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Daniel Keel / Winfried Stephan (Hrsg.)
Das Tucholsky Lesebuch
Ausgewählte Schriften aus den Gesammelten Werken Kurt Tucholskys

Diogenes
2007
971 Seiten
ISBN-13: 978-3-257-23519-7
€ 12,90


Von Alemanno Partenopeo am 13.06.2008

  „Ein kleiner dicker Berliner, der mit seiner Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte.“ So hatte Erich Kästner einmal Tucholsky beschrieben und man hätte ihm gewünscht, dass es ihm gelungen wäre. „Man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte“ schrieb Tucholsky als Kommentar zur Machtübernahme Hitlers 1933. Seine drastischen Worte, sein Humor, sein Zynismus haben leider nicht ausgereicht die Katastrophe zu verhindern, dabei liest sich sein Werk so aktuell und modern, man wünschte sich, es möge andere noch zu kommende verhindern.
 
  „Wie kommen eigentlich die Löcher in den Käse?“ ist noch eine von den harmloseren Geschichten und glänzt vor allem durch einen geradezu vorbildlichen Anti-Spießbürger-Sarkasmus gegen die vermeintlich heile Welt der Familie. Wie keinem anderen gelingt es Tucholsky in dieser kleinen aber feinen Geschichte die wahren Hierarchien und autoritären Verhältnisse aufzubrechen und bloßzulegen. Eine andere fragestellende Geschichte lautet etwa „Wie sieht der Erfinder des Reisverschlusses aus?“ und in einer herzzerreißenden Geschichte wird dieser dem Leser vorgestellt, um ihn am Ende der kurzen Geschichte als Zeitungsverkäufer auf dem Boulevard Sebastopol in Paris wiederzufinden. Sein Zelluloid-Girl ist weg mit einem anderen, seine Geldtasche leer und schlafen muss er in einem Stundenhotel, aber eine Schadenfreude bleibt ihm: nur er weiß der Reißverschluss funktioniert. Und er verrät`s keinem.
 
  Geschichten so munter erzählt, dass man fröhlich weiterliest. Er spart auch nicht mit Lob und Kritik für seine Kollegen. Etwa in einer Besprechung von Bert Brechts „Hauspostille“ in dem er dem Autor grobe Knochen aber Feinheit im Leiden vorwirft. „Brecht hat überhaupt nichts Gütiges – es ist etwas Jugendlich-Grimmiges darin und Verzweiflung.“ Weiter schreibt Tucholsky, dass Brecht ein Gehauter sei, „und ich habe fast Furcht mich an ihn zu verlieren. Er zwinkert – hat er uns hineingelegt? Ich glaube er hat es ein paar Mal versucht, er ist wohl böse von Natur und ein bisschen tückisch und kann es nicht lassen. Aber mag er böse sein. Er kann nicht nur viel, er ist nicht nur ein Sprachmeister; er hat, um ein berliner Ausdruck zu gebrauchen, `er hat was drin´.“
 
  Und in vorliegendem Kurt Tucholsky Lesebuch ist tatsächlich alles „drin“, was Sie sich von einem großen Schriftsteller erwarten mögen: Witz, Ironie und Intelligenz.

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