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Schreie und Flüstern
(Viskingar och rop, 1972)

Kinowelt Home Entertainment
€ 19,99


Von Sascha Todtner am 27.07.2009

 Regie: Ingmar Bergman
 Darsteller: Harriet Andersson, Kari Sylwan, Ingrid Thulin, Liv Ullman
 Jahr: 1972
 Studio: Arthaus – Kinowelt Home Entertainment/DVD
 Spieldauer: 88 Minuten
 FSK: ab 16 Jahren
 
 
  1974 wurde der schwedische Regisseur Ingmar Bergman mit seinem Film „Schreie und Flüstern“ (im schwedischen Original: „Viskingar och rop“) mit Harriet Andersson, Ingrid Thulin und Liv Ullman sowie Kari Sylwan in den Hauptrollen für fünf Oscars nominiert, darunter für die „beste Regie“, „Originaldrehbuch“, „Kostüme“ und „Kamera“ sowie vollkommen überraschend für den „besten Film“. Bergmans Film stieß auf internationales Echo, auch wenn „Schreie und Flüstern“ einen von Bergmans schonungslosesten Filmen darstellt. Das typische Element Bergmans, der Tod, tritt hier nicht wie in „Das Siebente Siegel“ oder in „Persona“ als Thema philosophischer oder religionkritischer Erwägungen auf – vielmehr steht die psychologische Betrachtung des Prozesses Sterben im Vordergrund und der Umgang der Angehörigen mit demselben.
 
 HANDLUNG:
 
  Ein herbstlicher Park im Morgennebel – antike Schönheit in Bewegung, darauffolgend Uhren – tickende Uhren. Eine wunderschöne Großaufnahme. Schließlich findet die Kamera Agnes (Harriet Andersson), die gerade erwacht und, nachdem sie kurz ins Vorzimmer gesehen hat, sich an ihren Sekretär setzt, um ihr Tagebuch aufzuschlagen und mit den Worten „Es ist früher Montagmorgen. Ich habe Schmerzen.“ die bis dahin herrschende Stille zu durchbrechen.
  Agnes leidet an Krebs im Endstadium. Zusammen mit dem Dienstmädchen Anna (Kari Sylwan), welche ihr Kind aufgrund einer Krankheit verloren hat, lebt sie allein auf dem elterlichen Gutshof, während ihre beiden verheirateten Schwestern Karin (Ingrid Thulin) und Maria (Liv Ullman) gekommen sind, um ihrer Schwester Agnes in den letzten Tagen beizustehen – mehr aus Pflicht denn aus Nächstenliebe und Verbundenheit. Beide können Agnes nicht die Zuneigung und Geborgenheit geben, nach der sie verlangt, nur die naive und gläubige Anna vermag es, die Sehnsucht der Kranken nach Nähe zu stillen. Schon bald stirbt Agnes und der Pastor spricht an ihrem Totenbett ergreifende Worte. Als die Tote zurückkehrt, um die verweigerte Liebe und Nähe einzufordern, sind Karin und Maria eher verschreckt, aber kommen sich durch dieses Erlebnis näher, um kurz darauf wieder in kalte Distanz gegenüber der jeweils Anderen zu wechseln. Einzig und allein Anna ist fähig, wahrhaft um Agnes zu trauern und die Tote mit ihrer Liebe und Zuneigung zu umschließen.
  In Rückblenden wird von der Affäre Marias zum behandelnden Arzt erzählt, aber auch von der Kindheit Agnes’ und dem Selbsthass Karins, der sich auf ihren Mann projiziert.
  Das hoffnungsvolle Schlussbild zeigt die vier Frauen weißgewandet im Park spazieren gehen, während Anna den dazu gehörigen Tagebucheintrag Agnes liest.
 
