Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Franz Xaver Karl
Fünf Tage im Juli

Blumenbar Verlag
2007
260 Seiten
ISBN-13: 978-3-936738-29-2
€ 18,– [D] 18,50 [A] sFr 31,50


Von Alemanno Partenopeo am 13.06.2008

  „Die Julisonne stand wie ein riesiger Schmerz am Himmel.” Der berühmte erste Satz. Er wirkt so bedrohlich, dass man gleich weiterliest ohne weiter darüber nachzudenken. Doch es haben schon viele gute Romane mit einem ähnlichen Satz angefangen. „The sun had become our enemy“ etwa von Douglas Coupland. Oder denken wir an diesen Film, “Nur die Sonne war Zeuge”, mit Alain Delon als heimtückischem Mörder. Mir steigt das Grauen die Wirbelsäule hinauf. Und tatsächlich ist das Thema dieses Romans, kein angenehmes: der Tod eines Familienangehörigen. Des Vaters. Aber in Karls „fünf Tagen im Juli“ ist er nicht tot, der Vater, nein, noch viel grausamer: er stirbt. Und wir beobachten die Töchter, die Söhne und die Mutter in diesem Prozess, wie er oder sie, jede oder jeder auf seine Art mit der Situation fertig wird.
 
  Sympathieträger ist eindeutig Florian, der jüngste Sohn. Theo, sein sterbender Vater, liegt unter einem Kirschbaum und fühlt sich von dessen Früchten verhöhnt. „Er war ausgesperrt worden aus dem Universum des Werdens und Gedeihens.“ Alles um ihn herum blüht und gedeiht nämlich und er begreift, dass das Nichts, eine rein menschliche Angelegenheit ist. „Die Natur kannte es nicht.“ Eine seltsame Milde hatte von ihm Besitz ergriffen und am Ende blieb nur mehr die Liebe übrig, für alle, selbst für seine schreckliche Frau. Aber nicht nur Theo wird hinreissend authentisch in diesem Familiendrama, das an „Das Fest“ erinnert, beschrieben. Auch Martha seine Frau, bekommt so viel Leben, dass man sie förmlich vor einem stehen sieht. Es gibt tatsächlich immer noch viele Mütter wie sie, die im Nationalsozialismus aufwuchsen und dessen Idelogie verinnerlicht haben. Ihre antisexuelle Einstellung wird denn auch für die Misere der Familie verantwortlich gemacht, denn der Vater begann bald zu trinken, ging zu anderen Frauen und fuhr gegen Bäume. Aber ist nicht auch die Mutter ein Opfer? Ein Opfer ihrer Umstände? Man findet dennoch kein Mitleid für sie. Auch für Ruth nicht, Florians ältere Schwester, die ehrgeizige Erbschleicherin. Dann gibt es noch diesen Halbbruder, der in Mexiko sein Glück gefunden hat und eine weitere Schwester. Das Familiendrama nimmt seinen Lauf. Die Charakterstudien sind gut geschrieben und so machner wird eigene Wesenszüge darin erkennen. „Die Rohheit in den Gemütern, die Verstellung, der Opportunismus. Die endlich heile Welt, die grosse Verdrängung. Der Krieg, der sich in den Familien fortsetzte: Gewalt, Schläge, Schuld.“
 
  „Fünf Tage im Juli“ ist eine Art Nachkriegsroman. Der Krieg allerdings ist nicht vorbei. Er hat unsichtbare Verwundungen in den Gehirnen der Betroffenen hinterlassen und diese fügen sie immer wieder aufs neue ihren Kindern zu. So pflanzt sich das Unheil fort. Auch wenn am Ende ein Krebs alles auffrisst, es wird nichts wieder gut. Die Wunden schmerzen und vielleicht kann man das Heil wirklich nur in der Flucht suchen, so wie der älteste Sohn, Horst. Oder die anderen einfach überleben: das gelingt Florian mit Sicherheit. Und wenn er am Ende seinem Vater verzeiht, hat zumindest er es verstanden: „In Theos Gemüt schein ein dünn behäuteter Zorn zurückgeblieben zu sein, ein Zorn, den seine beanspruchten Nerven aus dem Krieg nach Hause geschleppt hatten. (...) Die Kur für Theo, das war Florian sich sicher, wäre nur die Liebe selbst gewesen.“
 
  Franz Xaver Karl, geboren in Schönberg/Bayrischer Wald, lebt in München. Autor für BR 2 Radio, BR Capriccio, ARD- Kulturreport, 3-sat-kulturzeit und arte. Autor der Romane "Memomat" und "Starschnitt".

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.