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Anya Ulinich
Petropolis
Die grosse Reise der Mailorder-Braut Sascha Goldberg

dtv
2008
240 Seiten
ISBN-13: 978-3423246842
€ 14,90


Von Hans Durrer am 14.07.2009

  „Petropolis“ ist ein ganz tolles Buch: flüssig geschrieben, anschaulich erzählt und spannend geschildert, verschafft es einem Einsichten in teilweise groteske und sehr menschliche russische und amerikanische Befindlichkeiten, die einen immer mal wieder – es ist dies nämlich ein ungemein witziges Werk – laut auflachen lassen.
 
 „Petropolis“ beginnt so:
  „Im Herbst 1992 hatte Ljubow Alexandrowna Goldberg beschlossen, ihrer vierzehnjährigen Tochter ein ausserschulisches Betätigungsfeld zu schaffen. ‚Kinder der Intelligenzija hocken nicht nachmittags zu Hause und frönen der Idiotie’, erklärte sie. Am liebsten hätte sie Sascha am Klavier gesehen, aber Goldbergs hatten kein Klavier, und in den beiden vollgestopften Zimmern, die Sascha und ihre Mutter bewohnten, war nicht mal genug Platz für den Gedanken an ein Klavier.“
  In der Folge wird Sascha, die mit ihrer Mutter im sibirischen Gulag-Aussenposten Asbest 2 lebt, ungewollt schwanger, dann als Kunststudentin in Moskau aufgenommen (es geht dabei zwar nicht mir rechten Dingen, doch sehr lebensecht zu und her) und kommt schliesslich als Mailorder-Braut nach Phoenix, Arizona, entflieht ihrem Amerikavisum-Aufenthaltsbeschaffer nach Chicago, wo sie in privilegierten Umständen als Quasi-Sklavin gehalten wird und landet schliesslich für ein angemessen glückliches Ende der Geschichte in Brooklyn, wo sie auch ihren nach Amerika abgehauenen Vater aufstöbert.
 
  Soweit die Rahmenhandlung, die natürlich nicht allzu viel darüber aussagt, weshalb sich dieses Buch zu lesen lohnt. Warum sich die Lektüre aber ganz unbedingt lohnt, mögen ein paar willkürlich ausgewählte Textausschnitte illustrieren:
 
  An diesem Morgen hatte ihre Mutter ihr sogar schon ihren kostbaren Kaffee spendiert, allerdings im Gegenzug verlangt, sie solle während des Vorstellungsgesprächs auf keinen Fall:
 mit offenem Mund wie ein Karpfen an die Wand glotzen
 an den Haaren herumzwirbeln
 Fingernägel knabbern
 sondern vielmehr:
 die Knie zusammenhalten
 die Zunge im Mund lassen
 lächeln
 
  Zu den Nationalfeiertagen brachten die Eltern Geschenke, meistens Wodka und Pralinenschachteln, die entweder so angeschimmelt oder so zerdätscht waren, dass sie für Ärzte oder Klempner nicht mehr taugten.
 
  Den ganzen Sommer lang hing die Sonne jeden Abend bis elf am Himmel über der Stadt und zahlte ihre Winterschulden ab.
 
  Die Wohnung ist russisch eingerichtet, Tapeten mit Blümchenmuster, an einer Wand hängt ein roter Perserteppich und vor den Fenstern viel Tüll und Spitze, in einer Ecke steht eine schwarze Porzellanvitrine. Rita wirkt wie ein Insekt in einem Käfig aus düsterer Opulenz.
 
 „Und wo bist du her?“, fragt Lika.
 „Asbest 2. Das ist in Sibirien, bei Prostuda.“
 „Irrer Name.“
 „Tja, na ja, der ist einfach eindeutig. Mehr als Asbest ist da nicht.“
 
 „Kennst du das Gebet von früher?“, fragte Alyssa.
 „Nein, Liebes, sie kommt doch aus der Sowjetunion! Ist das nicht toll?“ Mrs. Tarakan klang wie eine Naturwissenschaftlerin, die soeben herausgefunden hatte, dass Saschas Hirn grösser als erwartet war.
 
 „Ich hab keine Fragen“, flüsterte Sascha.
 „Doch, hast du.“
 „Ach, kannst du Gedanken lesen?“
 „Die ganz primitiven schon“, sagte Jake und rollte an ihr vorbei aus dem Raum.
 
  Heidi schüttelt den Kopf. „Victor, das geht so nicht“, kommt sie Sascha zu Hilfe. „Du kannst nicht einfach dein altes Leben verlassen und ein neues anfangen. Du bist nicht Buddha. Menschen haben Bindungen. Menschen kümmern sich um die Dinge.“

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