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Sándor Márai
Literat und Europäer
Tagebücher 01: 1943-1944

Piper
2009
Übersetzt von Akos Doma
474 Seiten
ISBN-13: 978-3492051903
€ 39,90


Von Sascha Todtner am 21.04.2009

  „Du guter Tod, nimm mich in deine Arme und wiege mich in den Schlaf.“ Dieser Satz zeigt die ganze Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit eines der begnadetsten ungarischen Autoren des 20. Jahrhunderts, der zur inneren Emigration gezwungen, nichts als sein Möglichstes in den Kriegsjahren 1943/44 tun konnte: helfen, wo nötig und schreiben.
  1943: Die alte Welt ist durch die Folgen des 1.Weltkriegs zu einem brodelten Kessel nationaler Bewegungen geworden, der 2.Weltkrieg tobt das 4 Jahr sein Unwesen und auch in Ungarn schlägt Juden, Ausländern und Regimekritikern ein eisiger Wind ins Gesicht. Vor diesem Hintergrund beginnt Sándor Márai als fast 40jähriger seine Tagebücher, dessen Aufzeichnungen ihn bis ans tragische Ende seines Lebens begleiten (der letzte Band „Tagebücher 1984-1989“ ist ebenfalls im Piper-Verlag erschienen).
  Der erste sehr aufwendig und schön gestaltete Band der vollständigen und kommentierten Tagebücher Sándor Márais des Münchner Piper-Verlags, welcher unter dem Titel „Literat und Europäer“ erschienen ist, lässt den Leser zum ersten Mal den ungarischen Romancier als Person aus Fleisch und Blut auferstehen, aber auch als Einstieg in die „máraische“ Welt stellt dieser Band eine Sensation dar.
  Márai sah sich Zeit seines Lebens als Europäer, aber auch als Literaten, der nur in seiner ungarischen Muttersprache aufgehen konnte. Diese Überzeugung zieht sich durch all seine Tagebucheintragungen.
  Vor allem seine Vision eines geeinten Europas scheint heuet durch die EU vollbracht zu sein, doch sein Werk ist zugleich ein Mahnung gegen das Vergessen. Eine Mahnung jede Art von Nationalismus nicht mehr zu zulassen, auch wenn seine Lösungsvorschläge aus der heutigen Sicht nicht mehr zu halten sind, stellen sich doch ein grundlegendes Problem der damaligen Lage dar, die schlussendlich zum 2.Weltkrieg führten.
  Seine Tagebücher von 1943 bzw. 1944 stehen als zeitgeschichtliches Dokument des Alltags in Ungarn unter dem Regime der Pfeilkreuzler Zeuge, aber der Autor beschränkt sich in seinem Fall nicht nur auf die Schilderung von Verbrechen, Schlachten und Siegen, nein, vielmehr schildert er seinen persönlichen Alltag mit allem was dazu gehört:
 Literatur, vom heißgeliebten Tolstoi über Shakespeare zu Goethe, aber auch die Lektüre von unbekannten ungarischen Autoren.
  „Das Buch der Unruhe“ (Fernando Pessoa) in Zeiten des Kriegs, so könnte man die Tagebücher Márais nennen. Sie sind gefüllt von einer süßen Melancholie, manchmal Depression, voller Philosophie und schlussendlich doch Hoffnung.
 Des Autors Todessehnsucht wird dem Tod, seine Melancholie der Hoffnungslosigkeit der weltweiten Lage und seine Depression der Krankheit im Jahre 1943 gegenübergestellt und ergeben in dieser Weise ein wunderbares Bild eines wiederentdeckten Klassikers, der in einer Reihe mit Mann, Kafka und Joyce genannt werden sollte.
  Seine Gedanken zu Kultur und Sprache weisen starke Parallelen zu Albert Einstein und Sigmund Freuds Briefwechsel „Warum Krieg?“ auf und stellen schlussendlich die gleiche These auf: „Alles was die Kultur fördert, ist gegen den Krieg bzw. die damit verbundenen Verbrechen.“
 Aber auch die persönlichen Erlebnisse kommen in seinem Tagebuch nie zu kurz. Die Unterbringung seiner jüdischen Frau Lola und seines Ziehsohns in einem Versteck auf einem Dorf, der dramatisch geschilderte Tod des Hundes Jimmy, das Verschwinden von Freunden…
  Dennoch bleibt das Persönliche zumeist verdrängt, taucht erst einige Zeit später auf und wird in literarischer Form verarbeitet.
  Der Verlag hat für die ersten zwei Bände der Tagebücher eine äußerst aufwendig stillvolle Ausgabe in dunkelroten Leinen mit dem eingeprägten Schriftzug der Unterschrift des Autors geschaffen, welche zum besseren Verständnis des Werkes nebst einer Einführung ins Werk auch einen anregenden Kommentar beinhaltet.
  Diese persönlichste Werk des ungarischen Schriftstellers bietet dem Leser ein umfassendes Bild der damaligen ungarischen Gesellschaft, wie sie in ganz Europa zu finden war, und zeichnet doch zugleich das Bild eines Menschen mit Weitblick, Angst, Hoffnung, Liebe, Verrat, Verzweiflung.
  Ein Augenblick, der zu verweilen einlädt…

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