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Rachael King
Der Ruf des Schmetterlings

Pendo Verlag
2007
Übersetzt von Maja Ueberle-Pfaff
400 Seiten
ISBN-13: 978-3866121300
€ 19,90


Von Alemanno Partenopeo am 16.09.2008

  Thomas Edgar ist Schmetterlingsforscher und macht sich auf die Suche nach einer seltenen Art, über die nur Gerüchte kursieren, auf in den Amazonas. Drei „Freunde“ begleiten ihn, allesamt Naturforscher, doch bald muss er auf sehr schmerzliche Weise verstehen lernen, dass er mit ihnen rein gar nichts gemeinsam hat. Finanziert wird das Team von einem mindestens so ominös wie sein Name erscheinenden Plantagenbesitzer namens Santos. Allein beim Aussprechen oder Schreiben des Namens zittern einem die Finger, denn der gute Mann ist so unrein wie dem Teufel das Weihwasser und hat seinen Namen (dt.: der Heilige) so wenig verdient wie ein Zuhälter seine Tantiemen. Santos ist ein sehr interessanter Charakter, gepflegt und belesen, liebt es sich zu verstellen und sich als jemand anderen auszugeben und spielt liebend gerne mit seinen Spielzeugen, den Forschern, seiner Frau und seinen Aufsehern. Diese sehr sympathischen Seiten des Bösen werden jedoch durch seine Brutalität konterkariert und man bekommt einen kompletten Charakter präsentiert, der dann eben so authentisch wirkt, dass einem die Finger zittern.
 
  Der Protagonist Thomas Edgar ist aus einem ganz anderen Holz geschnitzt und wird durch die bitteren Erfahrungen, die er am Amazonas macht, immer mehr in die Rolle des Opfers gedrängt, das sich nur ungerne fügt, aber der Gewalt letztendlich weichen muss und sich ihr durch sein völliges Verstummen unterwirft. Als er von seiner Reise – ohne seinen geliebten Schmetterling – zurückkehrt spricht er nämlich ausgerechnet mit seiner Frau nicht mehr, die sich Monate nach ihm verzehrt hatte. Die Strafe trifft also die Falsche, im Roman wie im richtigen Leben. Durch ein von seiner Frau verursachtes Unglück wird jedoch sein Trauma bewältigt und er lernt wieder zu kommunizieren. Der Epilog des Romans zeigt ihn dann als verständnisvollen und aufrichtigen Briefeschreiber, der zwar wieder verreist ist, dieses Mal auf der Suche nach etwas in Malaysia, aber sich die Rückkehr zu seiner Familie noch mehr wünscht als zuvor.
 
  Der Roman ist wie ein Sog und wird in ihn hineingezogen, wie die Protagonisten in den Dschungel des Amazonas. Man denkt oft an „Fitzcarraldo“ damit, das Opernhaus in Manaus spielt auch eine kleine Nebenrolle, und was wirklich überzeugend wirkt in diesem Debüt ist die dichte Atmosphäre, die einem bildlich vor Augen führt, welchen Gefahren sich die Naturforscher Anfang des 20. Jahrhunderts noch ausgesetzt hatten. Vogelspinnen sind dabei noch das geringste Übel, die Natur insgesamt kann lange nicht so grausam sein, wie die Menschen, die in ihr leben. Man beginnt zu verstehen wie wenig ein Menschenleben beim Aufbau unserer Zivilisation wert war und wie viele dem Gutdünken eines Einzelnen, eines Santos, ausgeliefert waren ohne sich dagegen auch nur im Geringsten wehren zu können. Denn sich wehren war gleichbedeutend mit Tod. Und danach krähte kein Hahn mehr noch dir. Beeindruckend ist auch die Szene wie Traum und Realität vermischt werden und Thomas Edgar in einem ihm von Santos verabreichten Drogenrausch seinen Schmetterling zu finden glaubt und stattdessen zwischen den Schenkeln von Santos` Frau erwacht. Auch wenn manche Weisheiten doch recht banal daherkommen („Die Fülle der Gerüche und der Reichtum der Natur stehen im starken Gegensatz zu dem armseligen Lebensumständen der Menschen.“), muss ich doch gestehen, dass ich mich bei heftigem Seitenumblättern („pageturner“) erwischt habe. Nicht zuletzt deswegen, weil die Suche nach einem seltenen Schmetterling eine allzu gefällige Allegorie für die Sinnsuche nach dem Leben ist, konnte ich mich geschmeidig an das Interieur dieses Romans und seiner Protagonisten anpassen, ohne dabei Schluckauf zu bekommen. Ein Roman so packend wie eine Reise in den Dschungel des Amazonas, nur weit weniger gefährlich und lächelnd ohne Reiseversicherung zu bestehen. Lassen Sie sich nicht von der unpassenden Covergestaltung abschrecken, was zählt ist die Suche nach Ihrem Schmetterling! Vielleicht finden ja Sie ihn…
 
  Rachael King ist erst Mitte Dreißig und wuchs in Auckland auf. Sie ist die Tochter von Michael King, einem der wichtigsten Autoren Neuseelands, dem sie auch vorliegenden Roman gewidmet hat. Sie arbeitete für Radio und Fernsehen und hatte auch schon mal eine eigene Band bis sie schließlich selbst Schriftstellerin wurde. Ihr erster Roman wurde 2005/06 mit dem Lilian Ida Smith Award ausgezeichnet. Heute lebt sie verheiratet in Wellington.

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