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Leslie Klinger (Hrsg.)
The New Annotated Dracula / Bram Stoker
Introduction by Neil Gaiman

W.W.Norton Publishing
2009
613 Seiten
ISBN-13: 978-0-393-06450-6
€ 27,90


Von Alemanno Partenopeo am 29.03.2009

  Diese Reise nach Transsylvanien gehört seit jeher zu den wohl grauenerregendsten Horror-Geschichten der Weltliteratur. Der 1897 erschienene Roman zählt nunmehr schon mehr als 100 Jahre und das ist wohl Grund genug, eine Spezialedition auf den Markt zu bringen, die auch den Hintergrund der Geschichte etwas näher erläutert. Die vorliegende Ausgabe berücksichtigt nicht nur zeitgenössische Reisebücher, wissenschaftliche Texte oder Viktorianische Enzyklopädien, sondern auch Kommentare des Autors selbst zu seinem Manuskript. Leslie Klinger hat dem allen auch noch einige Geschichten zur Karriere des Autors selbst beigefügt, der von 1847 bis 1912 lebte und schon zu seinen Lebzeiten Epigonen und Parodien hervorgerufen hatte.
 
  Klinger ist es auch zu verdanken, dass das Ende der Geschichte noch einmal anhand der Originalmanuskripte aufgerollt wird und die vielen Subtexte des Stokerschen Originals noch einmal ans Licht gebracht werden und man weiß ja, was mit Vampiren geschieht, wenn sie ans Licht gelangen. Die vielschichtigen Interpretationen von Dracula reichen von masochistisch, nekrophil bis homoerotisch, „dentophilic“ („zahnliebhaberisch“), und natürlich auch heterosexuellen Implikationen über das Verhältnis von Mann und Frau im Viktorianischen England, sowie politische, psychologische, feministische, ökonomische und historische rote Fäden.
 
  „We want no proofs, we ask noone to believe us“, schreibt Bram Stoker selbst und es klingt beinahe so, als wollte er sagen, wir wissen, wir haben keine Beweise nötig, noch, dass ihr uns glaubt. Neil Gaimann, auch kein Unbekannter in diesem Genre, hat er doch immerhin den „Sandman“ geschaffen, erzählt in seiner Einführung über seine erste Begegnung mit Dracula und auch seiner Angst, dass der Fürst der Dunkelheit aus dem Buch hervorsteigen könnte. Auch wenn er das Buch als Roman schwach bezeichnet, räumt er doch ein, dass eine Vielzahl von Büchern und mehr als 160 Filme durch Bram Stoker inspiriert wurden. Gaiman meint, das Buch zwinge den Leser „to fill the blanks“, sich also das auszumalen, was Stoker wohlweislich ausgelassen habe und gerade deswegen erfülle es seine Funktion so gut. Neil Gaiman warnt den Leser auch, denn es könne leicht passieren, dass die Effekte der Lektüre sich erst einige Wochen später einstellten. Man könnte sich bald dabei ertappen, im Mondlicht spazieren zu gehen und dabei einige Betrachtungen zu kommentieren oder sogar selbst zu einem der beschriebenen Charakter werden, etwa zu Renfield, dem Zoophagen, der, bevor er seine Insekten verzehrt, sie katalogisiert und ordnet und Kommentare dazu verfasst. Auf jeden Fall wird einen das Buch nicht kalt lassen und einen bis in die Tag- oder Nachtträume verfolgen, diese Warnung will Gaiman wohl noch unterstreichen, da er selbst sich ja diesem Genre verschrieben hat.
 
  Leslie Klinger stellt den historischen Kontext von Bram Stokers Dracula anhand von zeitgenössischen Dokumenten und Archivalien her. Auch die Vampirgeschichten vor Dracula werden erläutert und kommentiert, zum Beispiel die Geschichte von John William Polidori „The Vampyre“ aus dem Jahre 1819, also 72 Jahre vor unserem Dracula. Polidori war nicht nur ein Zeitgenosse Lord Byrons und Mary und Percy Shelleys, sondern auch deren Freund, ein Umstand, dem ein weiterer Film gewidmet ist, wie Kenner der Materie wissen. Andere Vampir-Schriftsteller werden vorgestellt, bis schließlich auch Bram Stoker als Mensch porträtiert wird. Im Alter von 37 sieht er übrigens aus wie Sigmund Freud und vielleicht hat er ja auch so wie dieser, das Unbewusste erforscht. Stoker war irischer Herkunft und studierte neben Literatur auch Mathematik und Physik am Trinity College bevor er zum Theaterdirektor in London wurde. Das Verhältnis zu seinem Förderer Henry Irving wird von Leslie mit den Worten beschrieben: „Never have I seen , never do I expect to see, such absorption of one man`s life in the life of another“. (Zitat von Sir Hall Caine, einem anderen Freund Stokers) Etwaige Spekulationen über den homosexuellen oder –erotischen Gehalt Draculas werden dadurch wohl noch mehr genährt.
 
  Die Fans des Gepfählten (anstelle des Pfählers) kommen also auf alle Fälle auf ihre Kosten, natürlich gerade aufgrund der vielen Anmerkungen zum eigentlichen Text, die Leslie Klinger verfasst hat. Die Illustrationen reichen von Bela Lugosi bis Christopher Lee und werden durch die Appendixe „Dracula`s Guest“, „The Dating of Dracula“, „The Chronology of Dracula“ und „A Whitby Glossary“ erweitert. Weitere Artikel im zweiten Teil beschäftigten sich mit den fiktionalen Aspekten des Grafen, Dracula in „Academia“ und „Dracula on Stage and Screen“. Ein Familien-Stammbaum Draculas, seine Freunde und eine reiche Bibliographie wird das Herz all jener Vampirfans erfreuen, das noch an der rechten Stelle schlägt, wenn es denn noch schlägt... Ein Fest für alle Untoten und die es noch werden wollen!

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