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Manfred Chobot (Hrsg.)
Genie und Arschloch
Licht- und Schattenseiten berühmter Persönlichkeiten

Molden
2009
280 Seiten
ISBN-13: 978-3854852346
€ 19,95


Von Alemanno Partenopeo am 14.05.2009

  „Viel Licht wirft auch viel Schatten“, schreibt der Herausgeber im Vorwort zu seinem Buch, das von den verschiedensten Autoren zu den verschiedensten Persönlichkeiten verfasst wurde. Nicht immer sind die Beiträge nachvollziehbar, etwa wenn ein übereifriger Rolf Schwendter in „Die Verschlagenen“ auf gerade mal acht (!) Seiten gleich zwei so verschiedene Persönlichkeiten wie Arthur Rimbaud und Claire Goll darstellen will und es ihm bis zum Ende nicht gelingt zu erklären, warum eigentlich gerade die beiden. Hätte es denn nicht genug Stoff für nur einen der beiden gegeben?
 
  Das „Arschloch-Sein“ von Rimbaud hätte sich übrigens darin „entfaltet“, „Fremdenlegionär, Taglöhner, kolonialer Einkäufer, jedenfalls Waffenhändler, möglicherweise auch Sklavenhändler“ gewesen zu sein. Des weiteren beschwert sich Schwendter über den Gebrauch des Wortes „Neger“ oder „Nigger“ bei Rimbaud, dabei hat sich dieser ja selbst als ein solcher bezeichnet. „Der Barbar also, der Teufel, das Gift der Tropen saugend, immer gegen die Neger, gegen die Insulaner“, so interpretiert Schwendter ein Gedicht Rimbauds und fehlt weit. Und noch weiter, wenn er dem Gesagten dann noch Claire Goll dranhängt. Von einem „Subkultur-Forscher“ (Eigendefinition) und dreifachen DrDrDr hätte man sich – gerade wegen des eng begrenzten Raums - mehr Präzision erwartet.
 
  Charlotte Ueckert beschäftigt sich in ihrem Beitrag „Klatsch und Tratsch in Intellektuellenkreisen“ mit der „Komödie der Leidenschaften“ zwischen dem wohl berühmtesten Intellektuellenpaar Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Der „kleine hässliche Mann“ hätte die schönsten und jüngsten Frauen verführt und dennoch stets an „seiner“ Simone festgehalten, denn ihr Zusammensein sei für andere zu einer „uneinnehmbaren Festung“ geworden, schreibt Ueckert. Selbst die bisexuell orientierte Beauvoir gefährdete nie wirklich die Beziehung zu Sartre, wusste sie doch, dass sie als Intellektuellenpaar weit mehr profitierten, als alleine. Vielleicht kann man das durchaus mit einer Rockband vergleichen, die nach Jahren als Soloartisten begreift, dass viel mehr Reibach einfach durch eine Reunion zu machen sei. Das perfide an der Beauvoir sei aber gewesen, dass sie ein gewisses „Katz und Maus“-Spiel mit den Geliebten Sartres spielte, denn stets verführte sie diese zu ihren gleichgeschlechtlichen Abenteuern, um dadurch auch weiterhin auf beide – vor allem aber Sartre - Macht auszuüben. Die „Grande Sartreuse“ – wie sie von ihren Feinden genannt wurde - verstand ihr Geschäft eben und opferte sogar Nelson Algren (der allerdings freiwillig ging), während Sartre auf Dolores Vanetti verzichten musste. Eine große Liebe verlangt eben auch große Opfer. Zur Nachahmung möchte die Autorin diese Art „gleichberechtigter Partnerschaft“ dann aber doch nicht empfehlen. Es sei allerdings insofern geglückt, dass es kaum möglich sei, den einen der beiden ohne den anderen zu erwähnen. Aber das befriedigt ja quasi nur die Nachwelt und nicht die beiden Betroffenen.
 
  Mechthild Podzeit-Lütfen öffnet die Fenster zu Ernest Hemingways Tötungsfantasien. In ihrem Beitrag in vorliegendem Band „Ich töte gerne“ beschreibt sie einerseits einen Aufschneider und Angeber, andererseits aber auch einen Liebhaber zur Natur. Hemingway habe immer Interesse an körperlicher Gewalt gehabt, Freude am Wettkampf und sei ungemein stolz auf seine persönliche Furchtlosigkeit gewesen. Immerhin habe der Amerikaner dafür „fließend französisch“ gesprochen, wahrscheinlich um damit noch dicker auftragen zu können. Seine Aussagen über die Tötung einiger „Krauts“ bewertet die Autorin allerdings mit Vorsicht, denn Übertreibungen seien bei Hemingway eben auch in seiner Literatur gang und gäbe gewesen, nicht nur in seinen öffentlichen Aussagen oder Statements. Die Diskussionen um die Errichtung eines Denkmals für den Schriftsteller Ernest Hemingway in der kleinen Vorarlberger Gemeinde Schruns im Montafon waren von einigen Polemiken diesbezüglich begleitet, aber müsste man nicht das Werk von der Person trennen? „Ich töte gerne“, habe EH nachweislich gesagt, er sei – laut Autorin – sogar von „niedrigen Instinkten“ getrieben gewesen. Dass das Töten durch den Selbstmord seines Vaters und seinen eigenen ohnehin jeden Schrecken verloren hätte, passt ins Bild eines „aufbrausenden Machos“ mit seiner „berüchtigten Reizbarkeit“. Er habe sogar seine Mutter wegen angeblicher Treulosigkeit (!) zeitlebens verstoßen gehabt. Bei allem Respekt: immerhin hat er sich dann selbst gerichtet. Am 2. Juli 1961 fand seine Beerdigung statt. Seine Frau Mary, die seine zerfetzte Schädeldecke fand, musste unter Tranquilizer gesetzt werden. An seinem Begräbnis nahm kein einziger Schriftsteller teil. Dafür stifteten ihm die Fischer von Cojimars ein Denkmal. Nirgendwo sonst ist der Amerikaner wohl so beliebt wie im kommunistischen Kuba.
 
  Weitere Beiträge von Marieluise Fleißer, Hilde Schmölzer, Carl-Ludwig Reichert, Ludwig Laher, Tobias Hierl, Friederike C. Raderer, Monik Dimpfl, Erika Kronabitter, Wolfgang Müller-Funk, u. a. beschäftigen sich auch mit Gottfried Benn, Richard Billinger, Johannes Brahms, Bert Brecht, Wassily Kandinsky, Kathrine Mansfield, Pablo Picasso, Arno Schmidt, Karl Valentin, Franz Stelzhamer und Richard Wagner. „Genie“ trifft wohl auf alle Genannten zu, ob „Arschloch“ oder nicht, entscheidet am besten der Leser selbst. Das Glaubensbekenntnis letzterer formulierte wohl keiner so präzise wie Bert Brecht: „Ich kann nicht heiraten. Ich muss Ellbögen frei haben, spucken können, wie mir`s beliebt, allein schlafen, skrupellos sein.“ Wenn dem guten Mann nichts gelungen ist, darin ist er ohne Zweifel ein Meister geworden.

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