Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Ray Bradbury
Fahrenheit 451

Diogenes
2008
ISBN-13: 978-3-257-80180-4
€ 24,95


Von Andreas Rüdig am 14.07.2009

  „Der dystoptische Roman Fahrenheit 451 von Ray Bradbury erschien erstmals 1953 im Verlag Ballantine Books (heute Random House) und wurde seitdem in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er basiert auf der Kurzgeschichte The Fire man von Bradbury, die in Galaxy Science Fiction (Vol. 1 N°. 5. Feb. 1951) erschien. Der Titel bezieht sich auf die Temperatur, bei der sich Papier entzündet (232,78 °). Die bislang einzige deutschsprachige Übertragung stammt von Fritz Grüttinger und erschien erstmals 1955 unter dem Titel Fahrenheit 451 im Verlag Die Arche, Zürich.
 
  Fahrenheit 451 spielt in einem Staat, in dem es als schweres Verbrechen gilt, Bücher zu besitzen oder zu lesen. Die Gesellschaft von vom politischen System abhängig, anonym und unmündig gehalten. Drogen und Videowände lassen keine Langeweile aufkommen. Selbständiges Denken gilt als gefährlich, da es zu antisozialem Verhalten führen und so die Gesellschaft destabilisiere. Bücher gelten als Hauptgründe für ein nicht systemkonformes Denken und Handeln.
 
  Die noch vorhandenen Bücher aufzuspüren und zu vernichten ist Aufgabe der Feuerwehr. Die Bücher werden an Ort und Stelle angezündet. Mechanische Hunde helfen beim Aufspüren der Bücher. Die Maschinen jagen Buchbesitzer und Staatsfeinde und fangen oder töten diese. Auf den Helmen und Uniformen der Feuerwehr steht die Zahl 451, jene Fahrenheit-Temperatur, bei der Papier Feuer fängt und Bücher sind entzünden.
 
  Protagonist des Romans ist der Feuerwehrmann Guy Montag, der zunächst scheinbar kritiklos in diesem System funktionier, heimlich jedoch selbst ein paar gestohlene Bücher in seinem Haus verstreckt. Durch die 17jährige Clarissa lernt er die Kunst der Worte, den Wert freien Denkens und die Schönheit der Natur kennen. Clarisse stellt ihm die Frage, ob er glücklich sei. Als seine Frau Mildred beinahe an einer versehentlichen Dosis Schlag- und Beruhigungstabletten stirbt, beginnt Montag, intensiver über Clarisses Frage nachzudenken und bekommt Zweifel. Ihm fällt auch auf, daß in den Medien kaum über den Krieg berichtet wird, in dem sein Land gerade verwickelt ist.
 
  Bei einem seiner nächsten Einsätze begeht eine alte Frau Selbstmord, indem sie sich selbst mit ihren Büchern verbrennt. Sie will lieber sterben, als sich dem Druck des Systems zu beugen. Traumatisiert bleibt Montag ein paar Tage seiner Arbeit fort. Sein Vorgesetzter Cpt. Beatty sucht ihn auf und hält ihm einen Vortrag über die Ursprünge der herrschenden Verhältnisse: die Ablehnung von Literatur, Kultur und eigenem Denken wurde nicht von der Regierung doktriniert, sondern vollzog sich schrittweise durch gesellschaftliche Veränderungen, die nach einer Nivellierung des allgemeinen Niveaus und staatlicher Zensur streben, so daß alle Bürger intellektuell gleichgestellt sind und sich keine Minderheit diskriminiert fühlt. Beatty gibt zu, selbst Bücher gelesen zu haben. Die Lektüre habe ihm aber nichts Nützliches geboten.
 
  Montag will selbst Erfahrungen mit Büchern machen und überredet seine Frau, mit ihm zusammen zu lesen. Mildred reagiert abweisend, denn sie fühlt sich in ihrer gewohnten Aktivität stundenlangen Fernsehens gestört. In dieser Situation erkennt Montag, daß er Hilfe braucht und sucht einen Mentor in dem pensionierten Literaturprofessor Faber, der miterlebt hat, wie in den Universitäten die kulturwissenschaftlichen Fachbereiche geschlossen wurden. Montag mißachtet Fabers Warnung, sich nicht auffällig zu verhalten, und liest Mildred und ihren Freundinnen das Gedicht Dover Beach von Matthew Arnold vor. Daraufhin wird er von seiner Frau bei Beatty denunziert. Zur Straße soll Montag mit einem Flammenwerfer sein eigenes Haus mit den Büchern anzünden. Als Beatty zudem mit der Verhaftung Fabers droht, richtet Montag den Flammenwerfer auf seinen Vorgesetzten und tötet ihn. Mit Fabers Hilfe gelingt Montag die Flucht durch den Fluß in die Wälder außerhalb der Stadt. Dort schließt er sich einer Gruppe von Dissidenten an, die, von den Medien totgeschwiegen, in den Wäldern vor der Stadt leben und Bücher auswendig lernen, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Es kommt im Krieg zu einem Fliegerangriff auf Montags Stadt, die dabei fast völlig zerstört wird. Nach der Zerstörung machen sich die Dissidenten auf den Weg zurück in die Stadt, in der Hoffnung auf einen Neubeginn mit den Überlebenden.
 Entgegen der gängigen Meinung, der Roman warne vor einem totalitären Staat, der seine Macht durch Repression und Zensur zu sichern versucht, war Bradburys ursprüngliche Absicht eine andere. Nach einem am 30. Mai 2007 in der L. A. Weekly erschienenen Artikel über Ray Bradbury sagte dieser, daß seine ursprüngliche Absicht die Warnung vor der Zerstörung des Interesses an Büchern durch das Fernsehen war. Der Interpretationsansatz des totalitären Staates sowie der Ansatz, der sich auf die gerade endende Zeit des McCarthyism in den USA bezieht, ist jedoch auch plausibel und möglich.
 Die Gesellschaft im Roman ist sehr monoton aufgebaut. Ihr Ziel ist es, die Bevölkerung ununterbrochen mit simplen Mitteln zu beschäftigen und sie so von wichtigen Ereignissen wie Kriegen abzulenken. Dies wird zum Beispiel mit Fernsehshows erreicht, die über Videoleinwände im Heimischen Wohnzimmer zu schauen und an denen sich die Zuschauer beteiligen können, aber auch durch große Vergnügungsparks. Viele Menschen sind aufgrund der ständigen Medienbeschallung durch Radio und Fernsehen dazu gezwungen, Schlafpillen zu sich zu nehmen, um überhaupt schlafen zu können.
 
