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Heinrich Steinfest
Gebrauchsanweisung für Österreich

Piper
2008
179 Seiten
ISBN-13: 978-3492275682
€ 12,90


Von Alfred Ohswald am 03.08.2008

  Heinrich Steinfest, sonst für seine satirischen Krimis bekannt, stammt aus Österreich, lebt aber mittlerweile seit einigen Jahren in Stuttgart. Somit verbindet er auf ideale Weise das Insiderwissen des Einheimischen mit der kritischen Distanz des Blicks von außen. So gehen seine Betrachtungen deutlich über die meist üblichen, witzigen Variationen über die altbekannten Klischees hinaus. Und für einen Satiriker ist sein Buch – frei nach Wolf Haas – eine überraschend Kalauerfreie Zone. Das bedeutet natürlich nicht, dass es frei von Ironie und Satire ist, allerdings stolpert man nicht an jeder möglichen und unmöglichen Stelle darüber. Steinfest hat sich durchaus ernsthaft den eigenen Kopf über die Österreicher zerbrochen und liefert den Lesern ureigene Gedanken und nicht den üblichen Brei aus Musikantenstadl, Walzer. Mozart, Herr Karl und Tante Jolesch.
  Natürlich bleibt eine derartiges Buch immer unvollständig – mir fehlte unter anderem die TV-Sendung „Club 2“ und die Erwähnung von typisch österreichischem Schicksal von Krankl bei seiner Rückkehr von Barcelona nach Österreich – was aber in diesem weitgehend vorgegebenen Format aber auch schlicht aus Platzgründen nicht anders möglich ist.

Von Christel Schweitzer am 05.10.2008

  „Am besten kann man den Österreicher vielleicht damit ärgern, ihn nicht als Österreicher wahrzunehmen, sondern als halben Deutschen oder ganzen Europäer oder als Missing link zwischen Ost und West oder doch als Teil der internationalen Gemeinschaft. Denn der Österreicher will mitnichten irgendwo dazugehören…“ (Seite 17)
 
  Wenn uns der Piper Verlag ein Büchlein vorlegt, dass als Gebrauchsanweisung für Österreich herhalten soll und als Autor einen in Deutschland lebenden Österreich-Flüchtling, nämlich Heinrich Steinfest, verdingt, darf es nicht wundern, wenn dieser „Ratgeber“ mit unverhohlener Häme die Schwächen und Sonderlichkeiten des alpinen Binnenvolkes so richtig auf’s Korn nimmt.
  So als hätte der hierin sehr oft zitierte Thomas Bernhard „Der famoste unter allen österreichischen Nestbeschmutzern…“(Seite 11) Pate gestanden, zieht Steinfest frank und frei über die Kleinstaatbewohner her.
  Sicher, abgesehen von der teils ins Sarkastische abdriftenden Kritik an seinen Landsleuten, schwingt auch ein wenig Wärme mit: “Es ist ein Gedanke, der mich oft fasziniert hat, die Vorstellung, dass in jedem Menschen auf dieser Welt ein klein wenig von einem Österreicher steckt: ein Bakterium, eine winzige Krankheit, eine kleine Bitterkeit, die in einer humorvollen Schale steckt…“ (Seite 159-160)
 
  In zehn Kapitel unterteilt Steinfest seine Gebrauchsanweisung, manche muten untypisch an – z.B. „Der Österreicher und der Fußball“, „Der Österreicher und das Sonderliche“.
  Er beginnt seine Reise durch Österreich mit einer Zugreise von Stuttgart nach Österreich und er beendet seine Abhandlung mit der Rückreise per Zug nach Stuttgart.
 
