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Georg Gerster
Weltbilder
70 Flugbilder aus den sechs Erdteilen

Schirmer/Mosel
2004
144 Seiten
ISBN-13: 978-3829601542
€ 19,80


Von Hans Durrer am 02.06.2009

  Es ist selten, dass man auf Bücher stösst, die nahezu perfekt sind. Georg Gersters „Weltbilder“ gehört dazu. Und warum nicht ganz perfekt? Weil es vollkommen unnötig ist, dieses Buch mit einer Rechtfertigung einzuleiten. Der Autor und Fotograf fühlt sich nämlich bemüssigt, sich gegen Kritiker („in die Jahre gekommene Achtundsechziger“, wie er schreibt), die meinen, seine Luftbilder seien ohne gesellschaftliche Relevanz, zu wehren. Nicht, dass er sich nicht wehren sollte, doch dieser tolle Band hat solche Rechtfertigungen nicht nötig, und zum Geleit schon gar nicht, denn jedem, der sich auf dieses Buch einlässt (es also nicht nur überfliegt, sondern Zeit damit verbringt), wird die gesellschaftliche Relevanz (doch eben nicht nur diese) automatisch aufgehen. Doch so recht eigentlich ist das ein zu vernachlässigendes Detail, es wird vor allem erwähnt, um zu zeigen, dass der Rezensent sich beim Lesen was gedacht hat.
 
  70 Flugbilder aus den sechs Erdteilen sind in diesem schön gemachten Band versammelt. Beim ersten Durchsehen erinnerte ich mich an ein Gespräch mit einem Professor der Geologie im thailändischen Prachuap Khiri Khan. Er erzählte davon, dass Luftaufnahmen bewirkt hätten, die Geschichte Thailands teilweise neu geschrieben werden musste. Und wie das? Aus der Distanz hätte man erkennen können, dass, was man bisher für Strassen gehalten habe, in Wirklichkeit Wasserwege gewesen sein. Man könne eben aus der Distanz Muster erkennen, die einem aus der Nähe verborgen blieben.
 
  Ganz wunderbare Muster hat Georg Gerster aus Mietflugzeugen und Ballons fotografiert (und damit geschaffen, denn Muster hängen ja vom Auge des Betrachters ab). Doch dieser Band zeigt nicht nur Muster, sondern auch ganz unterschiedliche Abbildungen, die von der inspirierenden Einrahmungskunst des Georg Gerster zeugen. Nehmen wir, zum Beispiel, die Aufnahme Nummer 32, die einen Hochspannungsmast und einen Ipé-Baum auf einem Acker bei Piracicaba im brasilianischen Staat São Paulo zeigt. Eindrückliche Farben, eine eigenwillige und ansprechende Komposition, denkt man, ist aber gleichzeitig froh, dass dem Bild ein erläuternder Text beigegeben ist, worin man erfährt, dass der gelbe Ipé viele Namen habe, doch dass keiner angemessener sei als Goldener Trompetenbaum (automatisch gehen die Augen zu dem leuchtend hellgelben, und in der Tat goldenen, Baum auf dem Bild), denn, „er schmettert die Lebenslust der brasileiros heraus.“ Das ist trefflich gesagt – und es ist wahr. Der Autor fährt fort: „Er ist der eigentliche Nationalbaum Brasiliens und wegen der Heilkraft seiner Rinde neuerdings auch im Blickfeld der industriellen Pharmazeutik. Er soll Krebspatienten das Überleben sichern. Umso pragmatischer mutet daher … das unschuldige Nebeneinander von Natur und Technik, von elektrischer Energie und Baum an. Unser aller Überleben mag ja sehr wohl davon abhängen, dass aus dem Nebeneinander nicht, wie bisher allzu häufig, ein verkrampftes und schuldhaftes Gegeneinander wird.“
 
  Es sind nicht nur die zum Staunen einladenden Bilder, die diesen Band so toll machen, es sind genauso die wohl formulierten, informativen, von vielerlei Einsichten zeugenden Texte, die viele der Bilder erst verständlich machen. Nehmen wir die Aufnahme Nummer 10, das, wie die Legende sagt, ein Industriedach im japanischen Yokohama zeigt. Ein Industriedach? Man stutzt, hat man doch eher den Eindruck, es handle sich um die Fassade eines Hochhauses doch der Text lässt uns wissen, dass wir uns täuschen. Oder nehmen wir die Aufnahme Nummer 4, welche das Dorf Labbezanga, „das schönste Dorf Afrikas“, zeigt. Des Fotografen Interesse für sie und ihr Dorf war den Bewohnern zunächst nicht geheuer: „Sie verdächtigten mich, ein Agent der Regierung zu sein, die das Dorf von der Insel im Niger auf das Festlandufer umsiedeln wollte, aus keinem stichhaltigeren Grund als dem administrativer Bequemlichkeit. Sogar mit militärischer Intervention hatte sie gedroht. Nur zögernd schlossen sich die Ältesten des Dorfs meinem Argument an, dass meine Bilder ihre Interessen, nicht die der Regierung fördern würden. Wie es sich in den Folgejahren zeigte, hatte ich recht: mein Flugbild garantierte den Einwohnern Labbezangas die Bleibe. Es wurde in Zeitschriften und auf Plakaten zigmillionenmal vervielfältigt. Und die malische Regierung sah schliesslich ein, was sie an dem Juwel auf der Insel im Niger hatte. Heute lockt sie mit dem ‚schönsten Dorf Afrikas’ Touristen an, von Umsiedlung ist keine Rede mehr.“
 
  Georg Gerster erwähnt in seiner Einführung auch, dass einige seiner Aufnahmen („schön“ sowie „heilsam für Körper, Seele und Geist“ waren die Kriterien) als Wandschmuck in Spitälern hängen. Dass sie in der Tat heilsam sein können, zeigt die Erfahrung eines Patienten, der nach einer Amputation in eine Daseinskrise stürzte, eindrücklich: „Ich wollte nicht mehr leben“, sagte er später. „Aber dann bewegte ich während des monatelangen Klinikaufenthalts meinen Rollstuhl immer wieder vor die Bilder und meditierte. Die Bilder gaben mir den Mut zum Leben zurück.“

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