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Joachim Marzahn / Beatrice André-Salvini / Jonathan Taylor
Babylon
Mythos und Wahrheit

Hirmer
2008
Übersetzt von Matthias Wolf
279 Seiten
ISBN-13: 978-3-7774-5005-6


Von Alemanno Partenopeo am 16.09.2008

  Die Zusammenarbeit der Museen „Kunstbibliothek“, „Vorderasiatisches Museum“, „Staatliches Museum von Berlin“, des Musee de Louvre und der Reunion musees nationaux sowie des British Museums hat diese unglaubliche Ausstellung biblischen Ausmaßes möglich gemacht, die sich sowohl dem Mythos Babylon als auch dem tatsächlichen Babylon in jeweils einem Prachtband widmet.
 
  Wie man es vom Hirmer Verlag nicht anders gewohnt ist, sind die beiden Kataloge auf hochwertigem Papier gedruckt und in einem prächtigen Cover gebunden. Der „Wahrheit“-Teil umfasst 648 Seiten und ist durch viele Abbildungen historischer Fundstücke und wissenschaftlichen Texten zum realen Babylon ergänzt, er beruft sich vor allem auf archäologische Quellen. Ein internationales Wissenschaftlerteam aus London, Paris, Berlin, Wien, New Haven und anderen Städten geht in kurzen und sachlichen Artikeln den Themen „Babylon und unsere Wissensquellen“, „Das wahre Babylon“ und „Transformation“ nach. Dadurch wird das alte, real existierende Babylon wieder lebendig und man bekommt sowohl Einblicke in Religion, Recht und Wissenschaft im alten Orient, als auch in den Alltag in Babylon oder die berühmte Keilschrift. Ein besonders erwähnenswerter Ansatz ist noch ein Aufsatz zum „Humor in Babylon“. Hier wird die hoch entwickelte Kultur der Babylonier besonders augenscheinlich und auch persönlich nachvollziehbar oder wie es Eckart Frahm so schön ausdrückt: „An den Wassern zu Babel wurde nicht nur geweint, wie in der Bibel in Psalm 137 beschrieben, man wusste sich dort gelegentlich auch trefflich zu amüsieren.“
 
  Wer aber mehr an den kunstgeschichtlichen Schätzen interessiert ist, die Babylon indirekt hervorgebracht hat, wird lieber zum „Mythos“-Teil der beiden Ausstellungskataloge greifen. Die „ideengeschichtliche Rezeption Babylons“ findet in vorliegendem Katalog eine ideale Repräsentation, ausgehend von Pieter Breughels „Turmbau zu Babel“ (1563, Original im KHM Wien), dem wohl berühmtesten Bild der babylonischen Rezeptionsgeschichte in der Malerei, wird dem Betrachter ein weites Spektrum verschiedenster Interpretationen angeboten. Auch aktuelle Repräsentationen Babylons in „Sin City“ von Frank Miller wird Rechnung getragen und es gibt durchaus keine Scheu vor der zeitgenössischen Populärkultur, wenn dann auch noch auf „Herr der Ringe“ oder „Independence Day“ eingegangen wird. Tatsächlich nehmen all diese filmischen Interpretationen, genauso wie die kunstgeschichtlichen, Bezug auf ein „System Babylon“, das die Menschen versklavt hat und gegen das man aufzubegehren hat. Nicht zuletzt Bob Marleys Rastafari-Wegbereiter, eine Religionsgemeinschaft, die vor allem in der Karibik und Äthiopien anzutreffen ist, haben zu dieser Art von Bewusstseinsbildung beigetragen, Babylon wird als das Böse schlechthin stigmatisiert. Sicherlich könnte ein Herrscher wie es Nebukadnezar gewesen sein soll zu diesem negativen Image beigetragen haben und nicht zuletzt war es ja Gott selbst, der das Treiben der Babylonier durch die Sprachenverwirrung bestrafte. Sie müssen es also tatsächlich arg getrieben haben, wird hier suggeriert, wenn es selbst einem geduldigen und gerechten Gott zu viel geworden ist. Der Turmbau zu Babel wird oft als Versuch der Babylonier mit Gott gleich - oder schlimmer noch eins – zu werden verstanden. Die Sprachverwirrung als Strafe Gottes könnte aber ebenso auch als Bereicherung verstanden und interpretiert werden, das Auseinanderfallen in verschiedene Völker als eine Herausforderung für den neugierigen Conquistador (im besten Sinne des Wortes) sie zu entdecken und verstehen zu lernen und nicht zuletzt auch als ein Beweis für die Vielfältigkeit und den Reichtum von Gottes Schöpfung.
 
