Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Szenen einer Ehe / Sarabande
(Scener ur ett äktenskap / Saraband, 1973)

Kinowelt Home Entertainment
€ 44,99


Von Sascha Todtner am 27.07.2009

 Regie: Ingmar Bergman
 Darsteller: Liv Ullmann, Erland Josephson, Bibi Andersson, Jan Malmsjö
 Jahr: 1973
 Studio: Kinowelt Home Entertainment/DVD – Arthaus Premium
 FSK: ab 16 Jahren freigegeben/ ab 12 Jahren freigegeben
 Spieldauer: 169 Minuten + 271 Minuten + 107 Minuten + 84 Minuten
 
  Aufgrund finanzieller Probleme musste der schwedische Regisseur Ingmar Bergman während der Dreharbeiten zu seinem erfolgreichen Film „Schreie und Flüstern“ die Rechte für sein nächstes Werk „Szenen einer Ehe“ (im schwedischen Original: Scener ur ett äktenskap) an das schwedische Fernsehen verkaufen. Der Film über das Scheitern einer vordergründig glücklichen Ehe, in den Hauptrollen: Liv Ullmann und Erland Josephson, war als Mini-Serie dermaßen erfolgreich, dass aus dem bestehenden Material von 5 Stunden eine gekürzte Fassung in die Kinos kam, welche 30 Jahre später durch Bergmans letzten Film „Sarabande“ eine Fortsetzung fand.
 
 HANDLUNG:
 
 SZENEN EINER EHE
  Die Handlung beginnt mit einem Interview zuhause. Das glückliche Paar Marianne (Liv Ullmann) und Johan (Erland Josephson) wird als „vorbildliches“ Ehepaar für ein Frauenmagazin befragt. Während eines Abendessens für ihre Freunde Peter und Katrina endet der Abend damit, dass die Gäste sich gegenseitig beleidigen und Johan und Marianne sich zu ihrer eigenen glücklichen Ehe gratulieren. In einer leisen aber erfolglosen Revolte beschließt Marianne, das wöchentliche Sonntagsdinner mit ihren Eltern abzusagen. Später spricht sie in ihrem Büro mit Frau Jacobi, die sich seit 15 Jahren von ihrem Mann scheiden lassen will, weil in ihrer Ehe die Liebe fehle. In der Zwischenzeit erhält Johan in seinem Büro einen Anruf seiner Mutter. Seine Kollegin kommt herein und nimmt an einem Experiment teil: ein Fernsehmonitor zeichnet ihre Bemühungen auf, einen Lichtpunkt auf einem Bildschirm in einem abgedunkelten Zimmer zu treffen. Es gelingt ihr nicht und sie ist darüber verärgert. Später kritisiert sie eine Gedichtsammlung, die er ihr zum Lesen gegeben hat. Johan und Marianne essen zusammen zu Mittag. Sie beginnen eine Diskussion über Offenheit und Erotik in der Ehe, die sie abends nach einer Theatervorstellung des Ibsen-Dramas „Nora oder ein Puppenhaus“ fortsetzen. Marianne behauptet, dass ihre fehlende Lust auf gemeinsamen Sex daher komme, dass sie zuviel darüber reden. Die Szene spielt im Sommerhaus des Ehepaares. Johan gesteht, dass er eine Affäre mit einer anderen Frau hat, mit Paula. Er hat vor, am nächsten Tag mit ihr nach Paris zu fahren. Marianne fleht ihn an, zu bleiben, aber er will aus der Eintönigkeit seiner bürgerlichen Ehe ausbrechen. Sie schlafen miteinander, aber am nächsten Morgen packt er und fährt weg. Verzweifelt ruft Marianne einen Freund an, damit er sie tröstet, nur um zu erfahren, dass ihr Freundeskreis schon seit einiger Zeit von Johans Affäre gewusst hat. Ein Jahr später besucht Johan Marianne zum Abendessen. Er erzählt Marianne, dass er ein Vertragsangebot von einer amerikanischen Universität erhalten habe und dass Paula ihn nicht begleiten wird. Er versucht, mit Marianne zu schlafen, aber sie weist ihn ab. Sie liest ihm eine Seite aus ihrem Tagebuch vor, aber er schläft ein. Später zeigt sie ihm einen Brief, den Paula ihr geschrieben hat, und in dem sie vorhersagt, dass er zu seiner Familie zurückkehren wird. Johan geht und sagt, Paulas Brief sei lediglich ein hysterischer Ausbruch. Marianne bringt Johan die Scheidungspapiere ins Büro, damit er sie unterschreiben kann. Sie trinken etwas. Er hat eine Erkältung, aber Marianne verführt ihn gut gelaunt. Er erzählt von seinen beruflichen Problemen, aber sie ist gleichgültig und beschreibt schwelgerisch ihr Freiheitsgefühl. Sie streiten sich und schieben sich gegenseitig die Schuld für das Scheitern ihrer Ehe in die Schuhe. Der Streit artet in körperliche Gewalt aus und Johan verprügelt sie. Sie unterschreiben die Scheidungspapiere und gehen. Einige Jahre sind vergangen. Beide haben wieder geheiratet und treffen sich am zwanzigsten Hochzeitstag ihrer eigenen Ehe. Sie fahren zum Landhaus eines Freundes und sprechen über ihr Leben. Johan erregt sich darüber, dass sein Leben bedeutungslos scheint. Marianne behauptet, sich befreit zu fühlen, wenngleich nicht glücklich. Nachts erwacht sie aus einem Albtraum. Draußen ertönt ein Nebelhorn. Sie spricht mit Johan über ihre Verwirrung und darüber, dass sie nicht geliebt wird. Er sagt ihr, dass er sie auf seine eigene, einfallslose Art liebt. Sie schlafen Hände haltend wieder ein.
 
