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Das siebente Siegel
(Det sjunde inseglet, 1957)

Arthaus Premium - Kinowelt Home Entertainment
€ 24,99


Von Sascha Todtner am 27.07.2009

 Regie: Ingmar Bergman
 Darsteller: Max von Sydow, Bengt Ekerot, Nils Poppe, Gunnar Björnstrand, Bibbi Andersson
 Jahr: 1957
 Studio: Arthaus Premium - Kinowelt Home Entertainment
 Spieldauer: 93 Minuten + 83 Minuten Extra
 FSK: ab 16 Jahren
 
  Gott, wenn es ihn geben sollte, hat der Welt den Rücken zugekehrt, selbst sein Widersacher lässt sich nicht mehr auf Erden blicken – nur der gnadenlose, gleichgültige Tod regiert mit eiserner Hand. Diese düstere Prophezeiung malt der Film „Das siebente Siegel“ (im schwedischen Original: „Det sjunde inseglet“) des Regisseurs Ingmar Bergman mit Max von Sydow, Bengt Ekerot, Nils Poppe, Gunnar Björnstrand und Bibbi Andersson. Der 1957 entstandene Film gilt heute nicht nur aufgrund des „Jurypreises“ der „Internationalen Filmfestspiele von Cannes“ 1957 oder des „Sindacato Nazionale Giornalisti Cinematografici Italiani“ für die „bester ausländische Regie“ 1961 als Meisterwerk des europäischen Autorenfilms, sondern stellt in seiner Einmaligkeit einen Meilenstein in der Geschichte der Kinematographie dar.
 
