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Michael Köhlmeier
Trilogie der sexuellen Abhängigkeit

Haymon
2008
88 Seiten
ISBN-13: 978-3-85218-801-0
€ 9,95


Von Alemanno Partenopeo am 29.03.2009

  Die erstmals 1996 erschienene Trilogie kann all jenen Lesern empfohlen werden, die gerade unter Trennungsschmerzen leiden oder im Begriffe sind, sich gerade neu zu verlieben. Letzteren als Warnung angeeignet, wie schnell alles ins Absurde abgleiten kann, wenn man sich nicht rechtzeitig vor den Gefahren einer neuen Beziehung vorsieht.
  Der erste Teil „Theorie des Aufrisses“ behandelt verschiedene Aspekte der Kontaktaufnahme und der inneren Zustände und Abgründe eines männlichen Wesens bei dem Versuch, sich dem anderen Geschlecht anzunähern. Mitunter durchaus komisch und humorvoll werden zwei Freunde beschrieben, die auf die neue Angebetete des einen warten, während der andere ihm Tipps zur richtigen Verhaltensweise gibt. „Der Sinn meines Lebens ist der Krieg gegen die eigene Lächerlichkeit“, sinniert der eine, während der andere ihn ermahnt, sich nicht dauernd zu entschuldigen. „Es gibt nichts Unerotischeres, als sich dauernd zu entschuldigen.“ Eine Art autosuggestive Stabilisierung kann einem aber auch der beste Freund nicht vermitteln, vor allem dann nicht, wenn er die Angebetete auch noch kennt.
 
  Im zweiten Teil, der „Theorie der völligen Hilflosigkeit“, wird das genannte Problem aus der Perspektive einer Frau erzählt, die feststellt, dass sie betrogen wird und nun ihre Rivalin aufs oder besser ins Korn nimmt. „Ich bin jemand, der gleich kotzt. Darum habe ich auch nie etwas am Magen oder am Darm“, sagt die Protagonistin selbstsicher, doch ihr soziales Verhalten ist dann alles andere als von Selbstbewusstsein geleitet. Sie greift zum Telefonhörer und bestellt im Namen ihrer Konkurrentin Produkte auf deren Adresse. Später telefoniert sie auch mit dieser selbst, sie hatte so eine Wut, und glaubt die Wut würde auch ausreichen für das Alleinsein hinterher. Doch dann legt sie doch nicht auf, weil sie weiß, die Wut würde doch nicht reichen. Witzig ist dann auch, wie die beiden sich über ihren „gemeinsamen“ Mann austauschen, sich Tipps im Umgang mit ihm geben, ohne dabei jedoch so etwas wie Solidarität zu entwickeln. Stutenbissigkeit geht eben vor und wenn die Eitelkeit einmal verletzt ist, Gnade uns Gott vor den Racheengeln!
 
  Die dritte Geschichte, „Theorie des Heimzahlens“, nimmt sich ja genau dies zum Inhalt: das Heimzahlen, die Rache, die Vendetta. Diesmal wird wieder die männliche Perspektive geschildert: „Den Liebhaber meiner Frau will ich ermorden“, sagt der eine und Clausewitz spielt dabei sogar eine gewisse Rolle: „Der Krieg eines Gehörnten gegen seinen...seine Hörner“. Nach einigen Erörterungen und Überlegungen der Rache, dessen Methode der eine von seinem Freund erklärt haben möchte, gipfelt der Dialog schließlich in der Aussage: „Das liegt ganz in der Hand des Lieben Gottes. Sein ist die Rache. Er ist der große Heimzahler“. Tatsächlich bleibt am Ende eines Dilemmas nur eines: still halten und sich selbst genießen, denn jeder Aktion folgt eine Reaktion und der einzige Weg aus diesem circolo vitioso auszubrechen, ist eben die Stille. Michael Köhlmeier schafft es mit seinen amüsant geschriebenen Überlegungen, die wesentlichen Aspekte der Frau-Mann-Beziehung nach einer Trennung auf den Punkt zu bringen und macht dies mit viel Humor und Gelassenheit. Man mag dies auch dem Leser wünschen, der sich dieses Buch in der Hoffnung auf Trost kaufen wird: die Übung ist gelungen.