  Steinfest stellt die Österreicher in seinem satirischen Psychogramm als skurrile und absonderliche „Umstandsmaier“ dar, die entweder gedanklich im Ornament leben „Auch in dieser Hinsicht besteht wieder die so überaus prägende Liebe zum Ornament. Das Ornament unterstreicht die Bedeutung der Dinge“ (Seite16) oder ihr Leben im Strudel verbringen „In den Strudeln des Landes rotieren die Menschen, rotieren ihre Gedanken. Was nicht im Widerspruch zur oft kolportierten Langsamkeit der Österreicher steht. Erstens sind sie nicht wirklich langsam, sondern umständlich…und zweitens befinden sich die meisten Österreicherin den oberen Sphären des Strudels oder seiner Peripherie…“ (Seite 85).
  Das Ornament steht hier für des Österreichers Liebe zum Titel, zur gesellschaftliche Position, für seinen Respekt für und seine Hingabe an das Nebensächliche, das Verschnörkelte, das Opulente.
  Hingegen soll der Strudel die verwirrt „g’schafftige“ Art des Österreichers darstellen, der getrieben vom Großen sich im Kleinen verstrickt. Mir fällt hierzu unweigerlich der Charakterschauspieler Hans Moser ein, der genau diesen Menschentypus immer wieder in seinen Rollen verkörperte.
  Diese beiden Metaphern passen wohl auch zu jener, die den Österreicher nicht als träge sieht, sondern sogar als hyperaktiv, nur, so Steinfest:“ Wo ein Deutscher zwei Schritte macht, macht er [der Österreicher] vier, von denen aber einer zur Seite und einer nach hinten führt.“ (Seite 16)
 
  Kommen wir doch bitte auf die österreichischen „Umstandsmaier“ zurück, denn einen ebensolchen habe auch ich gerade geortet:
  Heinrich Steinfests Stil entspringt seiner eigenen Strudelphilosophie: er schraubt sich langsam an und in sich selbst hoch. Nach kleineren und größeren Umwegen ist dann so manches angepeilte Thema erreicht, wobei der Leser in mehr oder minder verwunderter Verfassung zurückbleibt.
  Damit ist der Stil weder leicht zu lesen, noch jedermanns Sache.
  Die Sprache hingegen versucht betont bundesdeutsch-präzise daher zu kommen.
 
  Sonderbar, nicht sonderlich mutet die Auswahl der Personen und Themen an, die Steinfest heranzieht um jenen Metaphern – siehe oben – Leben einzuhauchen; als da wären: Thomas Bernhard, Stifter, Peymann, Udo Proksch, Kyselak etc.
  Die Themen, die Steinfest hervorhebt, um des Österreichers Umgang mit sich und seiner Umwelt zu portraitieren, fußen fast alle in der Gegenwart oder doch zumindest in der Nachkriegszeit. Fraglich ist, meines Erachtens, ob viele Nicht-Österreicher mit der österreichischen Gegenwartsgeschichte so firm sind, um diese differenziert als Quelle des Steinfesten Zynismus nachvollziehen können.
 
  Es gibt viel in diesem Buch, dem ich nicht zustimmen kann, weil ich – selbst Halb-Dänin-Halb-Österreicherin – die Landsleute meines Vaters (und mich selbst) nicht so verworren, verschroben und verkorkst wahrnehme.
  Meine volle Begeisterung hingegen erntete das Kapitel „Der Österreicher und die Süßigkeiten“: hier wird über den Verzehr von Schwedenbomben und die Handhabung von Mannerschnitten philosophiert, hier werden Palatschinken gefüllt und solche, die erkaltet sind zu Frittaten verarbeitet, hier geht es um den Strudel und sehr am Rande um die international bekannte Sachertorte.
 
  Gut, es scheint als könnten sich Herr Steinfest und ich nicht einigen, was einen „echten“ Österreicher ausmacht, aber in punkto Süßwaren haben sich unsere „Geschmäcker“ getroffen, wenigstens. „Jedenfalls halte ich es für ein Muss, dass wenn man Österreich wieder verlässt, er neben Mannerschnitten, Schwedenbomben, einer Flasche, gefüllt mit Wiener Hochquellwasser (also Leitungswasser), auch frisches steirisches Kürbiskernöl in seinem Gepäck mit sich führt…“ (Seite 99)
 
  „So funktioniert Heimatliebe: derart nahe am Gegenstand seiner Liebe zu sein, dass man den Gegenstand nicht mehr zu sehen braucht…“ (Seite 175).
 
  Na dann, Herr Steinfest, willkommen zu Hause!

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