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August Strindberg
Unter französischen Bauern

Eichborn
2009
264 Seiten
ISBN-13: 978-3-8218-6214-9
€ 28,-


Von Sascha Todtner am 10.07.2009

  „Also: Die Zukunft gehört dem Bauern!“ – unter diesem Schlachtruf wurde ein Juwel des berühmtesten skandinavischen Dramatikers neben Hendrik Ibsen August Strindberg vom Berliner Eichborn-Verlag in der Reihe „Die andere Bibliothek“ herausgegeben. Mit „Unter französischen Bauern“ hat der Schwede Strindberg eine Reportage über das französische Landleben, die Bewohner geschrieben, voller utopisch-philosophischer Lösungsversuche.
 
  August Strindbergs Reportage ist in vier unabhängig voneinander lesbare Abschnitte unterteilt. „Unter französischen Bauern“ beginnt mit einer fiktiven (?) Einleitung des Autor, der von einem Stadtbewohner auf eine Windmühle in Montmartre begleitet wird um sich eines Blickes über die Stadt zu ergötzen, während zu dessen Füssen der Begräbniszug Victor Hugos durch die Stadt wandelt. Genau in dieser Situation erklärt der Begleiter dem bekannten Autor: „Sehen Sie nun, dass hinter der Arbeiterfrage die Bauernfrage liegt?“
  Der zweite Teil behandelt in exemplarischer Weise das Bauernleben in einem französischen Dorf. Strindberg berichtet von dessen Bewohnern, der Landschaft, der Fruchtbarkeit derselben, aber auch von den Steuern, der Schule und dem Unterricht ebenso wie dem Bevölkerungsmangel, der Pacht, dem Weingenuss gleichsam wie der Zelebrierung von Hochzeiten und Todesfällen. Die typische antiklerikale Haltung des Autors kommt in seinem Bericht über die Religion und die Priester zum Ausdruck und dürft sicherlich ein Grund bei der Zurückhaltung der Veröffentlichung seitens der Verlage gewesen sein.
  Der dritte Teil beinhaltete nur die wirkliche Reisereportage des Schweden durch Frankreich. Im Spätsommer 1886 fuhr Strindberg mit der Eisenbahn dritter Klasse in Windeseile durch ganz Frankreich. Für die dreitausend Kilometer von Basel aus über Lille, die Normandie und die Bretagne, dann Bordeaux, Toulouse und Montpellier, schließlich das Rhonetal hinauf über Dijon wieder zurück, hatte der Autor durch den Mangel an finanzieller Unterstützung kaum mehr als drei Wochen gebraucht. Dieser Teil des Buches stellt den Reisebereicht, gespickt von Landschaftsbeschreibungen und philosophischen Dialogen über die wirtschaftliche Lage des 3ten Standes dar.
  Der letzte und vierte Teil des Buches wird mit „Zusammenfassung und Schlusswort“ betitelt und beinhaltet eine Auseinandersetzung mit Darwin, Marx, Lasalle und Haeckel und der Vordergrund dem Bauernstand seine Rechte zu geben, ja sogar selbst zum Bauern zu werden.
 
  „Unter französischen Bauern“ ist eine subtile, leise Auseinandersetzung mit dem melancholischen Blick des Autor August Strindberg auf das französische Landleben als Exempel für das Gesamteuropäische. Die Glorifizierung des Bauernstands als Spitze und Ursprung der „Zivilisation“ nach dem damaligen, auch vom Russen Tolstoi, manifestierten Grundsatz „Zurück zum Ursprung“ wird hier der Ausgangspunkt der Betrachtung der durch amerikanische und indische Importe bedrohten agrikulturellen Gemeinschaft Frankreichs.
  August Strindbergs Buch ist in sich geschlossen eine Zusammenstellung von verschiedenen Themen und literarischen Formen. Während die Einleitung dem Leser fast schon die Meinung vermittelt einem Schauspiel beizuwohnen, unterscheidet sich die erste Abteilung über das exemplarische Leben der Bauern in Frankreich in der Form eines philosophischen Essays in Tradition Morus’, wobei die zweite Abhandlung eindeutig der journalistischen Kategorie der Reisereportage angehört im Gegensatz zur Zusammenfassung, die ein kritische Rezeption darstellt.
  Vor allem die ersten zwei Teile überzeugen vollkommen durch die wortgewandte Sprache, die durch die hervorragende Übersetzung von Emil Schering exzellent übertragen wurde, aber auch durch die kritische und doch zugleich verwunderte Darstellung des französischen Landlebens. Neben der Religionskritik, die manchen Leser übertrieben vorkommen könnte, wird sicherlich die Abneigung gegen über der Emanzipation der Frauen für Anstoß sorgen.
  Die Reisereportage gibt dieses wunderschöne Bild Frankreichs wieder, in welchem man die herrlichen Klischees wiederfindet und trotzdem ist dieser Bericht auf ganzer Linie ein ökonomischer Bericht des erstens Sektors und damit verbunden eine Kritik an der Wirtschaftspolitik und der Theorie des Freihandels, aber auch eine Auseinadersetzung mit dem Marxismus.
  Der Dramatiker Strindberg versucht hier eine Bestandsaufnahme zu geben und man merkt diesem Werk den Enthusiasmus an, der den Autor dazu trieb dieses Projekt auf eigene Faust zu finanzieren.
 
  Der Berliner Eichborn-Verlag stellt mit diesem Buch einen weiteren Band seiner „Anderen Bibliothek“ vor, die eine Besonderheit am deutschsprachigen Literaturmarkt darstellt. Die gebundenen Ausgaben werden durch ein durchgefärbtes und strukturiertes Einbandmaterial geschmückt und mit Schuber geliefert. Das Papier überzeugt durch seine Qualität von 100g/m2 und die Fadenbindung. Zusätzlich sind die Bände der Reihe nummeriert und limitiert und verleihen dem Buch eine Exklusivität.
  Gerade diese wunderschöne Ausstattung rechtfertigt den Preis von 28 €, der über den durchschnittlichen Hardcover-Preis liegt, und macht aus dem strindbergschen Werk ein Prachtexemplar par excellence.
 
  Die Reportage „Unter französischen Bauern“ überzeugt sowohl inhaltlich als ein philosophisch-ökonomisches Werk über das Leben der französischen Bauern Ende des 19. Jahrhunderts sowie gestalterisch in Form dieser Ausgabe, welche ihresgleichen sucht.
  Ein grandioses Buch mit dem Appell: „Zurück zu den Wurzeln.“

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