  Selbständiges Denken ist in dieser Gesellschaft ein absolutes Tabu. Der öffentlichen Meinung nach führe es nur dazu, daß die Menschen sich unsozial verhalten und die ganze Gesellschaft aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Um genau dieses Denken zu vermeiden wird die Gesellschaft pausenlos unterhalten. Als Hauptfeind der Gesellschaft werden Bücher, etwa Romane, Biographien und Gedichte, angesehen. Da sie Gefühle im Menschen hervorrufen und ihn in einen traurigen Zustand versetzen können, werden die Bücher von der Feuerwehr gesucht und verbrannt.
 
  Die Feuerwehr in dieser Dystopie ist nicht dazu da, Feuer zu löschen, sondern um Feuer zu legen. Man kann sie neben der Polizei als zweite Staatsgewalt ansehen. Menschen, die Bücher besitzen und lesen, sind Staatsfeinde, die verfolgt werden. Ihre Häuser und Bibliotheken werden von Feuerwehrmännern angezündet, wobei zum Teil auch Tote in Kauf genommen werden. Diese Verfassung der Gesellschaft wurde allerdings nicht durch die herrschende, totalitäre Regierung selbst herbeigeführt. Vielmehr haben sich die Menschen durch ihren steigenden Medienkonsum, insbesondere durch das Fernsehen, selbst in diese Lage gebracht,“ stellt die Internetenzyklopädie Wikipedia den Inhalt des Buches vor. Diese Inhaltsangabe ist wesentlich genauer als die wenigen Worte, die auf der hinteren Schutzhülle und in dem beigefügten Booklet enthalten sind.
 
  Wikipedia bietet auch ein paar Zusatzinformationen. „Michael Moore, ein amerikanischer Regisseur, wählte den Titel seines Filmes Fahrenheit 9/11 in Anlehnung an Ray Bradburys Werk. Fahrenheit 9/11 sei laut Moore: „Die Temperatur, bei der die Freiheit Feuer fängt.“ Dies geschah allerdings gegen den Willen von Bradbury. Dieser äußerte sich in einem Interview folgendermaßen: „Michael Moore ist ein dämlicher Drecksack. So denke ich über ihn. Er hat meinen Titel geklaut und die Zahlen ausgewechselt, ohne mich jemals um Erlaubnis zu fragen.
 
  Die Feuerwehr in diesem Science Fiction Roman hat nicht die Aufgabe, Feuer zu löschen, sondern mit Feuer Gefahren abzuwehren. In der englischsprachigen Originalversion bekommen die firemen und die fire brigade nun die ihrer wörtlichen Bezeichnung entsprechende Aufgabe.
 
  Im Nachwort einer späteren Ausgabe erwähnt Bradbury, daß er unbewußt die Namen zweier Personen mit dem Thema Buch und Literatur in Bezug gesetzt habe. Montag ist ein amerikanischer Papierhersteller und Faber ein deutscher Bleistiftproduzent.
 
  Die erste Fassung des Romans unter dem Titel The Fire man schrieb Bradbury 1950 im Keller der Bibliothek der Universität Kalifornien in Los Angeles auf einer Münzschreibmaschine. Insgesamt kostete ihn die erste Fassung 9,80 $, schreibt Bradbury im Nachwort einer späteren Auflage.“
 
  Anfangs war ich mir unsicher, ob ich Wikipedia wirklich so ausführlich zitieren soll. Schließlich ist Fahrenheit 451 ein moderner Klassiker der Science-fiction-Literatur. Kann ich da Inhalt und gängige Interpretation nicht als bekannt voraussetzen? Ja, vielleicht.
 
  Ich zitiere Wikipedia aber trotzdem. Schließlich wird das Buch in der vorliegenden Produktion miserabel umgesetzt. So sehr sich Rufus Beck auch Mühe geben mag, so ist – zumindest für meinen persönlichen Geschmack – die ungekürzte Lesung die denkbar ungeeigneteste Form für diesen Stoff. Schon allein ein paar Hintergrundgeräusche und verschiedene Sprecherstimmen hätten ihn auf jeden Fall aufgewertet. Becks stimmt ist hier einfach zu lieb und damit fiel zu langweilig, als daß sie wirklich überzeugen würde.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.