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Kinky Friedman
Der Gefangene der Vandam Street

Haffmans Verlag bei Zweitausendeins
2008
Übersetzt von Gunnar Kwisinski
235 Seiten
ISBN-13: 978-3-86150-821-2
€ 16,90


Von Alemanno Partenopeo am 29.03.2009

  Wer noch nie etwas von jüdischem Humor gehört hat, der wird mit diesem Meisterwerk aus Kinky Friedmans Feder gleich direkt in die höheren Weihen desselben eingeweiht. In dieser als Kriminalgeschichte getarnten Krankengeschichte des „Gefangenen der Vandam Street“ finden sich alle Zutaten, die man für einen amüsanten Lesenachmittag an einem der Strände dieser Welt braucht. Man sollte sich allerdings den richtigen Liegenachbarn aussuchen, denn streckenweise folgen die Lacher in einer solch kurzen Frequenz, dass man durchaus Aufsehen erregen könnte und selbst zu einem öffentlichen Ärgernis werden könnte.
 
  Der „Gefangene“ im Titel bezieht sich einerseits auf die Nachbarin Kinkys, die dieser im Malariawahn von seinem Apartmentfenster aus geschlagen zu werden zu sehen glaubt. Doch natürlich ist auch Kinky selbst ein „Gefangener“ seines eigenen Apartments, erstens weil seine Freunde ihn als vermeintliche Krankenschwestern belagern („Ich würde nicht an Malaria, sondern an Klaustrophobie sterben.“) und zweitens, weil seine Wohnung bald zum Hauptquartier eines extra aus L.A. eingeflogenen Meisterdetektivs wird. Die Rahmenhandlung ist im Grunde aber völlig nebensächlich, denn es geht allein darum, wie und auf welche Weise diese Geschichte erzählt wird, die sich – vorhersehbar - am Ende als null und nichtig auflöst. Der Leser wird mit viel Raffinesse und Genregenauigkeit auf eine falsche Spur gelockt und genießt dabei nicht nur die köstlichen Personenbeschreibungen von Kinkys Freunden, sondern auch herrliche Momente der Einsamkeit, wenn Kinky an seinem Fenster steht und über die Grausamkeit der Welt resümiert, während er seiner Katze neben sich philosophische Portionen Katzenfutter verabreicht, die diese natürlich nicht die Bohne interessieren.
 
  Zudem werden einige Erörterungen über die Verteilung von Katzenhinterlassenschaften in der weiträumigen Loft sogar mehrmals gepflegt, besonders die Tatsache, dass Kinkys cat bevorzugt in den Rucksack eines ganz bestimmten Freundes kriecht, um dort ihre Geschäfte zu erledigen. Kinky ist übrigens selbst Privatdetektiv und würde dem Vorfall bei der Nachbarin auch gerne selbst auf den Grund gehen, wenn er nicht gerade wegen dieser vermaledeiten Malaria ans Bett gefesselt wäre. Seinen Berufsethos erklärt er mit den folgenden Worten: „In meiner Branche sucht man keinen Ärger. Der kommt von ganz allein, genau wie das Böse, die Langeweile oder Katzenscheiße“. Die Arbeit eines anderen Kollegen, eines Kollegen im wirklichen Leben, nämlich als Schriftsteller, wird mit weit mehr Raffinesse beschrieben, George Bernard Shaw: „von dem es hieß, er wäre mit so viel Einsamkeit auf die Welt gekommen , dass er Theaterkritiken schreiben konnte, ohne die Stücke je gesehen zu haben“. Gibt es eine charmantere Art sein Missfallen auszudrücken? „Du hingegen hast die unheimliche, kindliche Fähigkeit, nur das zu hören, was du hören willst, und alles andere auszublenden“. Die Verknüpfung und gedankliche Weiterentwicklung führt von einem Bonmot zum nächsten und wer den „belebten Scheideweg zwischen Wahrheit und Wermut“ nicht zu gehen wagt, Finger weg von diesem Buch!
 
  Bob Dylan hat einmal gesagt, „I am so hungry, I am farting fresh air“, bei Kinky Friedman könnte man daraus machen, „I am so funny, I could even eat catshit“, denn die findet sich tatsächlich bald überall, nicht nur in der Loft... Wer über barfüßige Katzen, Malaria-Weltsichten und schwerhörige Freunde oder Nixon-Abseilen am Ende des Buches immer noch nicht lachen kann, hat den jüdischen Humor einfach nicht verstanden. Ohne mich damit brüsten zu wollen: ich habe mich selten so amüsiert! „Vielleicht waren eine Katze, die ihren Anus leckt, eine andere Katze, die einen Müllwagen durchwühlt und eine Vase mit Schnittblumen in einer ansonsten leeren Wohnung ja schon alles, was das Leben zu bieten hatte.“ Mitnichten. Lesen Sie dieses Buch und Sie werden wieder wissen, was wirklich wichtig ist im Leben und was es alles zu bieten hat: z. B. jüdischen Humor.

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