 
  „Szenen einer Ehe“ ist ein Bergman-untypischer Film, aber vielleicht gerade deshalb ein so großer Erfolg. Die für ihn typische Symbolik hält sich in Grenzen – der Film gleich eher einem Kammerspiel, voller Intimität, Hass, Liebe, Vertrautheit.
 
  Die tolle Inszenierung der immer enger werdenden Räume, die sich schlussendlich in ein weites Land ergießen und damit vielleicht als Symbol für einen Neubeginn stehen und der vollkommene Verzicht auf Musik sowie die grandiose und intensive Darstellung der Charaktere machen diese ursprüngliche Fernsehproduktion, die aufgrund des Erfolgs zu einem Kinofilm gekürzt wurde zu einem einmaligen Erlebnis.
 
  Bergman treibt in diesem Film ein gekonntes Spiel mit dem Publikum, welches sich zwar nicht mit Marianne identifizieren will, aber gleich ihr sich emanzipiert und schlussendlich einsieht, dass Liebe nicht existiert, Treue nur eine christliche Konvention darstellt, die dem Menschen aufgezwungen wird und aufgrund dessen jede Ehe zum Scheitern verdammt ist.
  Macht und einander kennen – diese beiden Komponenten stellen für Bergman die kontrahierenden Konkurrenten im Spiel der Beziehungen dar.
 
  Gerade der Regisseur auf dessen autobiographische Erlebnissen der Film basiert, wächst mit der Umsetzung und Darstellung der damaligen Ereignisse über sich selbst hinaus und beweißt den Mut sich differenziert aus Sicht der Frau – im Film namens Marianne – zu betrachten.
  Dieser Kammerspielartig inszenierte Film geht dabei vollkommen auf die beiden Protagonisten ein und lässt nur kurz am Anfang die beiden Kinder bzw. das befreunde Ehepaar auftreten, ansonsten ist die „Bühne“ nur für dieses kleine extrem intensive Machtspiel zwischen Mann und Frau frei, die sich mit zügellosem Zynismus, Hass, Liebe, Freude, Leid, Masochismus, Sadismus, Mitgefühl und Polemik begegnen und damit gleich dem von Bergman viel bewunderten Strindberg die Institution Ehe kritisieren bzw. das Scheitern derselben exemplarisch aufzeigen. Auch die Rolle der Frau und das Ausbrechen aus den Zwängen wird nach dem im Film genannten Stück Ibsens „Nora (Ein Puppenheim)“ angeführt und verleiht Kennern desselben eine zweite Ebene.
 
  Dieses Psychogramm einer Ehe, visualisiert durch die schmerzhaften Dialoge, die durch Liv Ullmann und Erland Josephson quälend intensiv interpretiert werden, servieren dem Seher keine Botschaft auf dem Silbertablett, vielmehr regt der Regisseur das Publikum zum Nachdenken und Überdenken des Bestehenden an.
  Und gerade die Erkenntnis Mariannes über die Erziehung, die nichts mit Selbstlosigkeit, sondern vielmehr der Feigheit folgt gilt heute mehr den je für beide Geschlechter und stellt zusammen mit der ebenfalls im Film häufig berührten Unkenntnis des eigenen Selbst und dem unausgesprochenen, aber latent vorhandenen Verbot, seine eigenen Wünsche auszusprechen ein unzeitliches Problem des Menschen dar.
 
  „Wir haben alles gelernt. Aber was unsere Psyche betrifft, sind wir Analphabeten.“ gesteht Johan ein. Diese Erkenntnis und die Frage, ob das Paar irgendetwas Wichtiges versäumt hat, exerziert uns Ingmar Bergman in dem Film „Szenen einer Ehe“ vor. Doch viel wichtiger ist das Hinterfragen von starren Konventionen einer Welt, die uns einschnürt und irgendwann erdrosselt, wenn wir nicht wie Marianne uns von diesem System emanzipieren.
 
