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Alfred Döblin
Doktor Döblin. Selbstbiographie

Friedenauer Presse
2000
14 Seiten
ISBN-13: 978-3-932109-18-8
€ 9,50


Von Sascha Todtner am 08.06.2009

  Dieser um 1917/18 in den Wirren des ersten Weltkriegs entstandener Versuch einer Selbstbiographie gilt unter Kennern als Schlüssel zum Verständnis des „döblinschen“ Werks.
  Auch wenn diese kurze Momentaufnahme Alfred Döblins nicht mit seinen Romanen wie „Wallenstein“, „Berlin Alexanderplatz“ oder „Hamlet“ vergleichbar ist, so stellt sie doch ein Mosaiksteinchen dar, welches im Gesamtbild eines der größten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts einen wichtigen Platz einnimmt.
 
  Im Angesicht des Todes schreibt ein junger Arzt im Feldlazarett an der Ostfront eine Selbsbiographie unter dem Titel „Doktor Döblin“. Im heutigen Sprachgebrauch vielleicht „Midlife-Crisis“ genannt, erinnert sich der durch sein Buch „Die drei Sprünge des Wang-Iun“ bekannt gewordene Döblin an seine Kindheit und Jugend.
  Alfred wächst in einem großbürgerlichen Umfeld einer behütenden Familie auf. Seine Eltern sind Juden in Stettin und besitzen dort eine große Schneiderei. Alles scheint heil zu sein, bis der Vater wegen einer Schneiderin die Familie verlässt und mit dieser nach Amerika auswandert. Dieser Vaterverlust bedeutet gleichzeitig den finanziellen Ruin der Familie. Während die Mutter vor der ganzen Situation davonläuft, indem sie nach Berlin zu ihrem Bruder übersiedelt, aber dort auch nicht das Glück findet (welches er in seinem Roman „Pardon wird nicht gegeben“, einer fiktiven Biographie aus der Sicht seines Bruders, beschreibt).
  In der Schule ein relativ zu sehender schlechter Schüler, verwandelt sich der junge Döblin in einen fast schon manischen Leser, der durch den guten Willen seines Onkels Medizin studieren darf und nun in der misslichen Lage als Feldlazarettarzt ist, der von Verlust, einerseits dem Vater und damit verbunden der Gottesverlust, Tod und fehlender Zuversicht seiner Zeit gegenüber geprägt ist.
 
  „Doktor Döblin. Selbstbiographie“ hört sich für den Leser schon auf den ersten Blick komisch an. Diese Distanzierung von sich selbst und das in den Vordergrundstellen des Berufs Arzt im Gegensatz zu seiner erfolgreicheren „Nebenbeschäftigung“ als Autor des schon genannten „Die drei Sprünge des Wang-Iun“ und „Berge, Meere und Giganten“, scheinen beinahe Anzeichen für Schizophrenie zu sein.
  Und doch genau diese Distanz ist für den Autor nötig um seine Lebensgeschichte, die auf keinen Fall leicht aufzuarbeiten ist. Vor allem die Beziehung zum Vater und zur Mutter wird psychologisch genau dargestellt. Als Liebling des Vaters trifft ihn die Trennung der Eltern am schwersten, auch der Verlust des Glaubens, der in der jüdischen Tradition durch den Vater vermittelt wird, scheint mit diesem Ereignis zusammenzuhängen. Aber auch das Verhältnis zur Mutter ist kompliziert. Döblin wirft ihr das „Davonlaufen“ vor und achtet ihrer nicht mehr, da sie für ihn eine schwache Person darstellt.
  Sehr interessant ist auch die Sonderstellung als Jude, welche Döblin in diesem Text sehr subtil andeutet. Gebrandmarkt in einer kleinen Stadt wie Stettin, muss Berlin von diesem Standpunkt ausgesehen wie das Paradies auf ihn gewirkt haben. Diese Faszination einerseits und anderseits der Widerstand der Expressionisten, welcher Gruppierung Döblin zugerechnet wird, gegenüber der Technik sollten für sein Lebenswerk prägend werden.
  Als Intention dieses Versuchs einer Autobiographie kann man die in den Weltkriegsjahren 1918/19 vorherrschende resignierte Stimmung gegenüber dem Sieg der Mittelmächte sehen. Die pausenlose Angst vor dem eigenen Tod, der so viele begnadete Künstler, wie zum Beispiel den Lyriker Georg Trakl, in den Wahnsinn treibt und schlussendlich sogar manche in den Selbstmord, genau diese Ausgangssituation animiert den Verfasser des Jahrhundertwerks „Berlin Alexanderplatz“ zum Schreiben. Der Leser seinerseits lernt den berühmten Schriftsteller durch dieses Werk auf eine persönliche Art kennen, die in der großen Weltliteratur vielleicht noch in den Sonetten Shakespeares zu finden ist.
  Der in Berlin sitzende Verlag „Friedenauer Presse“ verlegt diese kurze und doch wichtige Schrift Döblins in einem fadengebunden Heft, versehen mit einem Nachwort von Erich Kleinschmidt und einer Faksimile-Beilage der ersten beiden Manuskriptseiten. Weiters ist das dünne Heft mit einem blassblauen Schutzumschlag ausgestattet, der das Buch sehr elegant aussehen lässt.
 
  Fazit: „Doktor Döblin“ stellt nicht nur einen wichtigen Schlüssel zum Werk Alfred Döblins dar, sondern überzeugt auf ganzer Linie als eine tragische Lebensgeschichte eines großen Autors.

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