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Ingmar Bergman
Einzelgespräche

Suhrkamp
2001
154 Seiten
ISBN-13: 978-3518397695
€ 7,50


Von Sascha Todtner am 29.07.2009

  Ingmar Bergman, als Preisträger der „Palme aller Palmen“, bekannt und berüchtigt für seine Filme, schwarz-weiße Bilder voller philosophischem Schwermut und Hoffnungslosigkeit. Der Skandalregisseure, der fünffache Ehemann, der Mensch Ingmar Bergman legt mit dem Roman „Einzelgespräche“ eine erschütternde Geschichte über das Scheitern einer Ehe dar.
 
  „Einzelgespräche“ handelt von Anna, die eine unglückliche Ehe mit dem Pastor Hendrik führt, sich dessen aber erst bewusst wird, als die diesen dem jüngeren Tomas betrügt. In fünf „Einzelgesprächen“ erzählt der Autor von Begegnungen, Momenten der Sehnsucht, Gesprächen angesiedelt in den Jahren 1907, 1925, 1927 und 1934.
  Juni 1925 - Anna, die gerade vom Stelldichein mit ihrem Geliebten Tomas kommt, wird von ihrem Onkel und Konfirmationspastor Jacob im Park der Kirche überrascht. Obwohl sie keine Reue empfindet, eher Angst, bemerkt Onkel Jacob etwas und Anna beginnt zu erzählen – von ihrer Ehe, vom Widerstand der Mutter gegen die Ehe, von den Kindern, vom Ehebruch, aber auch vom Glück, von der Freude und der Freiheit mit Tomas. Jacob kann ihr nach protestantischem Ritus keine Absolution erteilen, aber gibt ihr den Rat mit Tomas zu brechen und Hendrik alles zu beichten.
  Anna, die von ihren Kindern, die gerade bei Annas Mutter, Karin, verweilen, zu Hendrik zurückkehrt, wird von ihrem Ehemann nach Monaten der Abwesenheit sexuell bedrängt und flüchtet daraufhin in ihr Zimmer. Verzweifelt versucht Hendrik sich zu entschuldigen, doch Anna gesteht ihm zuvor den Ehebruch und ihr Gatte resigniert. Nach Tagen des Schweigens bricht der Damm und Hendriks Wut entlädt sich. Zugleich drängt er sie zu Einzelheiten der Liebschaft erkennend, dass die Ehe in Trümmern liegt.
  Das dritte Gespräch findet 2 Jahre später zwischen Anna und ihrer Mutter Karin statt. Die Beiden beratschlagen, wie mit Hendrik vorgegangen werden soll, der in der Zwischenzeit einen Nervenzusammenbruch erlitten hat und sich der Familie gegenüber tyrannisch verhält. Anna plant ihren Mann für psychisch krank zu erklären und ihn in eine Nervenheilanstalt einweisen zu lassen, doch ihre Mutter weiß durch Hendrik von Annas andauernder Affäre mit Tomas und stellt sie zur Rede.
  Mai 1925 – Anna und Tomas wollen einen Lusturlaub bei der einzigen Vertrauten Annas, Märta, verbringen. Doch der Urlaub wird zum Eklat. Tomas kann mit der Schuld und Sünde des Ehebruchs nicht leben und verlässt verfrüht das Feriendomizil, während Anna am Boden zerstört von der Freundin aufgefunden wird.
  9 Jahre später wünscht der todkranke Jacob Anna zu sehen. Er leidet an Krebs im Endstadium und bittet seine Nichte ihm zu erzählen, wie es ihr nach dem Gespräch ergangen sei. Im Angesicht des Todkranken erzählt Anna, sie habe seine Ratschläge ausgeführt und alles sei gut. Die Ehe habe sie gebessert, mit Tomas sei sie gebrochen, inzwischen habe dieser geheiratet. Es wird das Abendmahl ausgeteilt und der Onkel erleidet plötzlich einen Anfall.
 
  Ingmar Bergmans „Einzelgespräche“ steht in der Tradition der großen Skandinavischen Autoren, wie Ibsen und Strindberg. Vor allem der Vergleich zu Ibsens „Nora (Ein Puppenheim)“ ist unverkennbar. In beiden Stücken geht es um eine Frau, gefangen in der Welt der Ehe, die für ein bisschen Selbstbestimmung kämpft.
  Dennoch ist Bergmans Werk individuell und einzigartig. Der Stil des Autors ist filmisch kurz und prägnant. Die Beschreibung der Personen eher physisch, während die psychologische Darstellung sich durch die Dialoge, die den Hauptteil des Werkes ausmachen, vervollkommnt. Anna ist eine typische Person Bergmans, eine gescheiterte Person, die im Konflikt mit Gott steht, schon seit Beginn ihres Denkens – eine Person, die für ein bisschen Freiheit kämpft, aber auf verlorenem Posten. Sie unterliegt, da sie gefangen ist einer Gesellschaft der Scheinmoral und bürgerlich-christlichen Konventionen lebt. Sie scheitert, indem sie ihrem geliebten Onkel selbst am Totenbett nicht die Wahrheit erzählen, in welcher Hölle sie lebt.
  Das Buch ist ein Rausch – ein Film im Kopf. Nicht zuletzt die typische Bergman-Thematik und der rasante filmische Stil tragen dazu bei, dass dieser kleine Roman eines der größten Denker und Dichter eher einem Film gleich als einem psychologisch ausgereiften Roman über den Freiheitsdrang einer gescheiterten Existenz.
  Wenn Leonardo da Vinci als Universalgenie der Renaissance gilt, so ist Ingmar Bergman der Anwärter auf den Titel „Universalgenie des 20.Jahrhunderts“.
  Lobend ist der Suhrkamp-Verlag zu erwähnen, der dieses Werk auf Deutsch verlegt und damit dem deutschsprachigen Leser die Möglichkeit gibt die künstlerische Gewandtheit Bergmans zu erfahren.
 
  Dieser Roman ist ein grandioses Stück Literatur, sprühend leicht und doch tiefsinnig und nachdenklich. Psychologisch genau gezeichnet, tragisch, verkannt. Ingmar Bergman beweißt mit diesem Buch, das nur auf eine Verfilmung wartet (leider kann dies nicht mehr durch den 2007 verstorbenen Autor geschehen), dass er in vieler Hinsicht ein hervorragender Künstler war.
  Ein einmaliger Roman – ein Flow gleich einem Film. Erschütternd – Großartig!

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