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Friedrich Wilhelm Graf
Missbrauchte Götter
Zum Menschenbilderstreit in der Moderne

C. H. Beck Verlag
2009
2008 Seiten
ISBN-13: 978-3406584787
€ 18,90


Von Hans Durrer am 08.06.2009

  Dieses Buch basiert auf drei Vorlesungen über „Religion und Humanismus“, die der Autor im April und Mai 2008, wie er schreibt, „auf Einladung des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen im Foyer der Aalto-Oper halten durfte.“ Wer jetzt also, der Autor ist Theologe, eine geballte Ladung Gelehrsamkeit erwartet, liegt richtig. Doch das Buch ist mehr: es ist ein glänzend geschriebenes intellektuelles Feuerwerk, bei dem man sich jedoch hin und wieder fragt, wozu denn die geistige und sprachliche Brillanz eigentlich gut sei, wenn es, wie im Falle des dritten Vortrags, letztlich auf die ziemlich banale (zugegeben: auch notwendige) Mahnung hinausläuft, mit dem Begriff der Würde, der heutzutage arg inflationär gebraucht werde, doch bitte schonend umzugehen. Weil man, um banale Aussagen (und die meisten relevanten Aussagen, die wir letztlich machen können, sind schussendlich ziemlich banal) anregend zu illustrieren, konkrete und überzeugend analysierte Argumente und Beispiele liefern muss – und genau dies tut der Autor, und zwar in einer beeindruckenden Fülle
 
  Zu den Leitgedanken, die das Buch durchziehen, gehört unter anderem dass jeder und jede anders glaubt „und ganz anders als viele andere, und wer sich auf mühevolle Erkundungsreisen in die grandiosen Imaginationswelten religiösen Bewusstseins begibt, entdeckt nicht divinales Aussterben, sondern kann, genau umgekehrt, eine überraschend erfolgreiche Selbstreproduktion höchst individualisierungsfähiger Gott-Akteure beobachten.“ An Göttern herrscht in unseren modernen Zeiten in der Tat kein Mangel. Damit einher gehen die entsprechenden Gottesbilderkämpfe, bei denen sich auch „Kirchenführer“ (vom Autor in Anführungszeichen gesetzt) auf die Seite der sich beleidigt fühlenden Protestler schlagen, was von Graf wie folgt kommentiert wird: „ …ist die Vorstellung, den Gott der einen mit Hilfe des staatlichen Rechts besser vor den Beleidigungen der andern schützen zu können, religionskulturell gesehen nur naiv. Denn öffentliche Gotteskritik war immer schon ein Bewegungsmoment der Religionsgeschichte, gerade in der europäischen Moderne, und dramatischer Streit um die Bilder stellt in der bald zweitausendjährigen Geschichte des Christentums ein starkes Kontinuitätselement dar … Wo es um starke, tiefe Glaubensgefühle geht, ist die Pazifierungskraft staatlichen Rechts begrenzt.“
 
  Einen der Gründe für „die wachsende Theodiversität der Moderne“ (neben den herkömmlichen gibt es ja auch noch Fussballgötter, Modegötter etc) sieht Graf beim Staat, der, indem er die Religionsfreiheit als Grundrecht statuiert, jedermann („selbst Spinnern“) die Möglichkeit gibt, „öffentlich ihren Privatgott zu preisen“. Das ist hübsch gesagt, doch welcher Gott ist eigentlich letztlich kein privater?
 
  Ganz wunderbar formuliert ist auch dies hier: „Viele der neuen Götter dienen als uncertainty managers, die unter den Bedingungen modernitätsspezifisch gesteigerter Kontingenzerfahrungen – statt Schicksal immer mehr Zufall – ein umfassendes Risikomanagement für das Leben insgesamt leisten: Sie bieten jene tragende Gewissheit, die sich in der Bindung an endliche Evidenzmächte nicht erschliessen mag. Zur Diversifikation der Götterangebote tragen zudem die in modernen Gesellschaften fortwährend geführten Kulturkämpfe und kontroversen Moraldiskurse bei.“
 
  Dass man sich von Gott kein Bild machen soll, sicher, wir haben davon gehört und halten uns, wenn wir uns denn für Gott interessieren, trotzdem nicht daran, denn wir verstehen nun einmal besser und anders, wenn wir uns etwas verbildlichen können und überhaupt, wie soll man sich eigentlich kein Bild machen, unser Unterbewusstsein produziert doch ein solches, und nicht nur eines, sowieso ganz von alleine? Übrigens: von einer Bilderfeindlichkeit des Islams will Graf nichts wissen. Viele Muslime hätten sich während des Karikaturenstreits nicht wegen der bildlichen Darstellung des Propheten beleidigt gefühlt (die im Islam nicht verboten sei), sondern weil sie den Propheten verächtlich gemacht sahen. Zudem: auch im Christentum und im Judentum lasse man sich nicht gerne durch Ironie, Satire oder kritische Vernunft über sich aufklären. Sicher, doch hierzulande fallen die Reaktionen eben schon weit weniger heftig und gewalttätig, mithin etwas zivilisierter, aus als in Teilen der islamischen Welt.
 
  Sehr schön auch, wie der Autor zu denen, die meinen, Götter seien, „ ‚nur’ Projektionen menschlicher Wünsche“, anmerkt, dass auch diese Götter Wirkungsmacht entfalten: „Die amerikanischen Soziologen Willian Isaac Thomas und Dorothy Swaine Thomas haben 1928 die Reflexivität subjektiver Wirklichskeitsdeutungen auf die Formel gebracht: ‚If men define situations as real, they are real in their consequences.’ Dies gilt gerade für religiöses Bewusstsein. Seine Weltdeutungen sind immer stark subjektiv, aber zugleich auch handlungsbestimmend.“
 
  Friedrich Wilhelm Graf schliesst sein lehrreiches und auf vielfältige Art und Weise inspirierendes Buch mit den Worten: “Mit dem Bilderverbot schützt Gott sich vor unserer Bemächtigung. Und die Unantastbarkeit unserer Würde haben wir nicht selbst erarbeitet, sondern sie vom unsichtbaren Gott selbst garantiert. Hüten wir uns also vor unserem Selbstbildzwang. Er spiegelt nur jenen amor sui, der im theologischen Diskurs einst als Inbegriff menschlicher Sünde erkannt worden ist. Jetzt wird er in machen religiösen Menschenbilddiskursen als grosse Leistung „des Christentums“, „der Kirche“ gefeiert. Aber die Würde des Menschen liegt gerade darin, dass allein Gott selbst ein angemessenes Bild jedes Einzelnen seiner vornehmsten Geschöpfe zu erzeugen vermag.“
 
  Ob Gott das wohl auch so sieht?

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