Von Sascha Todtner am 04.04.2009

  Ein Café: zwei Männer sitzen links, zwei andere rechts, in der Mitte zwischen ihnen befindet sich eine Frau. Alle fünf Beteiligten sind Gefangene Ihrer selbst, Gefangene in ihrer Liebe.
 Diese Ausgangssituation wird plötzlich aufgelöst, aber es ist eigentlich nicht wichtig, was nach diesem „Zusammentreffen“ geschieht, sondern die Vorgeschichte, das „Vorher“.
 
  Die drei Vorgeschichten werden jeweils in „Theorie des Aufrisses“, „Theorie der völligen Hilflosigkeit“ und „Theorie des Heimzahlens“ geschildert. Allen dreien ist der Wunsch nach erfüllter Liebe gemeinsam. Im Mittelpunkt der Handlungsstränge steht immer eine Person, die verzweifelt auf der Suche nach erfüllter Liebe ist bzw. diese vergeblich versucht zurückzugewinnen. Michael Köhlmeier lässt dieses Gefühl der unerfüllten Liebe in drei verschiedenen Menschen, welche sich in unterschiedlichen Phasen der Liebe befinden, aufkommen und beschreibt auf eine humoristische Weise den Umgang mit dieser Situation.
 
  „Theorie des Aufrisses“ schildert das Verlangen nach Liebe, welche objektiv Verliebtheit genannt werden müsste. „Theorie der völligen Hilflosigkeit“ erzählt vom verzweifelten Versuch sich mit dem Schicksal des Verlassenwerdens abzufinden und wird als einzige der drei Erzählungen aus der Sicht einer Frau geschildert. Hingegen beschreibt „Theorie des Heimzahlens“ den Versuch nach der Trennung sich am Grund hierfür - dem neuen Geliebten - zu rächen.
 
  „Trilogie der sexuellen Abhängigkeit“ erscheint als ein Buch seiner Zeit und hält uns einen Spiegel vor. Gleich Arno Geiger in seiner Erzählung „Im Regen“ schildert der Vorarlberger Autor Michael Köhlmeier die Liebe nach dem existenzialistischen Grundsatz „Liebe ist immer einseitig“, dennoch unterscheidet sich Köhlmeier darin im Gegensatz zu Geiger, dass er nicht ins Pathetische abgleitet, sondern das ganze Buch lang durchblicken lässt, dass diese geschilderten „alltäglichen“ Situationen satirisch überspitzt gezeigt werden, auch wenn ein jeder Leser sich in einer der fünf Akteure wiederfinden kann.
 
  Am Schluss des Buches sitzen alle in diesem kleinen Café und Nietzsches „Wiederkehr des ewig Gleichen“ führt uns zurück zum Anfang des Buches. Trost? Fehlanzeige, aber das leichte Gefühl von Freiheit…
 
  Lobend zu erwähnen ist die Gestaltung des Buches durch den Innsbrucker Haymon-Verlag. Das Cover erinnert an ein avantgardistisches Gemälde des Nouveau Réalisme. Auch die abgerundeten Ecken fallen positiv auf und machen es zu etwas Besonderem.
 
  Fazit: Ein kurzweiliges Büchlein über die Liebe, erzählt in einer vollkommen neuen Art und Weise, welche zugleich sprühend von originellem Humor sich mit der Liebe als Abhängigkeit und Sucht beschäftigt.
  Die Erzählung ist heiter und leicht, wie ein Sommerabend, aber vor allem ein Spiegelbild der Liebe und regt dadurch zum Nachdenken, zum Überdenken an.

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