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Von Angesicht zu Angesicht
(Ansikte mot ansikte, 1976)

Arthaus - Kinowelt Home Entertainment
€ 16,95


Von Sascha Todtner am 27.07.2009

 Regie: Ingmar Bergman
 Darsteller: Liv Ullmann, Erland Josephson, Gunnar Björnstrand
 Jahr: 1976
 Studio: Arthaus - Kinowelt Home Entertainment/DVD
 Spieldauer: 130 Minuten
 
  „Von Angesicht zu Angesicht“ (Ansikte mot ansikte) gehört zu den unbekannteren Werke des schwedischen Autorenfilmers Ingmar Bergman. Diese ursprünglich vierteilige Fernsehserie würde zu einem 130 Minuten langen Kinofilm gekürzt. Der Film mit Liv Ullmann und Erland Josephson, die auch schon in „Szenen einer Ehe“ gemeinsam spielten, in den Hauptrollen wurde bei der Oscar-Verleihung 1977 für die „beste Regie“ sowie die „beste Hauptdarstellerin“ nominiert, ebenso wie für den Golden Globe für die „beste Hauptdarstellerin einen Drama“, sowie dem BAFTA-Award. Beim Golden Globe für den „besten fremdsprachigen Film“ konnte „Von Angesicht zu Angesicht“ sich durchsetzen. Nun liegt dieser Film in der Ingmar-Bergman-Werksausgabe von Arthaus vor.
 
 HANDLUNG:
 
  Der Film handelt vom Nervenzusammenbruch und der nachfolgenden Genesung der Psychiaterin Jenny Isaksson (verkörpert von Liv Ullmann). Jenny wohnt den Sommer über bei ihren Großeltern, während ein neues Haus für sie gebaut wird. Ihr Mann ist in den Vereinigten Staaten und ihre jugendliche Tochter im Ferienlager. Jenny vertritt den Chefarzt der psychiatrischen Klinik des Krankhauses, in dem sie arbeitet. Auf einer Party der Frau des Chefpsychiaters trifft Jenny den Gynäkologen Tomas. Sie essen zu Abend und gehen dann zu ihm nach Hause. Als sie in das Haus ihrer Großeltern zurückkehrt, hat sie Halluzinationen und sieht den Geist einer alten, schwarz gekleideten Frau mit kalt starrenden Augen. Als sie ihre alte Wohnung erneut besucht, findet sie Maria, eine ihrer Patientinnen, auf dem Boden. Zwei Männer bedrängen sie und einer versucht, sie zu vergewaltigen. Nach der versuchten Vergewaltigung kehrt Jenny zu ihren Großeltern zurück, welche für ein paar Tage aufs Land fahren. Wieder erscheint die schwarz gekleidete Frau und treibt sie damit zu einem Selbstmordversuch.
  Tomas findet sie und bringt sie ins Krankenhaus. Als sie wiederbelebt wird, hat sie wieder Halluzinationen und sieht sich selbst in einem roten Kleid mit Hut, wie sie durch die Traumlandschaft ihrer Kindheit wandelt. Sie ist auf der Suche nach ihren Eltern, die bei einem Autounfall ums Leben kamen. Sie erlebt wieder die Angst, als Strafe in einen dunklen Schrank gesperrt zu werden. In einer anderen Traumszene wird sie von ihren Eltern zur Rede gestellt, findet ihren Großvater in einem Schrank hockend, zieht einer Frau die Gummimaske vom Gesicht, das von blutenden Geschwüren übersät ist, und verordnet ihren Patienten Medikamente, wobei sie sich wegen der Annäherungsversuche ihrer Patienten unbehaglich fühlt.
  In einem anderen Albtraum sieht sie sich selbst als Tote in einem verschlossenen Sarg. Ihr Körper wird wiederbelebt, aber sie setzt den Sarg in Flammen, während sie innerlich verzweifelt um Hilfe schreit. In einer letzten Traumfolge spricht Jenny mit der Stimme einer alten Frau, die sie beschimpft, weil sie ihre Pflichten vernachlässigt, und ihr droht, sie in einen Schrank zu sperren. Als sie sich zu erholen beginnt, besucht sie ihr Mann, der aus den USA zu ihr geeilt ist, aber in Gedanken bei seiner Arbeit weilt. Ihre Tochter kommt auch zu Besuch, hört sich schweigend ihre Erklärungen an und geht wieder. Tomas, der während ihrer Genesung bei ihr geblieben ist, erzählt ihr, dass er nach Jamaika in Urlaub fährt, woraufhin sie zu ihren Großeltern zurückkehrt. Ihr Großvater hatte einen Schlaganfall. Er ist gebrechlich und senil und völlig von ihrer Großmutter abhängig. Jenny steht hinter einem Vorhang und beobachtet die wortlose Kommunikation zwischen den beiden alten Leuten. Der Film endet damit, dass Jenny das Krankenhaus anruft und ihnen mitteilt, dass sie bald ihre Arbeit wieder aufnehmen wird.
 
  „Von Angesicht zu Angesicht“ ist sicherlich nicht einer der besten Filme Ingmar Bergmans, was er selbst in seiner Autobiographie „Laterna Magica“ auch nicht verleugnet. Der Film entstand nach der Lektüre von Arthur Janovs Buch „Der Urschrei“ und könnte am besten mit dem folgenden Zitat Bergmans zusammenfassen: „Es gibt keine Grenzen! Nicht für den Gedanken, nicht für die Gefühle. Die Angst setzt die Grenzen.“
 
  „Der Film handelt in gewisser Weise von einem versuchten Selbstmord. Tatsächlich handelt er von Leben, Liebe und Tod. Der Grund ist, dass wirklich nichts wichtiger ist. Um sich damit zu beschäftigen. Um darüber nachzudenken. Um sich damit zu beschäftigen. Um darüber nachzudenken. Um sich darüber zu sorgen. Um darüber glücklich zu sein. Und nachzudenken.“ Dies schreibt der Regisseur am 7. Dezember 1974 in einem Brief an Crew und Cast. Dieser intime Brief zeigt Bergmans persönliche Ebene seiner Ängste, die ihn mit dem Film verbinden, was dem Film in seiner Struktur und seinem Plot zum Verhängnis werden wird.
 
