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David Chauvel / Erwan Le Saec
Die Anfänge
Cosa Nostra I

Schreiber und Leser Verlag
2008
Übersetzt von Resel Rebiersch
126 Seiten
ISBN-13: 978-3-941239-00-5


Von Alemanno Partenopeo am 03.02.2009

  „Luxushuren, glanzvolle Autos, maßgeschneiderte Anzüge stachen ins Auge. Und wir wussten, dass man diese Dinge nicht erreichte, indem man die Schulbank drückte“, resümiert der rothaarige Junge, Bricks, der Erzähler der Geschichte. Einer Geschichte, die bemüht ist, die Anfänge der Mafia in Straßenschlachten a la „gangs of New York“ nachzuerzählen und auch sonst nicht in ihrem Erzählstil nicht besonders zimperlich ist. Die einzelnen Geschichten ergeben ein Kompendium von dem, wie es gewesen sein könnte und zeigen ein Amerika, das alles andere als ein gelobtes Land gewesen sein muss, wie nicht nur die Bilder zeigen. Schon in der ersten Geschichte „La mano nera“ wird klar, dass selbst die ehrenwertesten Bürger der Gesellschaft ihre Finger im Spiel hatten, wenn einfache, arbeitsame und fleißige Arbeiter ausgebeutet wurden. Verbrechen gab es auf beiden Seiten, oben und unten, bei Reich und Arm und wer überleben wollte, dem half am wenigsten das Gesetz, das immer auf der Seite der Mächtigen war. So zeigt es nicht nur die Geschichte über Herman Rosenthal, einer, der auspacken wollte.
 
  „Lentu di ncasciu“ ist einer, der die Omerta, das Gesetz des Schweigens, bricht und wenn man es genau nimmt, könnte man den beiden Autoren des vorliegenden Comics genau diesen Vorwurf machen. Sie brechen nämlich tatsächlich die Schweigepflicht über eine Organisation, einen „Staat im Staate“ noch vielmehr in den Augen jener, die Jahre lang mitgemacht haben und das Thema tabuisiert haben. Denn auch die Anti-Mafia kennt ein Gesetz des Schweigens und der stillen Kollaboration: die Tabuisierung. Der wohl düsterste Teil der amerikanischen Geschichte wird von den beiden Koautoren quasi-dokumentarisch vor dem Leser ausgebreitet und dabei kommen einige höchst unangenehme Details auch über die so genannte „normale“ Gesellschaft ans Tageslicht. Es scheint jedoch fast, als hätten es Chauvel/Le Saec mehr auf die Demokraten und ihre Verwicklungen mit der Mafia abgesehen, als auf die ehrenwerte Gesellschaft selbst.
 
  So wird etwa die Tammany Hall, die Geschäftsstelle der Demokratischen Partei in NYC als Synonym für korrupte Parteipolitik dargestellt, die nicht nur Klientelismus, sondern auch handfeste Skandale und Missbrauch von Steuergeldern zu verantworten hatte und ganz nebenbei auch in die Machenschaften der „ehrenwerten Gesellschaft“ verwickelt gewesen sei.
 Was dem einen oder anderen Leser vielleicht noch zusätzlich sauer aufstoßen dürfte, ist der Hinweis der Verwicklungen von Juden in die Verbrechen der Mafia, auf den Chauvel/Le Saec im ersten Band der noch fortzusetzenden Serie einen Schwerpunkt legen. So werden etwa Paul Kelly, Monk Eastman und Rich Cohen als Vorläufer des organisierten Verbrechens zitiert, die später nur noch von Majer Lansky in den Schatten gestellt wurden. Natürlich reicht der Hinweis auf die ethnische oder religiöse Herkunft eines Verbrechers nicht für den Vorwurf des Antisemitismus aus, sonst müsste man ja jeden Hinweis auf die italienischen Ursprung der Mafia gleich als Rassismus abtun. Lucky Luciano, Salvator Lucania oder Francesco Castiglia, der Kalabrese, sind nur ein paar Beispiele eines ganzen Kabinetts von fragwürdigen Exemplaren der italienischen Gesellschaft, die Amerika das Fürchten lernten.
 
  Die Autoren legen jedenfalls wert auf den semi-dokumentarischen Hintergrund ihres Comics, so werden im Anhang nicht nur authentische S/W-Fotos des New Yorks der 10er und 20er reproduziert, die jeden NY-Liebhaber erfreuen werden, sondern auch in Fußnoten die Vorgänge der Comichandlung erläutert. Auch wird der Leser seine anfangs durchaus berechtigten Vorbehalte am Ende des ersten Teils als völlig unbegründet erkennen können, wenn über den 19-jährigen Lucania gesagt wird: „Salvatore hatte in diesem Jahr so viel gelernt. Er würde nie mehr so dumm sein und in den Knast gehen. Er würde nie Schwielen von harter Arbeit an den Händen haben. Und Juden waren Menschen wie alle anderen, und keine Teufel, wie die italienischen Einwanderer behaupteten. Daraus folgte, dass man niemanden wegen seiner Herkunft oder seiner Religion ablehnen sollte.“ Diese Überzeugung sollte das Wesen des organisierten Verbrechens radikal verändern und vielleicht sogar die ganze Welt. Teil 2 folgt.
 
  Die Milieuschilderung von New York am Anfang des 20. Jahrhundert ist sowohl zeichnerisch als auch erzählerisch sicherlich gelungen. Auch wenn der dokumentarische Stil manchen Comic-Fan vielleicht vergraulen könnte, sei dennoch auf die fantastisch realistische Schilderung der Ereignisse verwiesen, etwa wenn sich die beiden Kontrahenten Conway und Rothstein in einem 32-stündigen Billardturnier duellieren und Bricks, der Laufbursche, frische Sandwiches bringt und die historisch verbürgten Ereignisse für den Leser kommentiert. Ein visueller Genuss sind natürlich auch die Häuserschluchten und in Sepia-getränkten Aufnahmen von Little Italy oder dem East Village, die U-Bahnschächte und Wolkenkratzer und die insgesamt sehr authentisch rübergebrachte Atmosphäre der Roaring Twenties…

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