 HANDLUNG:
  „Dies Irae“, ein unheil verheißender Himmel, eine Schar krächzender Raben, ein Zitat aus der Apokalypse des Johannes – Mitte des 12. Jahrhunderts kehrt der Ritter Antonius Blok (Max von Sydow) nach einem Kreuzzug ins pestverseuchte Schweden zurück. Dort wird er bereits vom Tod in der Gestalt eines schwarz gekleideten Mannes (Bengt Ekerot) erwartet, der ihn heimholen will. Doch Blok ist nicht bereit zu sterben, ohne den Sinn des Lebens erkannt zu haben. Er überredet den Sensenmann zu einem Spiel. Der Tod gewährt ihm eine Gnadenfrist: Für die Dauer einer Partie Schach darf er Gott suchen.
  Blok und sein Knappe Jöns (Gunnar Björnstrand) durchqueren das verwüstete Land, das mehr einer Hölle gleicht als das Herrschaftsgebiet des Satans selbst. Auf ihrer Reise in dauerhafter Begleitung des Todes treffen sie auf eine zum Tode verurteilte Frau, deren angebliches Hexenwerk die Schuld an der Pest tragen soll. In einem kleinen Dorf treffen die Protagonisten auf eine Gauklerfamilie (Nils Poppe, Bibbi Andersson), mit der sie gemeinsam weiterziehen. Im Angesicht des Todes muss Blok erkennen, dass er im Schachspiel unterlegen ist. Er wirft absichtlich das Schachbrett um, doch der Tod hat sich die unausweichliche, zu seinen Gunsten stehende Figurenkonstellation eingeprägt. Antonius Blok kann seinen Tod nicht verhindern. Der Gaukler Jof aber, der mit der Gabe des zweiten Gesichts ausgestattet ist, erkennt den Tod und kann sich und seine Familie vor dem Unheil retten, während Thanatos die restliche Gruppe in Bloks Schloss empfängt und mit dieser im Reigen davon tanzt. Jof beschreibt dieses Szenario seiner Frau Mia, die ihm rät nicht zu glauben dass diese Illusionen Wirklichkeit seien.
  „Das siebente Siegel“ basiert auf einem durch mittelalterlichen Kirchenabbildungen inspirierten Theaterstücks Bergmans namens „Trämålning“ (dt.: Holzmalerei), welches der Regisseur für die Schüler der Schauspielschule geschrieben hatte. Teilweise werden die Gemälde, die die Inspiration für das Werk bildeten, im Film zitiert, wie zum Beispiel das Bild eines Mannes, der auf einem Baum sitzt, während der Tod den Baum zu fällen beginnt, oder auch der mit einem Menschen Schach spielende Tod sowie das sicherlich berühmteste Bild des Filmes, welches den Tod, mit seinen Opfer einen Reigen tanzend, darstellt.
  Die damit verbundene Ästhetik der Bilder, die zum größten Teil dem Kameramann Gunnar Fischer zu verdanken ist, die Wahl der Musik und der kritische Einfluss der Bibel, welcher sich schon zu Beginn zeigt, sind die Säulen des Meisterwerks.
  Gleichzeitig signalisiert eines der Motive, das Motiv des Spiels dass dieser Film ein Mysterienspiel oder im brechtschen Sinn ein Welttheater darstellt, welches aber keine täuschende Illusion zeigt, sondern vielmehr eine Inszenierung des Existenziellen darstellt. Jenes Spiel unsichtbarer und unsicherer Mächte mit dem menschlichen Leben ist immer präsent, eindeutig durch das Schachspiel gegen den Tod verbildlicht, aber auch durch das von den Gauklern aufgeführte Theaterspiel und das bühnenhafte Aussehen des Films.
  Gerade in diesem Film arbeitet der Regisseur mit dem später für ihn typischen Element der Suche nach Gott und dem Sinn. Dieses Element wird in der Person des Ritters Antonius Blok verkörpert. Blok stellt zugleich einen Gegenpol zum Gaukler Jof dar, welcher sich mit dem begnügt, was sich in seinem Besitz befindet. Trotzdem gleitet „Das siebente Siegel“ niemals ins Theatralisch-Pathetische ab und verkommt in keiner Szene zu einem Hollywood-Mittelalter-Epos, sondern vielmehr siedelt Bergman exemplarisch überzeitliche Fragen und Gedanken philosophischer Art in dieser Epoche an. Dem Publikum wird jedoch beim Sehen bewusst, dass der Regisseur genauso gut die eigene Zeit damit meint. Diese Zeitlosigkeit, welche auf das Überschreiten der Grenzen zum Symbolischen, Skeptischen, Unbewussten und Vieldeutigen zurückzuführen ist, wird gerade durch die bühnenhafte Darstellung der Requisiten und des Bühnenbilds nochmals hervorgehoben. „Das siebente Siegel“ hat eine zeitlose, universal menschliche Botschaft.
  Auch die Charakterisierung der agierenden Personen, welche trotz ihrer nach C.G. Jung archetypischen Darstellung lebendige, psychologisch detaillierte Personen sind, sollte, beginnend mit diesem Film, zu einem Element des bergmanschen Universums werden.
  Gerade die Gegenüberstellung des Ritters Antonius Bloks, der den Gottessucher und den Idealisten verkörpert, welcher seinen Mitmenschen gleichgültig gesinnt ist, ja sogar in seiner agnostischen Haltung darauf versessen ist, der leidenden Frau, welche als Hexe verurteilt wurde, die Antwort auf seine Frage nach Gott und dem Teufel zu entziehen, mit seinem Knappen Jöns, welcher den Zyniker, dem nichts mehr heilig ist, verkörpert, aber trotzdem den Humanisten ohne Religion personifiziert, indem er als Atheist „christlichen“ Anteil am Leiden der Frau nimmt bzw. das Gebot der Nächstenliebe befolgt, indem er eine andere Frau vor einer Vergewaltigung rettet, entwickelt eine Spannung in der Handlung, welche ihren Höhepunkt im Aufeinandertreffen mit der Gauklerfamilie findet.
  In der Hexenszene, welche vom Regisseur als erotisch dargestellt wird, will Blok, wenn ihm schon der Beweis Gottes versagt bleibt, seinen Widersacher, den Teufel, finden, mit dem die Frau im Bunde stehen soll. Doch als er in ihre Augen blickt, findet er nichts als Angst und Tod.
  Ingmar Bergman arbeitet in diesem Film mit dem Haupthandlungsstrang, welcher sich auf Blok und Jöns bezieht, sowie Nebenhandlungen, die schlussendlich alle zusammenfließen. Eine dieser Nebenhandlungen, die ein essentieller Bestandteil des Filmes sind, handelt von der Gauklertruppe um Jof, Mia und ihren Sohn Mikael sowie von einem Schauspielkollegen, der mit der Frau des Schmieds, in dessen Dorf sie gerade gastieren, durchbrennt.
  Hier findet sich schon in der Namenssymbolik der Protagonisten ein Antipode ohnegleichen. Während die schwedischen Namen Jof und Mia im Deutschen mit Josef und Maria, also der heiligen Familie, gleichgesetzt werden können, welche das Naive, Unbeschwerte und zugleich Gutmütige symbolisieren, steht der lateinische Name Antonius im Katholizismus für einen Heiligen, der bei Verlust um Hilfe gerufen wird und der zugleich als Schutzpatron gegen jegliche Übel – sei es Schiffsbruch, Pest oder Kriegsnöte – angebetet wird. Ein Kirchenlehrer mit dem Namen Antonius hatte außerdem Visionen des Teufels in menschlicher Gestalt, umhüllt von einem schwarzen Mantel.
  Genau dieser Gegensatz führt schlussendlich zur Wandlung des Ritters vom Saulus zum Paulus, indem er einen Frieden kennen lernt, in dem man keinen Gott suchen muss, da es nicht von Bedeutung ist, ob es diesen nun gibt oder nicht. Antonius findet diese Erkenntnis, als er von Mia, reizend von Bibi Andersson gespielt, zu einer Rast eingeladen wird und dort mit einfachen Speisen wie Erdbeeren und Milch bewirtet wird. Er spürt das erste Mal das ursprüngliche, unangetastete Leben – ein Glücksaugenblick, der sein Leben verändert. Nun will er seinem Leben Sinn geben, indem er etwas „Gutes“ tut – in der tautologischen Interpretation: ein Menschenleben rettet.
  „In der Finsternis, vor der du stehst, ist niemand. Das weißt du, wie alle wir es wissen. Du findest niemanden, der deine Klagen anhören, der deine Leiden heilen wird.“, erklärt der Knappe Jöns im Angesicht des Todes Antonius Blok. Doch dieser sucht immer noch nach Gott, dem Sinn, ja sogar nach dem Tod. Schlussendlich muss er an diesen Fragen scheitern, denn wie ihm der Tod mitteilt:
 