  Ein in jeder Weise ungewöhnlicher Film Bergmans, der durch die in Frage Stellung der elementarsten menschlichen Dogmen überzeugt und noch lange nachwirkend den Seher beschäftigt. Nicht zuletzt trägt die einmalige intensive schauspielerische Leistung der Hauptdarsteller und die beinahe symbolfreie Erzählungsweise, die den Blick aufs Wesentliche ermöglicht, zu dem in jeder Hinsicht intensiven Filmerlebnis bei.
 
 SARABANDE
  Als Marianne ihren früheren Ehemann Johan nach zweiunddreißig Jahren erstmals wieder besucht, wird sie Zeugin eines unbarmherzigen Familiendramas. Während sich der inzwischen sechsundachtzig Jahre alte, verbitterte Johan seinem Sohn gegenüber durch Hass, Demütigung und Verachtung schuldig gemacht hat, raubt Henrik seiner Tochter Karin, die er durch seinen Musikunterricht zu einer am Konservatorium absolivierten Konzertcellistin machen möchte, durch seine Besitz ergreifende Liebe jede Freiheit. Als Karin ihren eigenen Weg geht, versucht er sich das Leben zu nehmen. Johan wird unvermittelt von der schieren Todesangst gepeinigt und gesteht sich ein, dass sein Leben verpfuscht ist. Auch Marianne begreift am Ende, dass sie als Mutter zweier Töchter versagt hat.
 
  „Sarabande“ ist keine Fortsetzung, obwohl die beiden Hauptcharaktere durch dieselben Schauspieler dargestellt werden und auch die Personen aus „Szenen einer Ehe“ mit ihrer Geschichte dahinter sind, verfolgt Bergman in diesem – seinem letzten – Film das Motiv der Konventionen, damals am Beispiel der Ehe dargestellt, nun exemplarisch auf die Kind-Eltern-Beziehung zu übertragen, die in genauso hoffnungslos endet wie der 30 Jahre früher entstandene Film „Szenen einer Ehe“.
  Das Problem der Beziehung von Kindern zu ihren Eltern, welches Bergman selbst erfahren musste und welches ihn zeit seines Lebens verfolgte und sich auch in fast jedem seiner Werke latent wiederfindet, wird hier zum ersten Mal ausgesprochen. Wieder finden sich Szenen, die in seiner Autobiographie zu finden sind, persönliche Sätze Bergmans an seinen Vater werden Henrik in den Mund gelegt, der sie gegen Johan anwendet, welcher als kalt und abweisend gezeichnet wird.
 
  Henrik stellt das alter ego Bergmans dar, während Johan die Personifikation seines Vaters symbolisiert. Marianne, welche so gut wie möglich zu vermitteln versucht, aber schlussendlich nicht nur darin, sondern auch an sich selbst scheitert, könnte als Bergmans Mutter interpretiert werden.
  Aber gerade die Aussage über die nicht besuchten Kinder Johans erinnern an Bergmans persönliche Lebensgeschichte und lassen darauf schließen, dass der Regisseur mit diesem Film das Problem der Generationen übertragenden Schuld, welches er schon in „Wilde Erdbeeren“ thematisiert hat, aufgreifen will und dies gelingt im auf eine hervorragende zutiefst erschütternde Weise.
 
  Wenn „Fanny und Alexander“ Bergmans Abschied vom Kino war, so stellt dieser Film seinen Abschied vom Leben dar. Auf bedrückende Weise fließen hier die tiefe Symbolik und die tragische Melancholie von Filmen wie „Persona“ oder „Das Schweigen“ mit den kammerspielartigen Dialogen und der Intensität der Schauspieler zusammen und machen aus diesem letzten Werk Bergmans ein weiteres Meisterwerk im Oeuvre des Schweden. Ein zutiefst trauriger Film, der voller Liebe schlussendlich nur in der Erkenntnis endet, dass Liebe verletzt.
 
 DISK:
 
  Die von Arthaus Premium herausgegebene DVD „Szenen einer Ehe & Sarabande“ enthält 4 DVDs, den Kinofilm „Szenen einer Ehe“ sowie die Fernsehversion und den Film „Sarabande“ sowie das Hörspiel „Fisch – Farce für einen Film“. Alle Filme sind im Menüstil der Bergman Werksausgabe gehalten und sowohl in deutscher Synchronisation, als auch im schwedischen Original anzusehen. Die deutschen Untertitel sind ein- und ausblendbar und sind ein bisschen störend bei der Kinoversion von „Szenen einer Ehe“, was schon der Kameramann Sven Nykvist kritisiert hat.
 
 BONUS:
 
  Als Extras sind auf den DVDs eine Dokumentation über „Bergmans Regie“, Produktionsnotizen und eine Biographie des Regisseurs zu finden. Ein aufwendig gestaltetes Booklet rundet die Ausgabe ab und macht die Arthaus Premium Ausgabe gerade für Sammler und Liebhaber zu einem unvergleichlichen Erlebnis, das durch Inhalt, Aufmachung und Extras überzeugt.
 
  Wir danken Kinowelt Home Entertainment/DVD – ARTHAUS für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.