  Dieser sicherlich nicht leicht verständliche Film des Regisseurs Ingmar Bergman lässt jede Art von Interpretation bereitwillig zu. Die drei Schwestern könnten etwa Teil einer Seele sein, wie Bergman andeuten ließ. Karin, die im freudschen Sinne das „Über-Ich“ darstellt, nur der Vernunft folgt, kalkuliert und berechnet, ja sogar ein äußerst gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper (als Sinnbild der Lust) und eine enorme Angst vor Berührungen aufzeigt, stellt die Antipode zu Maria, in der Psychologie der Wiener Schule „Es“ genannt, dar. Maria steht für die Selbstverliebtheit, die Sinnlichkeit, das Oberflächliche, wunderbar von Liv Ullman mit diesem unverbindlichen Lächeln gespielt. Genau diese Heuchelei, die Verstellung, der Neid, die Gleichgültigkeit wird Maria von deren Geliebten, dem Arzt, in ihrem Spiegelbild vor Augen geführt. Agnes, das „Ich“, steht in der Mitte zwischen ihren Schwestern Karin und Maria. Sie ist bestimmt von der Verbindung des Verstands und der Sinnlichkeit und trägt eine tiefe Empfindsamkeit zu Tage.
  Für die Interpretation, dass die drei Schwestern drei Seiten einer Person oder eben psychologische betrachtet eine Einheit darstellen, wird vor allem von einem Zitat Bergmans gestützt, nach dem das ständig präsente Rot der Räume für ihn den Zustand der Seele darstelle.
  Aber auch an eine Kritik am Bürgertum sei zu denken. Agnes, die einzige der drei Schwestern, welche noch zu wahren Gefühlen fähig ist, muss in dieser bürgerlichen Welt von Kalkül und Vernunft, präsentiert von Karin, sowie Oberflächlichkeit und Heuchelei, dargestellt von Maria, zu Grunde gehen. Sozusagen stellen in einem gewissen Sinne Karin und Maria die Äußere, Agnes aber die innere Welt dar, die auf Kosten der Äußeren vernichtet wird, obwohl es sicherlich zu streng ist, den beiden Schwestern die Schuld am Tod ihrer Schwester zu geben.
  Die einzige Person, die noch zu wahrer Menschlichkeit fähig ist, wird in dem naiven gutgläubigen Dienstmädchen Anna personifiziert. Ihre Menschlichkeit stellt aber auf keinen Fall Linderung der Schmerzen oder gar Heilung dar, Anna bietet dennoch, trotz dem Tod ihrer Tochter, alles, was sie geben kann – ihren Körper, die Nähe, sich selbst.
  Annas naives Gottvertrauen, welches zugleich ihr Weltvertrauen widerspiegelt, traumhaft von Kari Sylwan in der Szene verkörpert, als Anna ihre Morgentoilette erledigt, um dann niederzuknien, Gott zu danken und für ihre Tochter zu beten, bricht mit dem formalen Christentum des Protestantismus und präsentiert als Gegenstück dazu die urchristliche Güte in direkter Nachfolge Christi und seinem Grundsatz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Damit stellt Anna, die keinen Lohn erwartet und auch nicht mit ihrem Schicksal im Gegensatz zum Ritter Antonius Block in „Das siebente Siegel“ hadert, das Symbol des Ursprünglichen Lebens und der Menschlichkeit vor jeder Entfremdung dar.
  Bergman zeichnet aber auch Kritik am bürgerlichen Erziehungsideal. Die Beziehungen der Schwestern untereinander und auch zum Dienstmädchen Anna sind überwiegend von Karin und Maria durch kühles Verhalten und Klassendenken geprägt
 
  Weiters geht der Film auf die Thematik des Selbsthasses ein. Die Beziehungen in der Welt sind gestört, weil die Beziehung zum eigenen Körper, aber auch zu fremden Körpern missbraucht wird. Dies wird drastisch an den beiden „gesunden Schwestern“ gezeigt. Während Maria fremde Körper braucht, um sich in ihrer Schönheit bestätigt zu fühlen, benützt Karin den Masochismus, um ihrem Selbsthass Fläche zu bieten, indem sie mit einer Glasscherbe ihr Geschlecht verstümmelt, dies ihrem entsetzten Mann zeigt, dabei aber gleichzeitig Schmerz und Lust verspürt.
 
  Am schwierigsten ist sicherlich die Rückkehr Agnes’ am Totenbett zu verstehen. Viele bekannte Kritiker haben sich an einer Erklärung derselben versucht und wollen darin einen Traum Annas sehen, schlussendlich bleibt es ein Mysterium, das ein jeder für sich beantworten muss und wird.
 
