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Michael Amon
1968
Ein kurzes Lächeln im langen Mai

Molden Verlag
2008
200 Seiten
ISBN-13: 978-3854852254
€ 19,95


Von Alemanno Partenopeo am 20.07.2008

  Falls Sie das Buchcover an irgendetwas erinnern sollte, haben Sie ein gesundes Verhältnis zu Ihrer Vergangenheit: Sie haben sie (doch nicht ganz) vergessen! Und wer sich nicht mehr daran erinnern kann, der war damals, 1968, ganz sicher dabei, heißt es. Der vorliegende Buchumschlag ist tatsächlich - nein, Sie haben sich nicht getäuscht – in Farbe und Schriftart dem Plattencover von Beggar`s Banquet der Rolling Stones, die in vorliegenden Lebenserinnerungen gleich mehrmals zu Ehren kommen, nachempfunden und zwar bis hin zum „R.S.V.P.“. Amon ist nämlich bekennender Stonesfan und Beatlesverachter, das allein schon genügte in meinen Augen, sich seine Betrachtungen zum „Thema Nr. 1“ zu Gemüte zu führen.
 
  Aber es gibt noch viel mehr Gründe, dieses Buch von Amon zu lesen, denn es werden nahezu alle Fragen, die Sie schon immer zu 1968 hatten und sich nie trauten zu stellen, beantwortet. Amon selbst war „damals“ zwar erst 14 Jahre alt, aber er hat seine Hausaufgaben gemacht und alles was `68 so wichtig macht in seinem Buch zusammengetragen und mit seinen eigenen Erfahrungen als österreichischer Internatszögling vermischt. Herausgekommen ist eine amüsante Lektüre, die man nicht missen möchte, denn sie ist beseelt vom Geist der damaligen Zeit, auf Italienisch würde man sagen „spiritoso“. Amon spart keineswegs mit Selbstkritik und Autoironie, wenn er – stets im Plural – über die Generation ´68 schreibt: „Antiautoritär wie wir waren, liebten wir unsere Autoritäten“. „Raketen auf den Mond waren gut, Raketen gegen die Russen böse.“ „Wir waren die gläubigsten Gläubigen und hatten soeben unseren Glauben verloren. Aber wir glaubten an unsere Träume. Einen kurzen Moment waren wir waghalsig genug, der Realität einen Tritt zu versetzen und unsere eigenen Wirklichkeiten zu leben. (...) Wir waren alle nur Schnecken, die ein unerklärbarere Zufall zu grotesker Geschwindigkeit verurteilt hatte.“
 
  „Speed kills“, sagt man und diese Lawine wurde losgetreten mit einem Prozess gegen die Rolling Stones wegen Rauschgiftbesitzes. „Hier standen wir alle vor Gericht“, schreibt Amon und es geschieht das Unglaubliche: die Stones werden begnadigt. Vorausgegangen waren dem Prozess einige Artikel in der Times, die die öffentliche Stimmung mit den Worten „Who breaks a butterfly on a wheel“ zum Kippen gebracht hatte. Dass sich die Stones später als alles andere als Schmetterlinge entpuppten ist eine andere Geschichte, wichtig war, dass selbst das Establishment die scharfen Antidrogengesetze erstmals verurteilte oder zumindest in Frage stellte.
 
  Amon versteht es auch, „das“ Ereignis des Jahres 1968 spannend zusammenzufassen: die Barrikaden des Mai ´68 im Pariser Quartier Latin. 400 Studenten sollen damals schwer verletzt worden sein, 460 verhaftet und 200 Autos zu Schrott zertrümmert worden sein. Heute nimmt sich diese Bilanz als vergleichsweise mager aus, wenn man an die Pariser Vorortekrawalle von 2006 denkt. Aber das Ereignis war vielmehr, dass sich die Bevölkerung mit den Studenten solidarisierte und einige Tage später 9 Millionen Menschen auf den Straßen standen und demonstrierten, während de Gaulle in der Versenkung verschwand. Als sich der Rauch wieder verzogen hatte, war jedoch alles wieder beim Alten. Auch diese Bilanz fällt sehr mager aus: de Gaulle gewann im Juni die Wahlen und die Kommunisten beherrschten die Gewerkschaften, „Die alte, gewohnte Ordnung war wieder hergestellt: Die Gaullisten regierten und die KPF hatte wieder das Monopol auf Opposition. Die beiden autoritären Hauptströmungen der französischen Gesellschaft hatten sich gegen die `Antiautoritären´ durchgesetzt.“
 
  Dennoch haben die linken Studenten nicht verloren. Es mag verwundern, dass ein Monsieur Sarkozy, polnischer Einwanderer und Ehebrecher in aller Öffentlichkeit, gerade gegen die „Überbleibsel der `68er in Staat und Gesellschaft“ zu Feld ziehen will, verdankt er doch genau diesen seinen Wahlsieg und die Tatsache, dass er noch an der Macht ist. Ohne `68 hätte er nämlich nicht – als verheirateter Mann und Präsident – vor laufender Kamera mit Carla Bruni, einem bekannt promiskuitiven Model, turteln können. Skandal, Skandal und heute doch völlig normal? Seltsam eigentlich, dass Amon in seinem Buch nicht auf die Beziehung zwischen Bruni und Jagger eingeht, als Stonesfan müsste er davon eigentlich wissen, aber vielleicht hat er es aus Pietätsgründen dann doch abgelehnt, oder doch eher aus Scham?
 
  Besonders witzig ist dann dafür wieder wie Amon die Hundertwasseraktion im Studentenheim Döbling und deren Nachstellung in seinem Internat beschreibt, übrigens wird - ganz un-gschamig, für den den`s interessiert - ein Hundertwassernacktfoto abgebildet, so wie auch zwischen den Kapiteln immer wieder andere Covers von Stonesalben et al stolz präsentiert werden. Amon glänzt auch, wenn er das Selbstverständnis der Wiener Sozialdemokraten karikiert oder sich über K-Gruppen und RAF auseinandersetzt, denn die haben mit `68 allesamt nichts zu tun, wie er richtig herauszustreichen weiß. Natürlich streift er auch das Hörsaal 1 Ereignis und die Otto Mühl Kommune und findet auch dafür die richtigen Worte: „Dass der Höhepunkt des Mai 68 in Wien an diesem 6. Juni stattfand, ist für Österreich nicht untypisch. Während in den USA Menschen im Gewehrfeuer starben, im Quartier Latin Barrikaden gebaut wurden, in Deutschland Dutschke um sein Leben rang, wurde in Wien auf alles geschissen.“
 
  DAS hat sich aber wohl bis heute nicht geändert. Michael Amon wurde 1954 geboren, absolvierte die Hak, arbeitete in der Privatwirtschaft und ist seit 1992 freier Autor, auch als Verfasser von Theaterstücken. Er schreibt auch immer wieder Essays in deutschen und österreichischen Tageszeitungen oder arbeitet für den ORF. Bei Molden sind auch erschienen: „Sonnenfinster“ und „Nach dem Wohlstand“. 2005 wurde er mit dem Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis für das politische Buch ausgezeichnet. „But what can a poor boy do exept to sing for a rock`n`roll band” aus Street Fighting Man von den Stones wurde zwar zu seinem Lebensmotto, „gesungen“ hat er jedoch nie. Außer mit diesem Buch über die `68er, aber das wusste die Staatspolizei ohnehin schon alles. Von der Revolution blieb ohnehin nur der Rock`n´Roll...

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