlens jeglicher Beschreibung auf dem Buchrücken.
 
  „Homunculus – Band 1“ von Hideo Yamamoto ist der Auftakt einer spannenden Serie, die sich in jede Richtung entwickeln kann und zeichnet ein düsteres psychologisches Bild einer käuflichen und maskierten nach sozialdarwinistischen Gesetzen lebenden Gesellschaft, welche in detailliert realistischen Bildern gezeigt wird.
  Ein fulminanter Beginn!

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