 Antonius Blok: „Du verrätst deine Geheimnisse?“
 Tod: „Ich habe keine Geheimnisse“
 Antonius Blok: „Du weißt also auch nichts.“
 Tod: „Ich bin unwissend.“
 
  Dieser kleine Dialog nimmt jede Hoffnung, er treibt in die Sinnlosigkeit, und doch hinterlässt Bergman dem Zuseher durch die gerettete Gauklerfamilie keinesfalls eine moralische Botschaft, sondern interpretiert das oft zitierte „Carpe Diem“ in neuer Weise, als hätte man es nie gehört.
  Der Zugang nach „oben“ bleibt uns trotz allem verschlossen. Die Frage nach Gott wird bestenfalls agnostisch bzw. gar nicht beantwortet. Bergman überlässt es jedem selbst, für sich ein Urteil zu bilden.
 
  „Das siebente Siegel“ ist eine komödiantische Tragödie, voller philosophischer Fragen, kritischer Bemerkungen (wie die Darstellung des Geißlerzuges oder des Sündenbocks Hexe), der trotzdem seine amüsanten Momenten (Darstellung von Beziehungen am Beispiel des Gauklers, des Schmieds und seiner Frau) beinhaltet und vielleicht gerade wegen seines Wechselns zwischen Ironie und Melancholie, Anmut und Zukunftsangst zu einem der unbestrittenen Klassiker der Filmgeschichte gehört, welcher mit seinen zeitlos gültigen Fragen bis heute nachwirkt und den Seher nicht unbeeindruckt lässt.
 
 DISK:
 
  Arthaus legt „Das siebente Siegel“ sowohl als Einzel-DVD in der Bergman-Werksausgabe als auch als Doppel-DVD in der Reihe „Arthaus Premium“ auf. Das Menü ist gleich aufgebaut wie die anderen DVDs der Bergman-Reihe und mit dem „Dies Irae“ unterlegt.
  Die Bildqualität ist hervorragend; die kontrastreichen Schwarzweißbilder haben einen wunderbar silbrigen Ton und perfekte Schärfe.
  Der Film kann sowohl in deutscher Synchronfassung als auch im schwedischen Original angesehen werden, beide Fassungen können mit deutschen Untertiteln unterlegt werden, welche durch ihre weiße Füllung mit schwarzer Umrandung gut lesbar sind.
 
 BONUS:
 
  Auf der Hauptfilm-DVD sind als Extra einige Trailer, eine Kurzbiographie sowie die Produktionsnotizen als Texttafeln enthalten. Die „Arthaus Premium“-Ausgabe überzeugt mit einer weiteren DVD, die neben Trailern zum Arthaus-Programm die außergewöhnliche, 2004 entstandene Dokumentation „Bergmans Insel“ beinhaltet. Diese Dokumentation macht den Menschen Bergman begreifbar, fassbar, zeigt ihn mit all seinen Schwächen, und Fehlern als ängstlichen Mann, der sich vor dem Tod fürchtet und sich in einer großen Trauer um seine Frau Ingrid befindet. Ein Must-See für alle Liebhaber des Regisseurs und für alle, die den Menschen hinter den Filmen kennenlernen wollen.
 
  Wir danken Kinowelt Home Entertainment/DVD - Arthaus Premium für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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