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Bernd Kramer / Wolfgang Eckhardt (Hrsg.)
Bakunin Almanach
Band 1

Karin Kramer Verlag
2007
278 Seiten
ISBN-13: 978-3-87956-320-3
€ 24,80


Von Alemanno Partenopeo am 13.06.2008

  Das Umschlagbild zeigt Bakunin und Garibaldi auf dem Gründungskongress der Friedens- und Freiheitsliga in Genf 1867 und soll wohl den Umstand betonen, dass Bakunin nicht nur prominente Gegner (Karl Marx), sondern auch ebenso berühmte Kollegen hatte. Garibaldi war zwar alles andere als Anarchist, aber das stört auf dem Gemälde von Claude Tabet nur die Pedanten. Die gemeinsame Idee war ja die Verwirklichung des Friedens und als conditione sine qua non den Sozialismus. Es führen bekanntlich viele Wege nach Rom. So auch in diesem Almanach, in dem Sie Bakunin sowohl in den Briefen von der persönlichen Seite als auch durch Erinnerungen, Zeitgenossen, Philosophie von der Außensicht kennen lernen und sogar ein paar alte Linoleumschnitte (Marx und Bakunin beim Armdrücken) wurden dankenswerterweise zur Illustration des Almanachs beigesteuert.
 
  Der erste Teil des vorliegenden Bakunin-Almanachs wird aber mit Dokumenten der ganz anderen Art eröffnet und zeigt den Anarchisten Bakunin von seiner zärtlichen Seite: „Ich brauche Deine Nähe...dadurch werde ich stärker“, schrieb er an seine Frau Antonija Kwiatkowska. Er beschreibt sie mit folgenden Worten: „Sie ist eine Polin, aber ihrer Überzeugung nach durchaus keine Katholikin, deshalb ist sie auch frei von politischem Fanatismus, sie ist eine slavische Patriotin.“ Erst durch die Intervention des Generalgouverneurs von Ost-Sibirien, dem Cousin von Bakunin, willigte übrigens der Schwiegervater in die Ehe der beiden ein, denn zuerst hatte er sich für seine Tochter eine bessere Partie als Bakunin erhofft: Antonija war gerade mal 17, Bakunin 44 Jahre alt! „Mde Bakounine“ konnte ihm - nach der Hochzeit - aber erst 22 Monate später ins Ausland folgen, da ihr die Behörden in Russland große Schwierigkeiten bei der Ausreise machten. Aus diesen 22 Monaten (1862/63) stammen auch die hier abgedruckten Briefe. „Sobald du da bist“, schreibt er in einem seiner Briefe an die geliebte Antonija, „fahren wir nach Italien. – Dort ist es sowohl billiger als auch angenehmer, und es wird genug zu tun geben.“
 
  Weitere Briefe an Turgenev, Carl August Röckel, Streit und Paget aus demselben Zeitraum folgen und zeigen Bakunin von einer sehr persönlichen Seite, denn obwohl die Politik Dreh- und Angelpunkt der Beziehungen ist, begreift man gerade in den Briefen Bakunins Person etwas komplexer. Bakunins Zellennachbar Gautsch wird von Ernst Wenzel, ein böhmischer Subversiver, bei der Beschreibung der Person Bakunins zitiert: „Bakunin war von mächtiger Gestalt, ein wahrer Hüne mit einem ehernen Gesichte, dem man eine gewaltige Energie ansehen konnte. Wenzel selbst beschreibt ihn so: „Ich fand Bakunin und die deutschen Republikaner, die ihn umgaben, voll Zuversicht auf den Sieg der Volkssache“. Er habe stets „unbefangen, gerade und entschieden“ gesprochen. „Wer in seinen Bann geriet, habe sich seines förmlich magnetischen Einflusses kaum erwehren können“, er sei von „suggestiver Willenskraft“ (Gautsch) beseelt gewesen.
 
  Auch die tschechische Bakuninforschung wird mit einem Beitrag zitiert und natürlich auch russische Historikerinnen. Kaminski schreibt über Bakunins Verhältnis zu dem polnischen Schriftsteller Adam Mickiewicz. Marshall Shatz beschreibt Bakunins Beziehung zu Turgenev und Rudin, dem Titelhelden des Romans von Turgenev. Dieser Rudin ähnelt Bakunin und man kann bei seiner Lektüre viel über ihn lernen. Der Autor schrieb einmal, dass er aus seinem ganzen bisherigen Leben keine andere Erinnerung mitnehmen möchte als: „Ich habe am 20. Juli 1840 Bakunin kennengelernt.“ Seine Darstellung Rudins ist für Bakunin jedoch weniger schmeichelhaft. Rudin „ist ein Mann der Ideen, lässt aber echte Leidenschaft vermissen; seine Rhetorik hat Feuer, aber Blut ist kalt; er philosophiert brillant, ist aber unfähig zur Liebe. Kurzum er verfügt über ein Übermaß an Verstand, und einen Mangel an Herz; er wird daher über die Liebe abstrakt diskutieren, die Fähigkeit zu spontanen Gefühlen geht ihm aber ab.“ Wie Marshall Shatz nachweist geht es mehr um den die jungen Russen der 1830er Jahre, die vom (deutschen) philosophischen Idealismus angesteckt worden waren. Es ist jedenfalls nicht der Bakunin der 1860er, den man zu kennen glaubt, der in Rudin beschrieben wird. Das Kapitel „Zeitgenossen“ wird mit Heiner M. Beckers Aufsatz über Bakunins Verhältnis zu den Brüdern Reclus abgeschlossen.
 
  Als letztes Kapitel folgt noch der „Philosophie“-Teil. Bakunin vs. Postanarchismus von Gabriel Kuhn. Der Autor bezieht sich auf englischsprachige Literatur. Als Postanarchismus wird gemeinhin die Verbindung von Anarchismus mit poststrukturalistischer Theorie bezeichnet, die Auflösung von Theorie und Praxis, die dennoch in ihren akademischen Fesseln gefangen bleibt, wie der Autor schreibt. Jürgen Mümken analysiert Bakunins Verhältnis zu Autorität und mit einem berühmten Wort Bakunins will ich hier schließen (auch wenn der Almanach noch viel mehr Interessantes beherbergt, das Sie am besten selbst erkunden): „Diese Maßlosigkeit, dieser Ungehorsam, diese Empörung des menschlichen Geistes gegen jede ihm auferlegte Schranke, sei es im Namen des Herrgotts, sei es im Namen der Wissenschaft, bilden sein Glück, das Geheimnis seiner Kraft. Auf der Suche des Unmöglichen hat der Mensch immer das Mögliche verwirklicht und erkannt, und die, die sich weise auf das beschränkt, was ihnen möglich schien, sind nie um einen einzigen Schritt vorwärts gekommen.“

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