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Josef Heinrich Darchinger / Klaus Honnef
Wirtschaftswunder
Deutschland nach dem Krieg 1952-1967

Taschen Verlag
2008
287 Seiten
ISBN-13: 978-3-8365-0019-7
€ 31,-


Von Alemanno Partenopeo am 16.01.2009

  Halbnackte Kinder vor zerstörten Wohnhäusern, Barackenlager, greise Männer und viele arbeitende Frauen. Das Bild das die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg bot wird durch keines so augenscheinlich in Szene gesetzt, wie durch das der „Trümmerfrauen“. Doch auf dieses Klischee, folgte bald ein weiteres: „Nüchtern, bescheiden, pflichtbewusst und fleißig“, so wird auch heute noch der durchschnittliche Nachkriegsdeutsche beschrieben und was die Trümmerfrauen und die anderen fleißigen Deutschen in kurzer Zeit zustande brachten wird gemeinhin als „Wirtschaftswunder“ bezeichnet.
 
  Die Anfänge Nachkriegsdeutschlands, die in vorliegender Fotodokumentation gezeigt werden, waren gewiss schwierig und es ist ganz besonders wichtig, in einem Buch, das den Titel „Wirtschaftswunder“ trägt, sich auch mit der Vorgeschichte zu beschäftigen. Viele Deutsche lebten in Hüttensiedlungen und große Wohnungen wurden in kleine unterteilt. Auffallend ist einerseits die Armut an Materiellem, andererseits der Reichtum an Kindern. Fast auf jedem Bild, die sich hier mit der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte beschäftigen, zeigen Kinder, die sich ihrer neuen Rolle gewachsen fühlen. Teilweise noch das Ergebnis nationalsozialistischer Propaganda, ist es genau diese Jugend, die Deutschland aufbauen wird und für sein Wirtschaftswunder verantwortlich zeichnet. Wenn man die Bilder sieht, hat man das Gefühl, dass es ihnen an einem ganz sicher nicht mangelte, nämlich an Stolz. Und den sollte sich diese Generation wohl noch verdienen. 37 Schüler auf einen Lehrer, dieses Verhältnis ist wohl nicht nur Ergebnis mangelnder Erwachsener, sondern auch eines geburtenstarken Jahrgangs. Oder gleich mehrerer. Auch wenn viele dieser Kinder wohl ohne Eltern oder mit fehlendem Elternteil aufwuchsen, an Disziplin mangelte es ihnen sichtlich nicht: die Erziehungsmethoden waren auch nach dem sog. Zusammenbruch noch lange Zeit dieselben geblieben.
 
  Gesundheitsvorsorge wird bald zur obersten Priorität und so zeigt auch die Kamera Bilder der neuen sozialen Maßnahmen des entstehenden Wohlfahrtsstaates. Der „Feierabend“ wird bald zu einer Errungenschaft, die man vor dem Krieg noch fast nicht kannte und so sitzen Paps mit Zeitung und Mama beim Strümpfe stopfen in ihrer Stube vor einem Radio in ihrer geförderten Sozialwohnung von 50 Quadratmetern mit indischem Klo (Toilette am Ende des Ganges). Noch gab es weder Waschmaschinen noch Landmaschinen und wer nicht in den Dreck greifen wollte, ging in den Staatsdienst. Das arbeitenden Volk hingegen hatte einiges zu beseitigen, nicht nur den Müll auf den Straßen.
 
  Erste Zeichen des Wohlstands stellen sich Ende der 50er und Anfang der 60er ein, als wieder Herren mit Hut und Stock die Fußgängerzonen und Trottoirs unsicher machen. Erste Reiseunternehmen machen auf den Straßen Bonns Werbung für Urlaub im Süden. Vorzugsweise Spanien oder Italien, die beiden Länder, die auch während des Krieges Verbündete waren, werden hier beworben, selbstverständlich ganz ohne politisch Absichten dahinter. Events der Zeit zeigen vor einer anderen Plakatwand mit Kulturanzeigen eine selbstbewusste junge Frau, mit angewinkelten Armen: stolz, herausfordernd und schön, so sollte nicht nur die neue deutsche Frau sein, sondern auch Deutschland. Andere wiederum sitzen zuhause bei einem Kaffeekränzchen und lästern über die Männerwelt oder machen mit ihren Familien Fahrten ins Blaue resp. Grüne. Eine Straßenaufnahme von Hamburg zeigt schon 1955 belebte Gehsteige und viele Automobile, darunter Mercedes, VW oder Opel…die ersten Verkehrsstaus kündigen sich bereits an.
 
  Weitere Fotos zeigen den ausgebrannten Reichstag, „Dem deutschen Volke“ prangt noch heute zwischen seinen Säulen, aber vor seinen Toren herrscht wieder Leben, der Reichstag ist wieder ins Zentrum der Stadt gerückt, nachdem er seit dem Mauerbau Peripherie war und 1995 durch einen spektakulären Initiationsritus wieder eingeweiht wurde. Auch Politiker wie Willy Brandt werden in vorliegendem Fotoband zur deutschen Nachkriegsgeschichte porträtiert, einmal wie er Blumen hält, ein andermal vor dem Brandenburger Tor, dem Symbol der Hauptstadt. „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“ soll jener am 10.11. 1989 gesagt haben und wohl bis heute damit recht behalten haben. 2009 wird der 9.11. wohl noch ausgiebig genug gefeiert werden und vielleicht noch andere Mauern in den Köpfen zum Einsturz bringen.
 
  An das gemeinsame Schicksal der BRD und DDR gemahnt dieser luxuriöse Fotoband, der auch noch durch viele andere Details (wie etwa Wahlplakate oder Karten) glänzt. Die vielen anderen Farb- und S/W-Fotos sind nach den Kriterien Familienleben, Wirtschaft, und Politik gegliedert. Außerdem findet sich im Anhang eine Chronik der Bundesrepublik Deutschland von 1945-1990, dem Jahr des eigentlichen Endes der BRD und auch der DDR. Und somit wurde das „Wirtschaftswunder“ zum Erbe aller Deutschen und vorliegende Publikation zu einer abwechslungsreichen Geschichtestunde jedes neuen Bürgers der gemeinsamen jungen neuen „Berliner“ Republik.

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