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Sándor Márai
Unzeitgemäße Gedanken
Tagebücher 02: 1945

Piper
2009
Übersetzt von Clemens Prinz
436 Seiten
ISBN-13: 978-3492051996
€ 48,-


Von Sascha Todtner am 05.05.2009

  1945 – Der Untergang der alten Welt. Budapest wird nach monatelangen Kämpfen von den Truppen der russischen Streitkräfte eingenommen – die glorreiche Stadt des Ungarntums, Sándor Márais wahre Heimat, hat diese Zeit nicht unbeschadet überstanden. Zerstört, in Trümmern liegt die Donaumetropole.
  Während im ersten Band der Tagebücher Márais vor allem die Grauen und Schrecken des Krieges im Vordergrund stehen, so zeigt dieser Band den Umgang der Bevölkerung mit der „Befreiung“ bzw. nach derselben. Der ungarische Romancier kann aber sich sein eigenes Urteil nicht verkneifen auszusprechen: Die gerechte Strafe für ein nichtsnutziges Volk.
  Gestern Pfeilkreuzler, heute Kommunist, doch in Wirklichkeit immer noch „christlich-national“ eingestellt. Jedes „christlich-national“, welches den Deutschen die Berechtigung gab in Ungarn einzumarschieren und Millionen von Juden zu deportieren.
  Was hat sich geändert? Nichts – man nennt dieselben Leute jetzt Genosse, aber die erhoffte Freiheit ist eine Illusion, eine Träumerei.
  Márai kritisiert in Tradition Nietzsches das Bürgertum und entlarvt sie als Philister – er zeigt, dass in Zeiten des Krieges, der vollkommenen Anarchie jede Art von Manieren und Bildung verloren geht zu Gunsten des Egoismus. Der reichste Professor beginnt zu stehlen gleich dem Landstreicher.
  Doch auch die Befreier entlarvt er als Diener in eigener Sache, auch wenn sein Urteil über die russischen Truppen neutral und objektiv besser ausfällt als in unseren Breitengraden bekannt.
  Doch nicht nur Politik, Gesellschaft beschäftigen den Autor in seinem persönlichsten Buch, dem Tagebuch. Auch Literatur und die Familie finden ihren Platz. Zutiefst traurig schildert er die Aufarbeitung des Todes eines einzigen Kindes im Zusammenhang mit der Entdeckung seiner zerbombten Wohnung in Budapest und der Schilderung der Hausmeisterin, nachdem Polizisten die Wohnung des „Linken“ geplündert hätten und eine Bajonette in den Koffer mit den Sachen des verstorbenen Kindes stachen.
  Der Verfasser des Erfolgsromans „Die Glut“ besticht in seinen Aufzeichnungen aus dem Jahre 1945 durch seine Parteilosigkeit – weder rechts noch links positioniert – und doch spricht er immer persönlich, wenn er die Bestrafung des Ungarntum verlangt, aber schlussendlich zur Überzeugung kommt, dass ihn nur eine Sache mit demselben verbindet: Die ungarische Sprache.
  Somit bleibt am Ende dieses Bandes nach unzähligen Gedanken die Überzeugung auszuwandern. Diese Überzeugung ist 1948 der Anlass Ungarn für immer den Rücken zu kehren und über die Schweiz, Italien in die USA auszuwandern.
  Sein Werk wurde daraufhin in Ungarn verboten. Erste Anzeichen desselben zeigen sich schon im vorliegenden Band, wenn die Vorzensur die Neuauflage der „Jungen Rebellen“ verbietet und der Band, welcher die gekürzten Tagebücher von 1943/44 (ungekürzt herausgegeben als Literat und Europäer – Tagebücher 01 im Piper Verlag) beinhaltet von der ungarischen Kritik vernichtet beurteilt wird.
  Der Piper-Verlag hat auch den zweiten Band der Aufzeichnungen Márais in einer passenden Aufmachung in roten Leinen mit der Prägung der Unterschrift des Autors herausgeben. Die aufwendige Gestaltung macht die Bücher zu einem Blickfang, der heute in der Verlagsszene selten zu finden ist.
  Wenn auch nicht dermaßen ergreifend wie der erste Band, so erklären die hier vorliegenden Tagebücher doch die Person des Autors bzw. stellen ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument dar. Die vorausschauenden, hellsichtigen, berührenden und humanen unzeitgemäßen Gedanken dieses großen ungarischen Romanciers stellen ein humanistisches Gegenstück zu Malapartes „Haut“ dar.
  Um es mit dem von Sándor Márai verehrten Goethe zu sagen, bleibt dem Leser nur zu "Ihr glücklichen Augen, // Was je ihr gesehn, // Es sei wie es wolle, // Es war doch so schön!" sagen.

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