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Alex MacLean
Over
Der American Way of Life oder Das Ende der Landschaft

Schirmer/Mosel
2009
335 Seiten
ISBN-13: 978-3829603836
€ 58,-


Von Hans Durrer am 02.06.2009

  Verlagsleute sind ziemlich fantasielos. Oder kann sich jemand ein Fotobuch zum Thema Umwelt vorstellen, zu dem nicht Bill McKribben einen Text geschrieben hat? Auch Over von Alex MacLean kommt mit einem Text von McKribben daher und, zugegegeben es ist ein guter, ja ein sehr guter Text. Wie gut er wirklich ist, offenbart sich einem nicht zuletzt, wenn man ihn mit den ebenfalls in diesem Band zu findenden Aussagen von Jean Dethier, einem belgischen Architekten und Städteplaner, der von 1975 bis 2004 leitender architektonischer Berater des Pariser Centre Pompidou war, vergleicht. So antwortet Dethier auf die Frage: „Was sind die Besonderheiten der Vogelperspektive im Hinblick auf das Begreifen von Landschaften?“ (so fragt nur ein Französischsprachiger, denkt man sofort und so ist es denn auch; es handelt sich um den Herausgeber der französischen Originalausgabe, Dominique Carré): „Der Vogelblick auf die Welt übt eine grosse Faszination aus und setzt zugleich zahlreiche Schwierigkeiten voraus, wenn man den späteren Betrachtern der Bilder eine nützliche und aussagekräftige Arbeit vorlegen möchte, die über den rein ästhetischen oder anekdotischen Wert hinausgeht. Beim Fliegen wird der Blick nämlich in jede Richtung gefordert – es handelt sich um ein „Totalschauspiel“ von solchem Ausmass und solcher Fremdheit, von solcher Schönheit und Flüchtigkeit, dass es sich als sehr schwer erweist, zusätzlich zum Steuern drei notwendigerweise simultane Schritte auszuführen: erstens das Interesse und die Relevanz dessen einzuschätzen, was man rings um sich herum sieht. Zweitens aus der Unendlichkeit der bewegten Panoramalandschaft einen zum Fotografieren geeigneten Bildausschnitt zu wählen, der eine harmonische Struktur aufweist und das Auge anspricht. Drittens die genauen geografischen Angaben (Ort, Lage etc.) zu erfassen, die nötig sind, um den fotografierten Ausschnitt wissenschaftlich in den Kontext des weitläufigen überflogenen Gebiets einzufügen …“ und so weiter, und so weiter, ein Dampfplauderer also. Glücklicherweise findet sich dieser vollkommen überflüssige Text am Ende des Buches. Wie man auch über die grossartigen, ganz wunderbar komponierten Luftaufnahmen von Alex MacLean (für einmal ist der Ausdruck „Augenöffner“ wirklich am Platz) schreiben kann, demonstriert Bill McKribben eindrücklich: „Die Fotos, die Alex von seinem Flugzeug aus aufnimmt, zeigen viel deutlicher als alle Zahlen und wissenschaftlichen Analysen, was auf unserem Planeten gerade geschieht. Alex MacLean ist ein jungenhafter, lustiger Typ. Ich hatte mal die Gelegenheit, mit ihm über die Adirondack Mountains zu fliegen, einen Gebirgszug in jenem nördlichen Landstrich, wo ich zu Hause bin. Als wir gerade mein Haus überflogen, fing er an, Fotos zu machen. Da ich vom Fotografieren keine Ahnung habe, hatte ich gedacht, dass bei Luftaufnahmen ein Kasten zum Einsatz kommt, der unten am Flugzeug befestigt ist und vom Piloten per Knopfdruck bedient wird. Ich war völlig entsetzt, als Alex plötzlich auf der Pilotenseite das Fenster aufmacht, den Steuerknüppel loslässt, sich so weit hinauslehnt, dass sich das Flugzeug auf die Seite legt, dann durch die Kamera schaut und immer wieder auf den Auslöser drückt.“
 
  MacLeans Buch, das mit zu den eindrücklichsten Dokumentationen der aktuellen Umweltzerstörung gehört, ist in neun Kapitel unterteilt. Kapitel 1 hat die Atmosphäre zum Thema: Die Erde ist von einer endlichen, dünnen Gashülle umschlossen, die mit der Erdoberfläche in Wechselwirkung steht und diese lässt sich bebildern. Man denke, zum Beispiel, an den Smog; Kapitel 2 handelt vom amerikanischen Lebensstil. So waren im Jahre 2006 in Nordamerika 226,000 Privatflugzeuge registriert und diese brauchen pro Jahr etwa 5 Milliarden Liter Benzin. Sieht man sich die Aufnahme eines Flugzeugparkplatzes mit einer solchen Bildlegende an, sieht man nicht einfach schön aufgereihte Flugzeuge, man sieht darüber hinaus; Kapitel 3 dokumentiert die Abhängigkeit vom Auto. Glänzend tut dies, zum Beispiel, das Foto von Glendale, Arizona (man sieht, auf einer riesigen Fläche, vornehmlich Häuser, Strassen und Autos), wiederum mit einer Bildlegende, die einen „sehen“ macht: „Das Arrowhead Town Center ist das einzige Einkaufszentrum im Westen des Grossraums Phoenix. In den meisten der seit dem Krieg entstandenen suburbanen Zonen gibt es das fussgängerfreundliche Stadtzentrum früherer Zeiten nicht mehr. Für jeden Einkauf in einem der riesigen Grossmärkte ist das Auto erforderlich.“
 
  So, das soll genügen, schliesslich ist ein Buch nachzuerzählen nicht Sinn und Zweck einer Buchbesprechung. Wer jetzt nicht neugierig auf diese einzigartigern Aufnahmen, auf diese wirklich singuläre Dokumentation, geworden ist, dem oder der ist nicht zu helfen.

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