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Aleksander Hemon
Lazarus

Albrecht Knaus Verlag
2009
Übersetzt von Rudolf Hermstein
348 Seiten
ISBN-13: 978-3813503296
€ 19,90


Von Hans Durrer am 02.06.2009

  „1908 wird in Chicago der junge osteuropäische Einwanderer Lazarus Averbuch vom Polizeipräsidenten aus nächster Nähe erschossen. Hundert Jahre später will der bosnisch-amerikanische Schriftsteller Brik die Wahrheit über diesen angeblichen Anarchisten ans Licht bringen. Mit seinem Freund Rora macht er sich auf den Weg in die Heimat von Lazarus. Ihre Reise wird eine Suche nach den eigenen Wurzeln“ liest man auf der vierten Umschlagseite. Soweit also die Rahmenhandlung.
 
  Brik ergattert sich ein Stipendium, mit dem er seine und Roras (Rora arbeitet als Fotograf) Recherchen in Osteuropa finanziert. Über Frankfurt gelangen sie nach dem ukrainischen Lemberg. Ihre Ankunft schildert Hemon so:
 
  „Wir nahmen ein Taxi zu dem grandios fehlbenannten Grand Hotel; ich hatte den Fahrpreis in meinem veraltenden grossväterlichen Ukrainisch mit einem kleinen Wörterbuch in der Hand ausgehandelt. Der Wagen war ein alter Wolga, der nach Diesel und UdSSR stank. Wir fuhren anscheinend durch die ganze Stadt und wieder zurück, jedenfalls kamen wir mehrmals durch dieselben Strassen – es konnte ja kaum drei Casinos mit genau gleicher Neonreklame in Lemberg geben. Der Fahrer hatte einen kubischen Kopf, Haare krochen ihm wie Schlingpflanzen den Nacken hinauf; um seine Glatze drehte sich ein rauer Wirbel ähnlich dem Satellitenbild eines Hurrikans. Ich wollte, Rora hätte ihn fotografiert, aber dafür war nicht genug Licht. Ohne mich zu fragen, hatte er beschlossen, sein Blitzgerät nicht mitzunehmen. Der Blitz ist für Hochzeiten und Beerdigungen, sagte er. Was fotografiert werden muss, wird fotografiert werden.“
 
  Wunderbar bildhaft und witzig geschrieben, nicht? Sehr schön auch, wie er das Geschichtenerzählen in Sarajevo schildert:
  „… in Sarajevo hatte man beim Geschichtenerzählen immer im Hinterkopf, dass die Aufmerksamkeit der Zuschauer nachlassen könnte, also übertrieb man und schmückte aus oder log regelrecht, um das zu verhindern. Man hörte hingerissen zu, immer bereit zu lachen, ohne Rücksicht auf Zweifel oder unglaubwürdige Einzelheiten. Es gab auch einen Solidaritätskodex der Geschichtenerzähler – man unterliess es, die Erzählung eines andern zu sabotieren, wenn die Zuhörerschaft damit zufrieden war, denn sonst musste man damit rechnen, dass einem eines Tages eine eigene Geschichte ebenfalls sabotiert wurde. Skepsis war dauerhaft ausser Kraft gesetzt, denn niemand erwartete Wahrheit oder Information, sondern nur das Vergnügen, an einer Geschichte teilzuhaben und sie vielleicht irgendwann als seine eigene weiterzuerzählen. Die unaufhörliche Verewigung kollektiver Phantasien erzeugt ein unstillbares Verlangen nach Wahrheit und nichts als der Wahrheit – Realität ist in Amerika die begehrteste Ware.“
 
  Der bosnische Einwanderer Brik, indem er das Leben und Sterben des jüdischen Einwanderers Lazarus Averbuch schildert (genauer: kreiert) und so zum Schriftsteller wird, und der Fotograf Rosa, ein zwielichtiger Angeber, könnten verschiedener kaum sein und ihre Gegensätzlichkeit macht einen wesentlichen Reiz dieses Buches aus.
 
  Hemon wurde in der NZZ („wunderbar kompliziert“) schon mal mit Nabokov verglichen, doch das Buch lässt sich ja nicht nur als Literatur lesen, sondern auch (sicher, das Eine schliesst das Andere nicht aus) als eine Schatzkiste voller ganz wunderbarer Schilderungen nordamerikanischer und slawischer Mentalitäten. Ein Beispiel: „Eine Vollblutamerikanerin. Sie ging mit mir zu Baseballspielen und hielt sich die Hand aufs Herz beim Singen der Nationalhymne, während ich neben ihr stand und mitsummte. Sie sagte ‚wir’, wenn sie von den Vereinigten Staaten sprach … Sie war gewohnheitsmässig freundlich zu anderen, ging immer davon aus, dass sie gute Absichten hatten; sie lächelte Fremden zu; es war ihr wichtig, was sie dachten und fühlten. Sie wurde oft verlegen; sie träumte davon, eine Fremdsprache zu lernen; so wollte ein besonderer Mensch sein.“
  Und gerade noch ein Beispiel: „Er setzte sich, holte sein Handy hervor, knallte es auf den Tisch, als wollte er ein Verhör beginnen, und nahm die für slawische Männer typische Sitzhaltung ein: eine Hand auf dem Schenkel, fast im Schritt, die andere lässig über die Tischkante hängend, bereit, jeden Moment in Aktion zu treten.“
 
  Schwer vorstellbar, dass jemand solches Erzählen nicht gerne liest.

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