  Die Protagonistin Jenny wird von Liv Ullmann in ihrem intensiven, mitunter quälend versunkenen Spiel verkörpert und vermittelt die Beklemmung und Not unglaublich überzeugend. Die stark nachdrücklichen Bilder zeugen von der Rauschhaftigkeit der Abgründe der Protagonistin und der verstörenden Vielschichtigkeit, mit der uns der Charakter von Liv Ullmann näher gebracht wird.
  Ullmann liefert in diesem Film eine großartige schauspielerische Leistung. Allein schon ihr Schauspiel macht „Von Angesicht zu Angesicht“ für jeden ernsthaften Filmliebhaber zur Notwendigkeit.
 
  Ebenso herausragend ist die schauspielerische Leistung des männlichen Hauptdarstellers Erland Josephson, der gleich einem Engel erscheint, auf grandiose Weise mit Liv Ullmann harmoniert und wunderbar abgestimmt seiner Rolle Geltung verleiht.
 
  Während die Protagonistin Jenny immer stärker in eine infantile Hilflosigkeit mit hysterischen Tendenzen fällt, dominieren Träume und Phantasien, überladen von Symbolik, den ganzen Film und lassen freudsche Interpretationen aufkommen.
  Das Symbol vom Zusammenbruch und der Wiedergeburt oder „durch die Nacht zum Licht“ lässt die Ärztin Jenny gleich einem Phönix sich durch die Hilfe von Tomas von den Ängsten befreien und damit zu neuem Leben erwachen. Die Kindheitstraumata der ambivalenten Gefühle von Liebe und Strafe sowie Fürsorge und Rohheit stehen für die missglückte Erziehung nach puritanischen Maßstäben, die in Falle Jennys in einer Schizophrenie enden.
 
  Auch die plötzliche Heilung im Gegensatz zu der deutlichen Kritik an Psychologie und Psychiatrie, welche von einem Kollegen Jennys vorgetragen wird und das Scheitern der Heilung eines Patienten propagiert, stehen im krassen Gegensatz zueinander.
 
  Trotz der zahlreichen Ungereimtheiten und Fehler, die teilweise darauf zurückzuführen sind, dass die vorliegende Version nur eine zu einem Kinofilm gekürzte Fassung darstellt, lässt der Film einen großen Freiraum für Interpretationen und die Botschaften von der leichten Verletzbarkeit des Menschen oder Konstituierung des Lebens aus Erwartungen, Rollen und dem Spiel damit wirken nach.
 
  Die letzten Szenen, welche den liebevollen Umgang der Großeltern miteinander zeigen und Jenny zu der Erkenntnis kommen lassen, dass alles in Liebe eingeschlossen ist, selbst der Tod, erinnern in ihrer Symbolik an den antiken Mythos um Philemon und Baucis und geben Hoffnung.
 
  Im Film spricht Jenny einmal folgende Worte: „ich möchte einmal, nur einmal in meinem Leben, die richtigen Worte finden.“, worauf Tomas antwortet: „Genau das ist das Problem.“ In diesen zwei Sätzen liegt das Grundproblem des Films, welches Bergman auch selbst eingesteht.
  Dennoch stellt die Veröffentlichung dieses Films gerade für Bergman-Liebhaber eine Fundgrube dar und zeigt das einmalige Talent der großen Schauspielerin Liv Ullmann, die mit ihrer außergewöhnlichen schauspielerischen Leistung den Film niemals langweilig werden lässt und ihn somit über seine teilweise unverschuldeten Schwächen hinweg trägt.
 
 DISK:
 
  „Von Angesicht zu Angesicht“ wird in der „Ingmar Bergman Edition“ von ARTHAUS als Single-DVD geliefert, die mit einem Cover-Ausschnitt bedruckt ist. Das Menü ist wie in allen Ausgaben der Werksausgabe in zwei Hälften geteilt, wobei die obere wechselnde Bilder anzeigt und nach 45 Sekunden dann in einem Bild verharrt und die untere, in weiß gehalten, rechts den Titel Films präsentiert, während links das Menü zu finden ist. Das Ganze wird bis zum Stillstand des Bildes vom Geräusch eines Filmprojektors untermalt.
  Der Film kann sowohl im schwedischen Original als auch in deutscher Synchronisation angesehen werden. Die ein- und ausblendbaren Untertitel in Weiß sind gut lesbar und beeinträchtigen das Bild auf keine Weise.
 
 BONUS:
 
  Als Extras sind auf der DVD neben einer Photogalerie und einer kurzen Biographie Bergmans in Form von Texttafeln noch der erwähnte Brief Bergmans und das englische Presseheft zu finden.
  Geliefert wird die DVD in einem Single-Juwel-Case, welches passend zur „Ingmar Bergman Edition“ gestaltet ist und als Cover eine Einstellung zeigt, in der Jenny erstaunt zu einem Mann aufblickt. Auf der Rückseite findet man eine kurze Synopsis des Films und ein paar Bilder.
 
  Wir danken Kinowelt Home Entertainment/DVD – ARTHAUS für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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