  Die in der Ausstellung dargestellten oder repräsentierten Werke der abendländischen Kulturgeschichte reichen von Gemälden wie das erwähnte von Breughel aus dem 16. Jahrhundert bis hin zu Fotografien von Theateraufführungen eines Stefan Zweig Stücks mit dem Titel „Jeremias“. Die Geschichte ist auch hier bekannt und bereits zum klassischen Archetyp geworden: die Juden werden durch Nebukadnezars Herrschaft in die Diaspora getrieben, Analogien zur Zeitgeschichte (1934) werden hier offensichtlich, auch wenn sie nicht so drastisch dargestellt werden müssen, wie durch Boaz Arads „Hitler Rug“, 2007, der den vermeintlichen Neo-Nebukadnezar als am Boden ausgebreitetes Bärenfell mit Kopf zeigt. Es werden aber auch Holzschnitte und Plakate gezeigt, Kunst in jeder erdenklichen Form und Manifestierung. Als sicherlich drastischste abgebildete Darstellungsform kann Zbigniew Liberas „Correcting Device. Lego Concentration Camp“ bezeichnet werden. Wie aus dem Titel deutlich wird, zeigt es ein deutsches Konzentrationslager aus Legobausteinen mit schwarzen Legomännchen als Kapo mit Knüppel und weißen Legomännchen als zum Skelett abgemagerte KZ-Insassen. Bemerkenswert dabei ist, dass Libera sein KZ aus bereits vorhandenen Bestandteilen zusammenbaute und nicht etwa Raubkopien angefertigt hat. Die Skelette stammen aus einem „Piratenset“, die Wachen aus einer „Polizeistation“. Die Türme, das Krematorium (!) und die Überwachungstürme, selbst den Stacheldraht entnahm er aus den üblichen Bausätzen von Lego, fotografierte sein Lager und verpackte es in sechs Pappkartons. Die 1996 entstandene Arbeit ist sicherlich eines der skandalträchtigsten und am wenigsten nachvollziehbaren Exponate der Ausstellung, bei näherem Betrachten wird einem jedoch klar, dass auch dieser Wahnsinn eine Methode hat und Babylon vor allem in unseren Köpfen existiert.
 
  Die weiteren Exponate folgen den Schlagwörtern „Nebukadnezar“, Darstellungen des Tyrannen und Interpretationen dieses Motivs, „Stadt der Sünde“, Jerusalem als Gottesstaat und Babylon als seine Antipode, „Semiramis“, die hängenden Gärten gehörten zu den sieben Weltwundern der Antike, „Apokalypse“ und „Sprachverwirrung“. Zusätzlich ist dieser Katalog aber noch mit elf Essays zu den genannten Themen versehen und es liest sich einer interessanter als der andere. Besonders beeindruckend sind die „Architektur-Utopien nach Babylon“, die einem die Ideenwelt des Turmbaus in der Moderne nahe bringen. Für Berlin-Besucher und Liebhaber wird aber besonders der Artikel „Berlin-Babylon“ einige aufschlussreiche Ideen liefern, warum gerade diese Stadt sich ganz besonders gut für eine epochale Ausstellung dieses Ausmaßes eignet. Der Band spricht also sowohl die intellektuelle als auch die hedonistische Seite des Lesers an und kann als Befriedigung aller Sinne durchaus in den Stand einer Kapitalsünde erhoben werden. Wer aufgrund dieses durchaus dekadenten Genusses Gottes Strafe befürchtet, sollte Rechtzeitung einige Sprachkurse belegen, um der folgenden Sprachverwirrung vorzubeugen. Wer nicht genug kriegen kann und auch noch alle anderen Sinne ansprechen möchte, besuche doch die Ausstellung im Pergamonmuseum in Berlin, die dort noch bis zum 5.Oktober 2008 auf 1500 qm zu bewundern ist. Sollten Sie es nicht mehr rechtzeitig schaffen: Eines der sieben Weltwunder der Antike ist dort ohnehin das ganze Jahr über zu sehen, das Ischtartor, ein Teil der Mauern Babylons.

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