  Ein weiteres typisches Element Bergmans stellt die Suche nach Gott dar – in diesem Film durch die Figur des Pastors verkörpert, der in der Rede am Agnes Totenbett folgende Worte findet, die zum poetischsten der gesamten Filmgeschichte gehören und irgendwie an Bergmans Buch „Einzelgespräche“ erinnern: „Wenn es so ist, dass du unser aller Leid in deinem Leib versammelt hast, wenn es so ist, dass du es mitnahmst in den Tod, wenn es so ist, dass du Gott begegnest in jenem anderen Land, wenn es so ist, dass du die Sprache sprichst, die Gott versteht, wenn es so ist, dass du dann sprechen kannst zu diesem Gott. Wenn es so ist, bitte für uns, Agnes, liebes Kind, höre, was ich dir nun sage. Bitte für uns alle auf dieser dunklen schmutzigen Erde unter einem leeren grausamen Himmel.“
 
  Die bergman’sche Bildsymbolik, grandios vom für diesen Film Oscar-preisgekrönten Kameramann Sven Nykvist eingefangen wurde, lässt die ersten vier Minuten des Films zu einem einmaligen Erlebnis werden, welches seinesgleichen sucht. Das Filmen der Uhren, die die laufende Zeit – die dem Tod entgegenlaufende Zeit, darstellen, aber auch die im Halbdunkel liegenden Bilder, welche die Gestalten verschwimmen bzw. unscharf erscheinen lassen und dadurch an Edvard Munchs Bilder erinnern, machen aus diesem Film technisch ein Meisterwerk.
 
  Auch die Musik Frédéric Chopins und Johann Sebastian Bachs gehören zum Kosmos Bergmans und finden sich in beinahe all seinen bekannten Werken, wie zum Beispiel auch in „Das Schweigen“. Diese atmosphärische Musik verleiht dem Film eine emotionale Dichte, die bis heute nachwirkt und Größen wie Woody Allen oder Lars von Trier beeinflusst.
 
  Der französische Filmemacher Francois Truffaut sagte über „Schreie und Flüstern“, dass es ihn an Tschechow erinnere: am Anfang an die „Drei Schwestern“ und am Ende an den „Kirschgarten“ mit dazwischen sehr viel Strindberg. Insgesamt wurde die kurzweilige, vollkommen in den Bann ziehende Tragödie mit 20 internationalen Preisen bedacht und ließ ein durchwegs positives Echo erschallen.
  „Viskingar och rop“ ist ein schockierender Film vom Sterben, von der Herzenskälte und ein Plädoyer für die Herzenswärme, die Agnes selbst noch nach ihrem Tod von ihren Schwestern einfordern will. Das wahrlich Interessante an dem Film ist nicht die eigentlich unspektakuläre Handlung, sondern die tiefe Emotion, die Gefühle, die dieses Drama im Zuseher bewirken und ihn dadurch berühren. Dieser Handgriff hebt diesen Film nochmals unter den einmaligen Filmen Bergmans hervor.
 
 DISK:
 
  „Schreie und Flüstern“ wird in der „Ingmar Bergman Edition“ von ARTHAUS als Single-DVD geliefert, die mit einem Cover-Ausschnitt bedruckt ist. Das Menü ist in zwei Hälften geteilt, wobei die Obere wechselnde Bilder anzeigt und nach 45 Sekunden dann in einem Bild der Schlusssequenz verharrt und die Untere, in weiß gehalten, rechts den Titel Films präsentiert, während links das Menü zu finden ist. Das Ganze wird bis zum Stillstand des Bildes von leiser Musik eines metallisch klingenden Glockenspiels untermalt.
  Der Film kann sowohl im schwedischen Original als auch in deutscher Synchronisation angesehen werden. Negativ zu bewerten ist aber die Verpflichtung der deutschen Untertitel im schwedischen Original. Die Untertitel in weiß sind gut lesbar und beeinträchtigen das Bild auf keine Weise.
 
 BONUS:
 
  Die Extras sind sehr spärlich und beinhalten neben Trailern für andere Filme der ARTHAUS-Reihe noch eine 14-seitige Biographie Bergmans sowie ausführliche Produktionsnotizen zum Film.
  Geliefert wird die DVD in einem Single-Juwel-Case welches passend zur Ingmar Bergman Edition gestaltet ist und als Cover eine Einstellung der Schlusssequenz zeigt. Auf der Rückseite findet man eine kurze Synopsis des Films und ein paar Bilder.
 
 
  Wir danken Kinowelt Home Entertainment/DVD – ARTHAUS für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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